Letztes Update am Mi, 16.01.2019 14:17

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Glyphosat-Zulassung

EU-Parlament will Zulassung von Pflanzengift verschärfen

Europaabgeordnete werfen einer Prüfbehörde vor, bei der Zulassung des umstrittenen Pflanzengifts Glyphosat aus einem Papier des Herstellers abgeschrieben zu haben. Nun sollen die Regeln verschärft werden.

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Straßburg – Das Europaparlament will die Zulassung von Schädlingsbekämpfungsmitteln verschärfen. Die EU-Abgeordneten forderten am Mittwoch in Straßburg mit breiter Mehrheit mehr Transparenz in den Verfahren. Die Entschließung ist rechtlich nicht verbindlich.

Anlass für die Initiative war die umstrittene Verlängerung der Zulassung des Unkrautvernichtungsmittels Glyphosat in der EU, das im Verdacht steht, krebserregend zu sein. Das EU-Parlament hat daraufhin im Vorjahr einen Sonderausschuss für die Zulassung von Pestiziden eingerichtet.

„Das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung schreibt schlicht bei Monsanto ab, die Plagiate sind völlig inakzeptabel“, kritisierte der grüne Europaabgeordnete Thomas Waitz. Eine Studie zeige deutlich, wie wichtig die neuen Transparenzregeln sind, sagte die SPÖ-Europaabgeordnete Karin Kadenbach. Dazu gehöre auch, dass EU-Agenturen über genügend finanzielle Mittel für unabhängige Studien verfügen.

„Ein zentrales Problem ist, dass sich die nationalen Behörden bei der Bewertung von gefährlichen Stoffen auf die Urteile der Industrie verlassen und diese ohne Kennzeichnung der Quelle in ihren Prüfberichten übernehmen“, sagte auch die SPD-Europaabgeordnete Maria Noichl.

Prüfbehörde soll bei Monsanto abgeschrieben haben

Im Europaparlament war am Dienstag massive Kritik an der Rolle des deutschen Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) bei der Neuzulassung von Glyphosat laut geworden. Mehrere Abgeordnete warfen der Behörde vor, sie habe in ihrem EU-Glyphosat-Bericht wesentliche Angaben von Herstellern wörtlich übernommen.

Die Europa-Parlamentarier stützten sich dabei auf eine Untersuchung des Wiener Plagiatsforschers Stefan Weber und des Wiener Global 200-Biochemikers Helmut Burtscher-Schaden für eine Gruppe von Europaabgeordneten. Das in Berlin ansässige BfR habe ganze Passagen aus einem Antrag des Herstellers Monsanto (Bayer) für die Neuzulassung von Glyphosat „wortwörtlich abgeschrieben“ und als eigene Feststellung ausgegeben, erläuterte Weber am Dienstag vor Journalisten in Straßburg. Dieses Vorgehen sei „eindeutig als Plagiat“ zu werten. Weber und Burtscher-Schaden engagieren sich im Rahmen der Umweltorganisation Gobal 2000 für die Kampagne „Stop Glyphosate“.

Das BfR wies „alle Vorwürfe von absichtlicher Täuschung“ zurück. In Bewertungsverfahren von Pflanzenschutzmitteln sei es „üblich und anerkannt“, dass Behörden „nach kritischer Prüfung“ relevante Passagen aus den Dokumenten der Antragsteller in ihre Berichte integrieren, soweit diese fachlich zutreffen, erklärte das deutsche Institut in einer Stellungnahme. Die EU-Kommission hatte im November 2017 die Neuzulassung von Glyphosat für weitere fünf Jahre beschlossen.

Umstrittenes Pestizid

Der Einsatz von Glyphosat ist in Europa sehr umstritten: Während die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC) das Herbizid als „wahrscheinlich“ krebserregend einstuften, kamen das BfR und die EU-Behörde für Lebensmittel EFSA (Parma) zu einem anderen Schluss. „Falls es überhaupt noch einen weiteren Beweis für die Fehler im europäischen Zulassungsverfahren von Pestiziden gebraucht hat, dann haben wir ihn heute erhalten“, kommentiert SPÖ-Europaabgeordnete Kadenbach am Dienstag die Ergebnisse der Plagiats-Analyse. Das neue Papier bestätige erste Verdachtsmomente, die sich bereits im September 2007 ergeben hätten, stellte Global 2000 fest. Glyphosat steht vor allem unter Verdacht, Non-Hodgkin-Lymphome, eine Art von Blutkrebs, hervorzurufen. (APA/AFP, TT.com)