Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 19.01.2019


EU

Seenotretter als Sündenböcke: Ein Ausdruck der Hilflosigkeit

Die Flüchtlingskrise am Mittelmeer ist nicht gelöst. Zwar ist die Zahl der Toten gesunken, 2018 ertranken aber noch immer mehr als 2200 Menschen. Und in libyschen Lagern müssen Tausende weitervegetieren.

Rettung aus dem Mittelmeer: Hilfsorganisationen wie „Ärzte ohne Grenzen“ reagierten auf ein Versagen der Politik, die viel zu lang weggeschaut hatte.

© REUTERSRettung aus dem Mittelmeer: Hilfsorganisationen wie „Ärzte ohne Grenzen“ reagierten auf ein Versagen der Politik, die viel zu lang weggeschaut hatte.



Von Cornelia Mayrbäurl

Endlich Entwarnung an der Flüchtlingsfront: 2018 kamen sehr viel weniger Migranten und Flüchtlinge aus Nordafrika in Europa an und es sind, so berichtet die EU-Agentur Frontex, auch weniger Menschen im Mittelmeer ertrunken als in den Vorjahren. Der Druck auf die Politik, etwas gegen diese Wanderungsbewegung zu tun, hat nachgelassen; kein Wunder, dass sich quer durch Europa Politiker zumindest vorübergehend entspannt zurücklehnen.

Würden sie aber in Libyen tätigen Helfern, etwa jenen von „Ärzte ohne Grenzen“, auch nur eine Viertelstunde zuhören, müsste es mit ihrer Seelenruhe eigentlich schnell vorbei sein. Denn die Entwarnung gründet allein auf dem kurzsichtigen Prinzip „Aus den Augen, aus dem Sinn“.

Ja, die Zahl der Todesopfer ist zurückgegangen, das ist per se eine gute Nachricht, aber es waren 2018 immer noch mehr als 2200 – etwa so viele wie etwa die Gemeinden Nassereith oder Fritzens an Einwohnern haben. Zur gleichen Zeit ist das Risiko, bei der Überfahrt zu ertrinken, enorm in die Höhe geschnellt: Im September 2018, stellte das UN-Flüchtlingshochkommissariat fest, ertrank jeder achte Migrant, der versuchte, Europa zu erreichen, und „das ist vor allem der substanziell verringerten Kapazität an Rettungsschiffen geschuldet“.

Cornelia Mayrbäurl hat 2018 neun Monate bei „Ärzte ohne Grenzen“ in Italien gearbeitet und ist nun Pressesprecherin des Europäischen Forums Alpbach. Dieser Beitrag gibt ihre persönliche Meinung wieder.
Cornelia Mayrbäurl hat 2018 neun Monate bei „Ärzte ohne Grenzen“ in Italien gearbeitet und ist nun Pressesprecherin des Europäischen Forums Alpbach. Dieser Beitrag gibt ihre persönliche Meinung wieder.
- Luiza Puiu

Nach wie vor werden Leichen etwa an Spaniens Stränden angeschwemmt. Auch die tunesischen Fischer aus Zarzis haben sicher noch nicht den letzten Toten aus dem Meer oder aus ihren Netzen gefischt. Sie mussten zunächst einmal lernen, wie Leichen ohne Gefahr für die eigene Gesundheit an Land zu bringen sind, um diese dort würdig begraben zu können. Diese Todesopfer bekommen wir in den Medien bloß nicht mehr zu sehen. Können Sie sich noch an das Foto des kleinen syrischen Buben erinnern, der tot an einem türkischen Strand lag? Aylan Kurdi hieß er. Die Toten auf dem Grund des Mittelmeers, wo wir so gerne baden, waren ja schon immer unsichtbar.

Aber es geht nicht „nur“ um Leichen. Viele Tausende Menschen sind nun dazu verdammt, in Lagern in Libyen weiter krank dahinzuvegetieren, vergewaltigt und gefoltert zu werden, zu hungern, zu krepieren. Wie es ein über das Meer Entkommener, der Eritreer Teke, dieser Autorin berichtet hat: „Am schlimmsten ist es für die Frauen. Unsere Peiniger haben einen Teil des Kellerraums, in dem wir hausen mussten, mit einem Leintuch abgetrennt. Dahinter gebaren die vergewaltigten Frauen. Viele Kinder starben; ich selbst habe vier begraben.“

Im Frühjahr 2018, als noch Schiffe aus Libyen ankamen, stellten die Ersthelfer von „Ärzte ohne Grenzen“ auf Sizilien fest, dass immer mehr der Ankommenden unter­ernährt waren. Die Mediziner der Hilfsorganisation, die in Rom in einer Reha­klinik Gefolterte betreuen, sind mit den körperlichen und geistigen Verwundungen ihrer Patienten, die es über das Meer geschafft haben, nach wie vor aus nächster Näh­e konfrontiert. Eine gängig­e Folterpraxis in Libyen ist die Falaka, Schläge auf die bloßen Fußsohlen mit einer Holz- oder Eisenstange. Danach weiter richtig zu gehen, kann schwierig sein. „Viele Patienten sprechen über die Misshandlungen zuerst so, als wäre das jemand anderem passiert. Das ist eine Überlebensstrategie“, sagt einer der Ärzte. „Wenn sie sich dann etwas öffnen und alles nochmals durchleben, erleben wir oft dramatische Szenen. Aber das ist der Weg zur Heilung.“

