Letztes Update am Sa, 24.11.2018 10:11

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Exklusiv

Sizilien: Der bittere Neorealismus

Sizilien kämpft mit einer Jugendarbeitslosigkeit von 50 Prozent. Junge Menschen sehen sich trotz bester Ausbildung zum Auswandern gezwungen – oder versuchen sich in der Not als Schuhputzer.

© PedothDer Edel-Vorort Mondell.



Von Ines Pedoth

Vincenzo Croce freut sich, wenn in Palermo so richtig viel los ist, denn mitten im Verkehrschaos dieser quirligen, lärmenden und scheinbar ewig überlasteten Stadt liegt sein Arbeitsplatz auf der Straße. Der 31-Jährige ist seit einem Jahr Schuhputzer und hat sich einen Stammplatz in einer kleinen, verkehrsberuhigten Zone im schickeren Teil der sizilianischen Hauptstadt erkämpft. Während er die Schuhe pflegt, erzählen ihm seine Kunden oft ihre ganze Lebensgeschichte. Von politischen Intrigen bis hin zu geheimen Liebschaften erfährt er so ziemlich alles.

Stolz erzählt er, dass es sich dabei um ein Handwerk mit Tradition handelt, das er jetzt wiederbelebt. In der Heimat edler Lederwaren war das lang keine angesehene Berufsgruppe. „Sciuscià“ nannten sich die Schuhputzer im Zweiten Weltkrieg, als die Truppen der Alliierten 1943 auf Sizilien landeten, um es von den faschistischen Machthabern zu befreien. Um zu überleben, mussten Palermos Straßenjungen immer schon geschäftstüchtig und erfinderisch sein, und der Begriff „sciuscià“ war eine Verballhornung des englischen „shoeshine“ und eine Worterfindung für das, was im Italienischen eigentlich „lustrascarpe“ (deutsch Schuhputzer) heißen sollte.

In der Touristenmetropole kämpft seit Jahren Bürgermeister Leoluca Orlando (im Bild links) für ein besseres Leben seiner Bewohner.
- Pedoth

Regisseur Vittorio de Sica erhielt 1948 für seinen Film „Sciuscià“ als Meisterwerk des italienischen Neorealismus sogar einen Oscar. Doch nach und nach verschwanden die „sciusciàs“ aus dem Straßenbild.

Jetzt gibt es sie wieder. Eine überraschende Wiederkehr, die fast wirkt, als wäre sie ein romantischer Nebeneffekt der Retrowelle. Doch die heutigen Schuhputzer haben diesen Beruf aus Not ergriffen, als Chance und Ausweg aus der Arbeitslosigkeit.

„In Sizilien gibt es nur wenig Jobangebote. Wir haben hier im Süden nur wenig Betriebe oder Fabriken. Viele müssen auswandern. Doch ich kann durch dieses wiederentdeckte Handwerk hier in der Heimat bleiben“, erzählt Vincenzo.

Impressionen aus Palermo.
- Pedoth

Sizilien liegt bei den Arbeitslosenzahlen im traurigen Spitzenfeld Europas. Gerade bei den Jungen ist hier jeder Zweite arbeitslos. Längst ist die Suche nach einem Arbeitsplatz das zentrale Thema hier im Süden. Bis jetzt haben weder europäische noch italienische Förderprogramme gegriffen. Zu groß ist der Sumpf von ineffizienter Bürokratie, Freunderlwirtschaft und kriminellen Strukturen. Studien zeigen, dass junge Italienerinnen und Italiener immer länger brauchen, um finanziell auf eigenen Beinen zu stehen, ein eigenes Einkommen und eine eigene Wohnung zu haben.

2004 erreichten Italiener ihre Selbstständigkeit im Durchschnitt als 30-Jährige, für 2020 liegt die Prognose bereits bei 38 Jahren, und ein Ende des Trends ist nicht in Sicht.

