Letztes Update am Sa, 23.03.2019 09:59

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England, my England: Ein anderer Blick auf ein uneiniges Inselreich

Die Briten sind über der Frage des EU-Ausstiegs oder -Verbleibs politisch außer Rand und Band geraten. Ein anderer Blick auf ein uneiniges Inselreich.

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Von Oliver vom Hove

Das Vereinigte Königreich ist ein uneiniges Inselreich geworden. Die Briten sind über der Frage des EU-Ausstiegs oder -Verbleibs politisch außer Rand und Band geraten. Ein Aufwallen der Emotionen führte 2016 zu einer – wenn auch sehr knappen – Wählermehrheit für den Brexit und hält seither die Debatte am Kochen. Das Unterhaus ist vor lauter Zwietracht paralysiert, vor allem auch innerhalb der beiden großen Parteien Tories und Labour.

„Das Land hat etwas Besseres verdient.“ Mit diesem Satz begründeten drei Tory-Abgeordnete am 20. Februar ihren Parteiaustritt. Für sie war die wochenlange Hinhaltetaktik, mit der Premierministerin Theresa May als Verhandlungsführerin in Brüssel vor allem den Zusammenhalt ihrer konservativen Partei zu retten suchte, nicht länger tragbar. Inzwischen ist in qualvollen Abstimmungsserien zumindest eine Verschiebung des Ausstiegsdatums fixiert. Jeder Tag bringt neue Überraschungen.

Niemand weiß noch, wer das Wort „Brexit“ erfunden hat. Der Begriff war auf einmal da, wie ein Naturereignis, und er beschreibt in einer flapsigen Kombination von „Britain“ und „Exit“ den Austrittswunsch eines Teils der Briten.

Diese „Brexiteers“ empfinden die EU als Fremdherrschaft. Dazu kommen verdrängte Phantomschmerzen über den Verlust eines Weltreichs: Kränkungen des nationalen „Größen-Selbst“ (wie der aus Wien stammende Psychoanalytiker Heinz Kohut die narzisstische Selbstüberhöhung genannt hat). Nicht nur Individuen, auch Nationen neigen gelegentlich zur Selbstüberschätzung.

Freilich gab es auch gewichtigere Bedenken bei den Austrittswilligen. Wenige Monate vor dem Referendum hatte die Flüchtlingswelle Europa überrascht, und die Briten nahmen mit Bestürzung die Aussagen Angela Merkels wahr, dass „man Grenzen nicht schließen kann“ und dass „es nicht in unserer Macht liegt, wie viele nach Deutschland kommen“. „Ein politisches Versagen historischen Ausmaßes“ nannte der Harvard-Philosoph Michael Sandel diese freimütige Preisgabe der ordnenden Staatsmacht. Sie habe die Briten mit ihrer jahrhundertelang bewährten staatlichen Tradition zutiefst erschreckt, schreibt Jochen Buchsteiner, der langjährige London-Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, in seinem fulminanten Essay „Die Flucht der Briten aus der europäischen Utopie“. Darin macht er deutlich, wie sehr die Briten gemäß ihrer bewährten demokratischen Souveränität, die bis auf die Magna Charta von 1215 zurückgeht, stets ihren eigenen Weg abseits vom Kontinent beschritten haben.

Spätestens seit dem Maastricht-Vertrag 1992 entfremdeten sie sich gründlich von den utopischen Zielen der EU, einen politischen Einheitsstaat mit zentralistischen Strukturen zu schaffen. Die Vertrauenskrise der EU, die mittlerweile den ganzen Kontinent erfasst hat, hätten die Briten mit ihrem bewährten Gespür für politische Pragmatik vorausgeahnt. Ihre Entscheidung sollte die Kontinentaleuropäer wachrütteln, meint Buchsteiner: „Der britische Eigensinn hätte dann Europa ein weiteres Mal vorangebracht.“

Zur Person

Oliver vom Hove: Geboren als Sohn deutscher Eltern in Großbritannien („British by birth“). Kindheit in der Schweiz, Jugend in Tirol (Hall). Studium der Germanistik, Anglistik und Vergleichenden Literaturwissenschaft an der Universität Innsbruck. Kulturredakteur bei der Presse, dann Dramaturg am Burgtheater und Schauspielhaus Zürich, Chefdramaturg am Volkstheater Wien. Lebt als Kulturpublizist in Wien und Retz.

oliver.vomhove@gmx.net

Oliver vom Hove.
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Was indes in der britischen politischen Tradition leider fehlt, ist Überparteilichkeit in der Lösungssuche. Die Zerstrittenheit im Unterhaus des Parlaments bietet da seit Wochen ein erbärmliches Bild mangelnder Konsensfähigkeit.

Die Ermahnung der Queen kam spät und blieb verhalten. Das Gemeinsame sei zu wahren, gab sie kund, die politische Entzweiung müsse vermieden werden. Mehr zu sagen, rang sich das gekrönte Staatsoberhaupt auch in der größten politischen Krise ihrer Regentschaft nicht ab. Wozu, wenn nicht für solche Schiedsrichter- und Staatsnotar-Situationen, erhalten wir sie und ihren beträchtlichen Hofstaat, fragten sich darauf nicht wenige ihrer kritischen Bürger – das Wort „Untertan“ (subject) wurde erst im Zuge der EU aus den Pässen getilgt. Sollte ein Staatsoberhaupt neben den bloßen Repräsentationsaufgaben nicht auch staatserhaltende Rechte und Pflichten wahrnehmen? An der Verfassung kann es nicht liegen – das Vereinigte Königreich besitzt keine.

