Letztes Update am Di, 18.12.2018 11:55

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


EU

Autoindustrie entsetzt über schärfere CO2-Grenzwerte in der EU

Ab 2030 muss der durchschnittliche CO2-Ausstoß von neu zugelassenen Autos um 37,5 Prozent niedriger sein als jener 2021. Die Autoindustrie ist entsetzt – nirgends auf der Welt gebe es ähnlich scharfe CO2-Ziele.

Der Kohlendioxid-Ausstoß von Neuwagen soll um 37,5 Prozent im Vergleich zu 2021 sinken.

© dpaDer Kohlendioxid-Ausstoß von Neuwagen soll um 37,5 Prozent im Vergleich zu 2021 sinken.



Brüssel – Autos müssen bis 2030 erheblich klimafreundlicher werden: Der Kohlendioxid-Ausstoß von Neuwagen soll um 37,5 Prozent im Vergleich zu 2021 sinken. Auf diesen Kompromiss einigten sich die Unterhändler der EU-Staaten und des Europaparlaments nach Angaben der österreichischen Ratspräsidentschaft am Montagabend in Brüssel.

Für leichte Nutzfahrzeuge wurde eine CO2-Reduktion um 31 Prozent vereinbart. Für beide Fahrzeugklassen soll bis 2025 eine Minderung um 15 Prozent als Zwischenetappe erreicht sein.

Die Einigung gab Umweltministerin Elisabeth Köstinger (ÖVP) bekannt, die in Brüssel die Verhandlungen mit den EU-Institutionen führte. „Das ist ein großer Tag für die österreichische Ratspräsidentschaft“, sagte die amtierende EU-Ratsvorsitzende.

Schärfere Vorgaben als ursprünglich geplant

Die Vorgaben sind deutlich schärfer, als die Autoindustrie und die deutsche Bundesregierung dies ursprünglich wollten. Die EU-Staaten hatten Anfang Oktober für eine Senkung des CO2-Werts bei neuen Autos und leichten Nutzfahrzeugen um durchschnittlich 35 Prozent plädiert. Deutschland trug das Ziel damals mit, obwohl die Bundesregierung – ebenso wie die EU-Kommission – eigentlich nur 30 Prozent Minderung wollte. Das Europaparlament ging mit einer Forderung nach minus 40 Prozent in die Verhandlungen.

Die Vorgaben sollen helfen, die Klimaziele der Europäischen Union insgesamt zu erreichen und die Emissionen aus dem Straßenverkehr zu drücken. Die Entscheidung ist für die Autoindustrie von großer Bedeutung.

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Nur zu schaffen, wenn Hersteller kooperieren

Zu schaffen sind die neuen Zielwerte nur, wenn Hersteller neben Diesel und Benzinern immer mehr Fahrzeuge ohne Emissionen verkaufen – also zum Beispiel reine Elektroautos. Nur so können sie ihren Schnitt insgesamt erreichen. Dafür müssen sie aber ihre Produktion umbauen. Die deutsche Regierung befürchtet Jobverluste, falls der Umstieg auf neue Antriebe zu schnell vollzogen wird. Befürworter strenger Werte meinen dagegen, so könnten europäische Autobauer in der Konkurrenz zu China bestehen und neue Jobs schaffen.

Bisher ist in der EU festgelegt, dass Neuwagen im Flottendurchschnitt 2021 nicht mehr als 95 Gramm Kohlendioxid pro Kilometer ausstoßen sollen. Von dieser Basis aus soll die Senkung folgen. Doch ist die aktuelle Vorgabe für viele Hersteller noch nicht in Reichweite: Der europäische Durchschnitt lag zuletzt bei 118,5 Gramm. Insgesamt stammt rund ein Viertel aller Klimagase der EU aus dem Verkehr, Autos und Lastwagen haben daran den größten Anteil.

Köstinger: „Ambitioniert, aber machbar“

Köstinger sieht nun die Automobilhersteller in der Pflicht. „Es muss natürlich alles dafür getan werden, dass Autos in Hinkunft auch leistbar sind“, sagte Köstinger am Dienstag in Brüssel. Wenn die Hersteller ihre Versprechen der Vergangenheit eingehalten hätten, gäbe es jetzt weniger Diskussionen.