Da ist es kein Wunder, dass sich über 120 Bewerber auf einen Aufruf des Gewerbeverbands von Palermo meldeten, als dieser vor zwei Jahren 15 Ausbildungsplätze zum Schuhputzer vergeben hat. Man wollte den Beruf der „sciusciàs“ wieder aufleben lassen. Die meisten der 120 Bewerber waren Arbeitssuchende, viele mit Universitätsdiplom. Ihre Devise: Lieber Schuhe putzen, als stempeln gehen.

So auch Vincenzo Croce. Der diplomierte Zahntechniker war seit Jahren auf der Suche nach einer Arbeit und konnte sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser halten. „Wer so wie ich seine Heimat nicht verlassen will, der muss eben bereit sein, hier alle Möglichkeiten auszuschöpfen. Man muss flexibel sein und Initiative zeigen. Viele verlassen die Insel, müssen aber auch in der Fremde viele Kompromisse machen, und ich mache sie lieber hier.“

Vincenzo Croce versucht, der Arbeitslosigkeit zu trotzen. Er hat in der Not den Beruf als Schuhputzer ergriffen.
- Pedoth

Vincenzos Freude bei der Arbeit, sein Strahlen, wenn er vom schönen Leben auf Sizilien schwärmt, und wie sehr er das Gefühl vermittelt, stolz auf die gefundene Lösung zu sein, beeindrucken. Er steht für das, was viele hoffen: dass eine neue Generation von findigen Kleinunternehmern dem Land den langersehnten Wandel bringt.

Darauf setzt auch Palermos Langzeit-Bürgermeister Leoluca Orlando. Seit 33 Jahren kämpft er für ein besseres Leben seiner Bürgerinnen und Bürger, und das mit Erfolg. Trotz Wirtschafts-, trotz Regierungs- und trotz Flüchtlingskrise kann Palermo sein städtisches Defizit schrittweise abbauen. Man hat die Mafia von den Fleischtöpfen der Verwaltung vertrieben und viele Strukturen modernisiert.

Orlando ermutigt Palermos Jugend, unternehmerisch zu denken und sich selbstständig zu machen. Neuerdings scheint das auch möglich, hat sich die Stadt doch mittlerweile zu einem regelrechten Touristenmagneten entwickelt. Orlando: „Bis vor ein paar Jahren sind Journalisten nur hierhergekommen, um über die Mafia zu recherchieren. Heute gehört Palermo zu den beliebtesten Touristenstädten Italiens. Es sind hier Hunderte „Bed and Breakfast“-Betriebe entstanden, Hunderte neue Lokale, und die meisten werden von jungen Menschen geführt.“

Dass junge Sizilianer noch immer ihre Heimat verlassen, betrachtet der Politiker als Chance für deren Zukunft. Orlando, der selbst in Heidelberg studiert hat und im Gespräch stolz da und dort seine Deutschkenntnisse einbringt, findet es wichtig, dass man in jungen Jahren weggeht. „So lernt man Fremdsprachen und viel Neues und kann hier später eine bessere Existenz aufbauen.“

Eine eher optimistische Interpretation der Situation, bei einer Jugendarbeitslosigkeit von über 53 Prozent. Während die Auswanderer der Nachkriegszeit vielfach einfache Landarbeiter waren — so mancher konnte kaum lesen oder schreiben —, wandern heute Tausende junge Menschen mit einem abgeschlossenen Studium aus. Bis jetzt kehren wenige zurück. Ein katastrophaler Brain-Drain für das Land.

Zur Person

Ines Pedoth. Die gebürtige Südtirolerin und Journalistin des ORF-Weltjournals richtet ihren Blick immer wieder auf die Schauplätze abseits des Scheinwerferlichts.

Internationale Agenturen rekrutieren Fachkräfte über Online-Plattformen. Die Nachfrage ist groß. So zum Beispiel in Norddeutschland, wo es in den Krankenhäusern an Krankenpflegern fehlt. In Süditalien werden im staatlichen Gesundheitsbereich seit Jahren so gut wie keine fixen Arbeitsstellen mehr vergeben. Beschäftigt werden nur noch Scheinselbstständige, die auf eigene Rechnung, für wenig Geld und ohne soziale Absicherung bereit sind zu arbeiten.

