Letztes Update am Sa, 08.12.2018 19:20

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Proteste in Frankreich

„Gelbwesten“ in der Geisterstadt Paris: Flammen, Rauch und Tränengas

Ein Polizist pro Demonstrant: Am dritte Protesttag ist die Exekutive in Paris vorbereitet. In einer verbarrikadierten Hauptstadt kommt es zu Massenfestnahmen und Zusammenstößen.

© AFPEin Demonstrant in einer weihnachtlich beleuchteten Pariser Avenue.



Von Simon Valmary und Stephanie Lob, AFP

Paris – Tränengas, Zusammenstöße mit der Polizei und Massenfestnahmen: Auch der dritte Protesttag der „Gelbwesten“ in Paris ist von Gewalt bestimmt. Doch diesmal sind die Behörden auf einen „Schwarzen Samstag“ besser vorbereitet: Alleine in Paris sind 8000 Sicherheitskräfte im Einsatz – einer pro Demonstrant.

Bereits am frühen Morgen nimmt die Polizei hunderte mutmaßlich Gewaltbereite in Gewahrsam und verhindert, dass sie überhaupt an die Brennpunkte gelangen.

- AFP

Das Zentrum von Paris gleicht einer Geisterstadt

Das sonst an den Adventssamstagen so belebte Pariser Zentrum gleicht einer Geisterstadt: Der Eiffelturm, der Louvre und viele andere Sehenswürdigkeiten und Museen sind geschlossen. Kaufhäuser wie die Galeries Lafayette und Printemps haben ihre Schaufenster verrammelt.

Besonders brisant ist die Lage wie schon vor einer Woche auf dem Boulevard Champs-Elysees: Dort gibt es bereits am Morgen erste Zusammenstöße zwischen „Gelbwesten“ und der Polizei. Die Beamten rücken mit Helmen und Schutzschilden gegen die Demonstranten vor und feuern Tränengas ab.

- AFP

Die meisten Einzelhändler auf den Champs-Elysees sind dem Aufruf der Polizeipräfektur gefolgt und haben ihre Schaufenster mit Holzplatten verrammelt. Eine Gruppe von Demonstranten versucht, die Absperrungen des Nobelkaufhauses Drugstore Publicis in Brand zu setzen. Einzelne dringen in das Geschäft ein, werden aber mit Tränengas vertrieben. Eine Frau wird am Kopf verletzt.

In der Nähe des Kaufhauses löschen Feuerwehrleute brennende Weihnachtsbäume. Immer mehr Vermummte kommen vor dem Triumphbogen zusammen, der am vergangenen Wochenende von Randalierern beschmiert und zum Teil verwüstet wurde. Einzelne schwenken die Trikolore als Zeichen für den selbst ernannten „Volksaufstand“.

- AFP

„Die Regierung benutzt die Randalierer, um die Gelbwesten zu diskreditieren“, empört sich ein 50-jähriger Demonstrant am Triumphbogen, der von Anfang an bei den Protesten dabei ist. Innenminister Christophe Castaner hat von einem „Monster“ gesprochen, das seinen Schöpfern entgleitet, und hat damit viele Aktivisten empört.

„Macron, gib das Geld zurück“, steht auf einem gelben Banner, das zwei Demonstranten tragen. Sie fordern eine Wiedereinführung der Vermögensteuer, deren Abschaffung den früheren Investmentbanker in den Augen vieler Franzosen zum „Präsident der Reichen“ gemacht hat.

Noch am Freitag hat Macron ein solches Zugeständnis kategorisch ausgeschlossen. Der 40-Jährige würde damit einen Teil seiner Wählerschaft verprellen. Dafür hat er all jene Wähler an die „Gelbwesten“ verloren, die ihm sein Wahlkampfversprechen geglaubt haben, für mehr sozialen Ausgleich zu sorgen. „Macron ist ein Dieb“, hat jemand auf das Schaufenster einer Bank gesprüht.

„Macron, wir kommen dich holen“, skandiert eine Gruppe Demonstranten. Doch der Aufruf zu einem „Sturm“ auf seinen Amtssitz, den Elysee-Palast, läuft ins Leere: Die Umgebung ist weitgehend abgeriegelt.

An der berühmten Pyramide vor dem Louvre sind deutlich weniger Menschen unterwegs als sonst, Richtung Concorde-Platz ziehen Menschen mit gelben Westen, Sirenen sind zu hören.

Der Eiffelturm bleibt geschlossen

Michael und seine Tochter Rafaela sind aus Wien nach Paris gekommen und wollten sich die klassischen Pariser Sehenswürdigkeiten anschauen. „Jeder ist ein bisschen angespannt“, sagt der 36-Jährige. „Aber wir machen uns nicht richtig Sorgen. Wir schauen uns um und weichen aus, wenn irgendetwas ist.“ Er bedauert nur, dass der Eiffelturm geschlossen ist, den seine Tochter gerne sehen wollte.

Auf den Grands Boulevards, wo sonst Horden von Einkäufern flanieren, herrscht gespenstische Leere. Dort sind erstmals blaue Panzerfahrzeuge der Militärpolizei im Einsatz und räumen eine brennende Barrikade weg.

Der 69 Jahre alte Pariser Gerard, der „wie jeden Samstag einen Cafe trinken will“, ist perplex angesichts der massiven Polizeipräsenz: „Man könnte glauben, es herrscht Krieg - ich hätte nie gedacht, so etwas einmal in Paris zu erleben.“


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