„Wir haben am Sonntag das Pariser Abkommen in Kattowitz bestätigt und uns klar für Reduktionsziele und Klimaschutz ausgesprochen“, sagte Köstinger. Es stehe außer Frage, dass die Automobilhersteller dabei eine große Rolle spielten. „Die Technologie ist schon sehr weit.“

Umweltministerin Elisabeth Köstinger (ÖVP).
Umweltministerin Elisabeth Köstinger (ÖVP).
- APA

Köstinger bezeichnete die beschlossenen Ziele als ambitioniert, aber machbar. Mit dem Zwischenziel 2025 werde den Automobilherstellern genügend Zeit gegeben für Anpassungen. Die Flottenziele setzten sich aus der CO2-Reduktion bei Verbrennungsmotoren, aber auch durch einen höheren Anteil an emissionsfreien Fahrzeugen zusammen.

Europaabgeordnete begrüßten die Einigung mehrheitlich. Der CDU-EU-Parlamentarier Peter Liese sprach von einem guten Kompromiss, der ambitionierten Klimaschutz mit Arbeitsplatzsicherung verbinde“, Der verkehrspolitischer Sprecher der Sozialdemokraten, Ismail Ertug, bezeichnete die Ziele als machbar und den Kompromiss als ausgewogen. Die umweltpolitische Sprecherin der Grünen, Rebecca Harms, kritisierte, die Vereinbarung bleibe „weit hinter dem zurück, was notwendig wäre um ernsthaft auf die Ziele des Pariser Klimaabkommens hinzuarbeiten“.

Autoindustrie entsetzt

Die Autoindustrie zeigte sich angesichts der Einigung entsetzt. Vor der letzten Runde der EU-Unterhändler hatte der europäische Herstellerverband Acea bereits eindringlich vor zu scharfen Zielwerten gewarnt. „Wenn sie auf über-ehrgeizige CO2-Reduktions-Werte dringt, riskiert die EU, Autos für Leute mit begrenzten Mitteln zu teuer zu machen“, erklärte der Verband. Die jüngsten Proteste in Frankreich und Belgien zeigten, dass das Tempo des Wandels Rückhalt in der Gesellschaft haben müsse.

Der Verband der Automobilindustrie reagierte aus anderen Gründen sehr kritisch. „Diese Regulierung fordert zu viel und fördert zu wenig“, erklärte der VDA. „Niemand weiß heute, wie die beschlossenen Grenzwerte in der vorgegebenen Zeit erreicht werden können.“ Nirgends sonst in der Welt gebe es ähnlich scharfe CO2-Ziele. Somit werde die europäische Automobilindustrie im internationalen Wettbewerb stark belastet. Nun seien Arbeitsplätze in Gefahr. (TT.com, APA, dpa)

Die neuen CO2-Grenzen für Neuwagen

Ab 2030 muss der durchschnittliche CO2 Ausstoß von neu zugelassenen Pkw um 37,5 Prozent reduziert werden, als Referenzjahr gilt 2021. Für leichte Nutzfahrzeuge haben sich die EU-Institutionen auf ein Reduktionsziel von 31 Prozent geeinigt. Als Zwischenziel bis 2025 wurden 15 Prozent weniger Treibhause vereinbart.

Plug-in Hybridfahrzeuge werden beim Bonussystem mit einem Faktor von 0,7 angerechnet. Außerdem gelten spezielle Vorschriften in Hinblick auf die Marktdurchdringung von Niedrig- und Nullemissionsfahrzeugen, hier wurde ein Anrechnungsfaktor von 1,85 beschlossen.

Nach ersten Abschätzungen der österreichischen Ratspräsidentschaft können damit rund 100 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr eingespart werden. Dies entspreche dem gesamten CO2 von Österreich (rund 80 Millionen Tonnen).

Für die Kfz-Hersteller bedeutet dies, dass sie neben Diesel- und Benzin-Autos möglichst viele Fahrzeuge ohne bzw. mit geringen Emissionen verkaufen müssen, etwa reine Elektroautos und Wasserstoffautos. Generell müssen die Automobilhersteller ihre Flotte effizienter gestalten.