Die Abneigung der Briten gegenüber dem europäischen Einigungswerk blieb von Beginn an stark spürbar. Die erste Abstimmung über den Verbleib fand bereits im Juni 1975 – zwei Jahre nach dem EG-Beitritt der Briten am 1. Jänner 1973 – statt: 67,2 Prozent der Wähler sprachen sich damals dafür aus. Die Zweifel blieben. Ich erinnere mich, dass wir als Innsbrucker Studenten in unserem England-Jahr als Assistant Teachers 1975

76 reichlich von den Lock­angeboten an „Continental Food“ Gebrauch machten, die in den Supermärkten lagen. „Is it eatable?“, wurden wir von besorgten Hausfrauen gefragt, die allesamt einen weiten Bogen um die üppigen Köstlichkeiten aus dem EG-Raum machten – dänischer Käse, italienische Wurst, Straßburger Leberpastete, auch österreichischen Wein namens „Schluck“ aus Krems gab es.

Die EU wiederum machte eklatante Fehler. So drängte sie sich beispielsweise in britische Traditionen hinein, wie etwa in die Fuchsjagd, die 300 Jahre lang eigenen Regeln folgte und via Lex Brüssel ihr letales Ende fand.

Auch jetzt sind die Fehler augenfällig. Die EU kann es sich nicht leisten, Großbritannien brüsk den Rücken zu kehren: Sie steht auf tönernen Füßen. Die Zentrifugalkräfte in der EU sind beschleunigt. Aber die EU gewährte sich monatelang den Luxus der Ablehnung von weiteren Nachverhandlungen bis zum Austrittsdatum. Und dies zu einem Zeitpunkt, da die USA unverhohlen drohen: „Wir können die Verteidigung Europas nicht garantieren.“ Großbritannien ist nicht nur die zweitgrößte Volkswirtschaft in der EU, sondern verfügt auch über die größte Militärmacht. In dieser Zeit der neuen Ungewissheiten und der aus dem Lot geratenen Weltsicherheit muss für die europäische Union eine Kompromiss-Suche bis zum letzten Zeitpunkt die oberste Maxime sein.

Die vom mitteleuropäischen Schuldgefühl getragene Rhetorik vom Friedensprojekt Europa haben die Briten nie geteilt: Sie hatten im Zweiten Weltkrieg von Beginn an selber für den Frieden gekämpft und unter großen Anstrengungen und Verlusten schließlich dazu beigetragen, ihn herbeizuführen.

Großen Einfluss auf das philosophische und politische Denken im England der Nachkriegszeit übte Bertrand Russell und seine Verteidigung der individuellen Freiheit aus. In seinen viel beachteten Radiogesprächen „Authority and the Individual“ brachte er ab 1948 einer Nation seine Überzeugung von der absoluten Notwendigkeit nahe, gerade in einer Gesellschaft, die von einem modernen staatlichen Herrschaftssystem gekennzeichnet ist, die Werte der persönlichen Freiheit und Entschlusskraft zu festigen.

Dazu gehören auch der Freimut und Ansporn, abweichende Meinungen zu äußern. Ein Dissenter zu sein und als Nonkonformist mit verwegenen Ansichten zu provozieren, führt nicht zur unsäglichen deutschen Anklage, politisch nicht „korrekt“ zu sein, sondern kann auf nationale Anerkennung zählen. „Die Engländer“, stellte Lord Dahrendorf einmal fest, „lieben alles, was Anstoß erregt und verschroben ist, und sie empfinden großes Vergnügen daran, politisch unkorrekt zu sein. Dabei sind sie sich oft nicht darüber im Klaren, dass man sie im Ausland ernster nimmt, als sie die Welt jenseits des Kanals namens Europa nehmen.“

Allerdings: Einen „Kräfteverfall der herrschenden Klasse“ stellte George Orwell, der Verfasser von „1984“, schon 1941 (in seinem Pamphlet „Der Löwe und das Einhorn“) fest. Von diesem Kräfteverfall ist in der gesamten Austrittsdebatte nicht nur, aber vor allem die herrschende Klasse erfasst. Die lügnerischen Versprechen der Brexit-Propagatoren, teilweise mit Elite-Hochschulabschluss, die Hetzreden gegen Brüssel und die jahrelangen Anti-EU-Kampagnen der Yellow Press bezeugen ebenfalls diesen Kräfte- und Sittenverfall. Ein Volk zu verblenden, ist, wenn solche Mittel zur Verfügung stehen, nicht besonders schwer. „England, my England“, der Refrain im hochgemuten Patriotenpoem des Dichters William Henley, ist längst zur bitteren Klagelitanei geworden.

Was wird nun passieren? Gewiss: Das Vereinigte Königreich kann aus der EU austreten. Aber es kann den geopolitischen Raum Europas nicht verlassen. Das hat die Geschichte hinlänglich bewiesen: Der Traum von der „splendid isolation“ wurde stets jäh gestört. Deshalb wäre es dringend geboten, sich nicht nur im eigenen Interesse im letzten Moment noch zu besinnen – vielleicht auf dem Weg eines zweiten Referendums. Denn: „Es ist die europäische Zivilisation, die uns eint, frei macht und uns schützt.“ Das sagte Emmanuel Macron unlängst, wohl auch als mahnende Ermutigung für die Briten.




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