Letztes Update am Sa, 10.11.2018 19:46

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Erster Weltkrieg

Merkel und Macron erinnern in Compagnie: „Nie wieder Krieg“

Nach dem Ersten Weltkrieg unterzeichneten die Deutschen im Wald bei Compiegne ihre Kapitulation. Im Zweiten Weltkrieg ließ Hitler den gleichen Waggon aus dem Museum holen, um die Franzosen zu demütigen. Erstmals war nun eine deutsche Regierungschefin an dem symbolträchtigen Ort – und setzte mit Frankreichs Präsidenten ein Zeichen der Versöhnung.

© APA/AFP/POOL/PHILIPPE WOJAZERDie deutsche Kanzlerin Angela Merkel und der französische Präsident Emmanuel Macron in einem Nachbau des historischen Eisenbahnwaggons.



Compiegne – Es ist ein mit Geschichte überfrachteter Ort, an den der französische Präsident Emmanuel Macron die deutsche Kanzlerin Angela Merkel am Samstag eingeladen hat: Auf einer Waldlichtung bei Compiegne nordöstlich von Paris legte der Staatschef mit der Kanzlerin den Grundstein für eine neue deutsch-französische Erinnerungskultur – hundert Jahre nach Ende des Ersten Weltkriegs 1918.

Merkel ist die erste deutsche Kanzlerin, die diesen hochsymbolischen Ort besucht. Er war tabu, seit Adolf Hitler ihn zur Demütigung der Franzosen nutzte.

Im Wald von Compiegne unterzeichneten die Deutschen zum Ende des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren in einem Eisenbahnwaggon den Waffenstillstand und damit ihre Kapitulation. Hitler rächte sich im Juni 1940 nach dem deutschen Einmarsch in Frankreich für die „Schmach“, indem er denselben Waggon wieder aus dem Museum holen und in den Wald schaffen ließ. Historische Bilder zeigen den Diktator bestens gelaunt auf der Lichtung, er persönlich diktierte den Franzosen im Waggon die Friedensbedingungen.

Ort der „abschließenden Versöhnung“

Macron verwandelte den „Ort der Revanche“ jetzt gemeinsam mit der Kanzlerin in einen Ort der „abschließenden Versöhnung“ zwischen Deutschland und Frankreich, wie einer seiner Mitarbeiter es formuliert. Um Fallstricke beim Besuch Merkels zu vermeiden, hat das französische Protokoll die Zeremonie betont nüchtern gehalten: Merkel und Macron gedenken der geschätzten zehn Millionen Toten des Ersten Weltkriegs schweigend.

Dennoch ist dieses Gedenken bewegend: Als Merkel und Macron auf der Lichtung eintreffen und die deutsche und französische Hymne erklingen, reißt der Himmel auf, das Laub erstrahlt plötzlich in Herbstgold.

Beide Politiker weihen eine Plakette ein, auf der in Deutsch und Französisch zu lesen ist: „Anlässlich des 100. Jahrestags des Waffenstillstands vom 11. November 1918 haben der Präsident der französischen Republik, Emmanuel Macron, und die Bundeskanzlerin der Bundesrepublik Deutschland, Angela Merkel, hier die Bedeutung der deutsch-französischen Aussöhnung im Dienste Europas und des Friedens bekräftigt.“

Kontrast mit bisheriger Erinnerungskultur

Es ist ein Kontrast zur bisherigen französischen Erinnerungskultur, denn die 1922 angelegte und in den 30er-Jahren erweiterte Gedenkstätte von Compiegne strotzt vor Siegesbewusstsein. Im Zentrum der Waldlichtung liegt der monumentale „heilige Stein“, der verkündet: „Hier unterlag am 11. November 1918 der kriminelle Hochmut des deutschen Reichs, besiegt von den freien Völkern, die zu unterjochen es beansprucht hatte.“ Am Fuße dieses Steins ist die neue Gedenkplakette angebracht.

Die französische Präsidentschaft hofft, Aussöhnungsgeschichte schreiben zu können: Merkel und Macron träten „in die Fußstapfen von Helmut Kohl und Francois Mitterrand“, heißt es aus dem Elysee-Palast. Die Bilder der beiden Politiker, die sich auf einem Soldatenfriedhof in Verdun im September 1984 an den Händen hielten, gingen um die Welt.

Vom Samstag bleibt besonders ein Bild in Erinnerung: Merkel und Macron im Nachbau des historischen Eisenbahnwaggons – das Original wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört. Die Vertreter Deutschlands und Frankreichs nehmen diesmal nebeneinander Platz, um sich in das Goldene Buch einzutragen – und stehen sich nicht konfrontativ gegenüber, wie 1918 und 1940.

Macron sitzt zu Merkels Linken. Beide sind sich zugewandt und blättern gemeinsam durch das Goldene Buch. Schließlich ergreift Macron Merkels Hand und drückt sie fest. Dieses Foto könnte in die Geschichtsbücher eingehen.

Zum Abschluss machen Merkel und Macron einen Rundgang bei den eingeladenen Gästen - Schülern, Armeeangehörigen und Diplomaten. Unter den Gästen ist auch die 100 Jahre alte Paulette Maunier aus Compiegne, mit der sich die Kanzlerin und der Präsident fotografieren lassen. Sie hat einen Herzenswunsch an die beiden Politiker: „Nie wieder Krieg!“ (APA/AFP)