Letztes Update am Sa, 10.11.2018 17:34

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


EU

European Balcony Project: Europäische Republik ausgerufen

Im Rahmen eines Kunstprojekts wurde am Samstag die Europäische Republik ausgerufen. Peter Simonischek sprach von einer „Utopie“, aber Kunst dürfe „visionär sein“.

Peter Simonischek am Samstag im Rahmen einer Vorlesung im Rahmen der Veranstaltung "European Balcony Project".

© APAPeter Simonischek am Samstag im Rahmen einer Vorlesung im Rahmen der Veranstaltung "European Balcony Project".



Wien – Am Samstag, wurde um 16 Uhr von über 100 (Theater-)Balkonen und öffentlichen Plätzen in ganz Europa die Europäische Republik ausgerufen. Die Teilnehmer beteiligten sich an einem Kunstprojekt des österreichischen Autors Robert Menasse und der Politikwissenschafterin Ulrike Guerot. In Österreich waren u.a. das Burgtheater, das Volkstheater und die Schauspielhäuser in Graz und Wien mit dabei.

Rund 200 Europa-Fans jubelten dem Burgschauspieler Peter Simonischek auf dem Josef-Meinrad-Platz neben dem Burgtheater zu. Eingeleitet von der Europa-Hymne, die mit einer E-Gitarre und von einem Bläserensemble interpretiert wurde, verlas der prominente Darsteller vom Direktionsbalkon das Manifest zur Ausrufung der Europäischen Republik. Immer wieder musste Simonischek seinen Vortrag wegen spontanem Beifall und Jubel-Rufen der EU-Fahnen schwenkenden Menschen unterbrechen.

Burgtheater-Direktorin kritisiert politische Kultur

„Wir erleben gerade, dass das politische Österreich eine Vorreiterrolle für nationalstaatliches Denken einnimmt, dabei leichtfertig unsere zivilisatorischen Werte wie Menschlichkeit und Demokratie über Bord wirft und unsere Sicherheit innerhalb der europäischen Gemeinschaft gefährdet“, wird Burgtheater-Direktorin Karin Bergmann auf der Website des Hauses zitiert. „Dass sich gerade das österreichische Nationaltheater an dieser politisch-künstlerischen Aktion beteiligt, halte ich für immens wichtig.“

Auch Peter Simonischek äußerte sich auf der Burgtheater-Homepage: „Ich verlese das Manifest vom Direktionsbalkon des Burgtheaters aus, mit Blick auf Ballhausplatz und Heldenplatz, also mit Blick auf den Sitz der österreichischen Regierung. Ich erwarte mir von dieser Aktion ein starkes Signal für ein Europa, das alle seine Bürger*innen vereint. Natürlich ist das jetzt erst einmal eine Utopie, aber wer nicht denn die Kunst sollte visionär sein?“

Manifest auf Flugzettel gedruckt

Im Anschluss an die Verlesung des Manifests regnete es Flugzettel vom Balkon, auf denen Auszüge des Manifests abgedruckt sind. Darauf heißt es unter anderem: „An die Stelle der Souveränität der Staaten tritt hiermit die Souveränität der Bürgerinnen und Bürger. Wir begründen die Europäische Republik auf dem Grundsatz der allgemeinen politischen Gleichheit jenseits von Nationalität und Herkunft“.

Mit Flugzettelregen, aber ohne Musikbegleitung erfolgte die Ausrufung der Europäischen Republik am Wiener Volkstheater, wo Jan Thümer den von Menasse und Guerot verfassten Text per Megafon vor rund 50 Zuschauern verlas. Am Schauspielhaus Graz beteiligte man sich mit einem Kurzfilm. „Setzen wir ein Zeichen für ein gemeinsames, vereintes Europa. Dem grassierenden Mangel an Solidarität und menschlicher Empathie in unserer Gesellschaft müssen wir gemeinsam ein friedliches, entschlossenes ‚Wir‘ entgegensetzen“, forderte Intendantin Iris Laufenberg in einer Aussendung. Auch das Werk X, die Kunsthalle Wien, das Landestheater Niederösterreich und zahlreiche weitere Kulturinstitutionen oder Privatpersonen beteiligten sich in Österreich an der Aktion, die europaweite Unterstützung fand.

100 Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkrieges wollen die Initiatoren mit ihrer Aktion einen Anstoß zu einer Diskussion zur Weiterentwicklung des Europäischen Einigungsprojekts und der Schaffung einer gemeinsamen europäischen Demokratie geben. „Wenn die Europäische Republik eine Utopie ist, dann ist sie eine sehr konkrete Utopie, viel weniger utopisch als die Idee der Gründerväter der Europäischen Union“, hatte Robert Menasse vor wenigen Tagen auf einer Pressekonferenz erklärt. „Was damals auf die Schiene gestellt wurde, war wesentlich radikaler als heute. Was wir jetzt anbieten, ist nichts anderes als der logische nächste Schritt in der europäischen Entwicklung.“ (APA)


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