Das Migrationsproblem ist fraglos ein schwieriges, und daher ist es nach wie vor ungelöst. Großen Respekt verdiente, wer das zugäbe. Fehlt dazu die Courage, gehörte es sich zumindest, nicht anderen die Schuld zuzuschieben und sie zum Sündenbock zu machen. Das tut, wer „Ärzt­e ohne Grenzen“ in einem Atemzug mit Schleppern, also Kriminellen, nennt. „Ärzte ohne Grenzen“ ließ 2015 das erste Rettungsschiff nicht aus irgendwelchen politischen Motiven zu Wasser, sondern weil die EU zuvor die italienische Operation „Mare nostrum“ abgewürgt hatte und allein in diesem Jahr mehr als 3400 Menschen bei der Überfahrt starben. Erst danach, als Reaktion auf einen auch von der EU beklagten Zustand, wurde „Ärzte ohne Grenzen“ als unabhängige, unparteiische und neutrale Organisation tätig, die von Millionen Menschen Spenden bekommt, um Leben zu retten. Ausnahmsweise waren bzw. sind die Ärzte einmal nicht im fernen Kongo oder Myanmar im Einsatz, sondern vor unserer Haustür.

„Ärzte ohne Grenzen“ reagierte also auf ein Versagen der Politik, die viel zu lang weggeschaut hatte: Die ersten Migranten erreichten Lampedusa etwa im Jahr 2000. In die zwanzig Jahre seither fielen der Arabische Frühling und der Krieg in Syrien; auch in den vielen miserabel regierten afrikanischen Staaten hat sich wenig geändert. Man hätte eigentlich nur zwei und zwei zusammenzählen müssen. Auch müsste geschichtsbewussten Politikern klar sein, dass das Mittelmeer seit ewigen Zeiten die Völker an seinen Ufern nicht trennt, sondern verbindet. Das begann spätestens mit den segelnden Phöniziern und zeigt im Zeitalter von Motorbooten eben mehr Auswirkungen als die Tatsache, dass Couscous auch im Westen Siziliens ein­e traditionelle Speise ist und nicht nur in Nordafrika.

Nach unzähligen Appellen an die EU, eine politische Lösung zu finden und damit guten Gewissens seine Mission beenden zu können, musste „Ärzte ohne Grenzen“ Mitt­e Dezember das endgültige Aus der Rettungstätigkeit verkünden; Italien hatte Panamas Regierung so sehr unter Druck gesetzt, dass dies­e dem Schiff Aquarius die panamaische Flagge aberkannte (unter der auch viele Handelsschiffe segeln). Doch die Unabhängigkeit von öffentlichen Geldern erlaubt es „Ärzte ohne Grenzen“, weiter zu sagen, was – zum Beispiel eben in Libyen – Sache ist. Beliebt macht man sich damit bei Regierungen, die um praktisch jeden Preis irgendeine Lösung bieten wollen, freilich nicht.

Italiens Innenminister Matteo Salvini – der sich gern als geradliniger Mann aus dem Volk präsentiert, aber oft auch großmäulig redet – hat die Mitarbeiter von „Ärzte ohne Grenzen“ mit Menschenschmugglern in einen Topf geworfen. Später hat auch Bundeskanzler Sebastia­n Kurz die Hilfsorganisation in ein schlechtes Licht gerückt. Das ist wenig redlich, denn auch nach bald zwei Jahren an Ermittlungen italienischer Staatsanwälte gibt es nach wie vor keinen einzigen Beweis für ein Vergehen.

Vor allem aber sind solche Beschuldigungen ein Zeichen der Hilf- und Ratlosigkeit. Ratlosigkeit darüber, wie die Emigration aus Afrika reduziert und kanalisiert werden kann, ohne dabei wissentlich viele Menschen – und Europas Bekenntnis zum Wert eines jeden Menschenlebens wohl gleich mit dazu – absaufen zu lassen.

Allein deswegen sollten all­e, die jetzt Helfer kriminalisieren oder gegen Ausländer hetzen, deutlich mehr Demut zeigen. Es liegt in der Verantwortung vor allem von Politikern, aber auch von Bürgern, ein Klima zu schaffen, in dem wir wieder sachlich über Migration und Asyl diskutieren können. Wir Europäer haben das Glück, während einer historischen Sternstunde von Frieden, Freiheit und Wohlstand in der richtigen Ecke der Welt geboren worden zu sein; ein großer Teil meines und Ihres Wohlergehens beruht nicht auf persönlicher Leistung.

Migranten sind nicht dumm. Sie stimmen mit den Füßen ab, und sie machen der EU damit ein riesiges Kompliment. Darauf dürfen wir stolz sein – aber nur, solange die EU weiter ein Raum ist, wo das Leben auch von Nicht-Europäern etwas zählt.

PS: Dass die Integration von Migranten und Flüchtlingen Probleme aufwirft, darf nicht geleugnet werden; besonders Frauen tun gut daran, hier von Neuankömmlingen wenn nötig ein Verhalten einzufordern, das unseren Werten entspricht. Aber das ist eine andere Geschichte, die ihren eigenen Platz braucht.