Wie dramatisch die Situation ist, zeigt sich, wenn in einem öffentlichen Krankenhaus Stellen für die Krankenpflege ausgeschrieben sind, was in Norditalien vereinzelt noch der Fall ist. Oft bewerben sich auf zehn freie Stellen bis zu 8000 Personen. Das hat zu einem absurden System geführt: Aus Süditalien werden Spezial-Busfahrten organisiert, mit denen Anwärter für die Aufnahmetests eigens in den Norden reisen. Ein aufwändiger Prozess, der die Arbeitssuchenden nicht nur Zeit, sondern Geld kostet.

Neuerdings gibt es im Goethe-­Zentrum von Palermo eigene, von Deutschland finanzierte Sprachkurse für Spitalskräfte, die laufend gut gebucht sind. Besucht werden sie unter anderem von jungen diplomierten Krankenpflegerinnen und Krankenpflegern, die bereits einen Vertrag mit einem der Krankenhäuser in Norddeutschland in der Tasche haben. Sie sind die neuen Auswanderer aus dem Süden Europas. Es sind Menschen wie die 30-jährige Linda Macauda, die weiß, worauf sie sich einlässt, war doch bereits ihre Mutter in Deutschland arbeiten. Linda: „Meine Mutter arbeitet jetzt hier auf Sizilien in einem Krankenhaus, und sie weiß, dass meine Situation auf der Insel so gut wie aussichtslos ist. Also unterstützt sie meine Entscheidung und wird mich so oft sie kann in Norddeutschland besuchen.“

Spricht man die Menschen in Sizilien auf das von der Fünf-Sterne-Bewegung in Aussicht gestellte Grundeinkommen für Arbeitssuchende an, so reagieren die meisten skeptisch bis ablehnend. Sie betonen, dass sie sich eine sozial und wirtschaftlich abgesicherte Arbeit wünschen, die ihnen ein Leben in Würde ermöglicht. Immer wieder bekommen wir zu hören, dass die Menschen im Süden Italiens es sehr wohl gewohnt seien, die Ärmel hochzukrempeln und hart zu arbeiten. Einfach nur Geld fürs Nichtstun zu bekommen, sei für sie kein erstrebenswertes Ziel.

Skeptisch ist auch Leoluca Orlando, wenn es um die italienische Regierung in Rom geht. Er, der nach der Ermordung der Mafia-Jäger Giovanni Falcone und Paolo Borsellino 1992 mutig deren Kampf gegen die „ehrenwerte Gesellschaft“ weiterführt, weiß, wie fragil die Allianzen der italienischen Macht sind. Orlando: „Ich denke, heute sind zwei populistische Kräfte in der Regierung, die wenig Gemeinsames haben. Meiner Meinung nach wird das nicht lange halten. Populisten denken nicht langfristig, denn sie leben im ewigen Hier und Jetzt. Ein Populist ist jemand, der sich nicht fragt, welche Schäden sein Handeln von heute für das Morgen verursacht.“

Nach über zehn Jahren Krise ist in Italien das Vertrauen in die Politik auf einem historischen Tiefststand. Gerade noch fünf Prozent der Bevölkerung gaben in einer Umfrage an, dass sie der Politik vertrauen. Die großen Krisenverlierer sind der Mittelstand und die Generation der nach 1980 Geborenen.

Besorgt blickt nicht nur Siziliens Jugend derzeit nach Rom — und noch weiter Richtung Norden, nach Brüssel. Die Regierungspläne scheinen nicht nur den Schuldenberg Italiens zu vergrößern, sondern auch die Gefahr einer Stabilitätskrise für die gesamte EU zu sein. Palermos Jugend wird wohl weiter improvisieren müssen oder auswandern, um sich eine eigene Zukunft zu gestalten.


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