Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 11.05.2019


Blick von außen

Lehrling Matkos europäische Hoffnung

Am 26. Mai geht‘s um ein zukunftsfähiges Europa, nicht um Österreich.

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Stellen Sie sich ein Paar vor, Markus und Karin. Sie wohnen nahe Innsbruck, sind Mitte dreißig und seit der Jugend erwerbstätig. Sagen wir, er, gelernter Spengler, arbeitet als Staplerfahrer in einem Sägewerk und ist bei der Freiwilligen Feuerwehr. Ehrensache und Familientradition. Sie, eigentlich aus Kössen und ausgebildete Fußpflegerin, ist Teilzeitkraft im örtlichen Supermarkt. Daneben näht sie in Heimarbeit, singt im Chor. Das Haushaltseinkommen reicht so. Denn die Miete ist hoch, die Kinder sind noch in Ausbildung und das Auto will auch abbezahlt werden. Ohne geht's nicht, da Markus' Arbeitsplatz für ihn etwas ungünstig liegt.

Ognjen, alias Ogi, ist Markus' Arbeitskollege und bester Freund. Er lernte seine Frau Darica in Tirol kennen, wo beide als halbwüchsige Kriegsflüchtlinge aus dem ehemaligen Jugoslawien landeten und das sie gut aufnahm. Dafür sind sie dankbar. Darica putzt tagaus, tagein in einem Hotel. Sohn Matko, ihr ganzer Stolz, ist sechzehn und Optikerlehrling. Er spielt Fußball im Verein, zupft ein bisschen die Gitarre, sagt, er wolle später „etwas mit Umwelt" machen. Die schwedische Aktivistin Greta Thunberg ist sein Idol. Deshalb nahm er sich frei, um bei der letzten Schülerdemo für den Klimaschutz einzutreten. Für ihn rackern die Eltern, die außerdem zwei Tanten im alten Dorf im Süden unterstützen, wohin die Familie im Sommer fährt. Viel Erspartes hat sie nicht, aber kleine unvorhergesehene Ausgaben bringen sie nicht aus dem Tritt.

Soll und Haben in Europa

Valdis und Aija gingen vor 15 Jahren direkt aus dem lettischen C?sis nach Liverpool. Dort trafen sie die Brüder George und Stephen. Zu viert betreiben sie ein kleines Taxiunternehmen. Jetzt bereiten ihnen Uber und Brexit Sorgen. Dagegen kam Zsófia aus Nyírbátor im Nordosten Ungarns über Umwege nach Kortrijk in Belgien, wo sie in einer Textilfabrik werkt und ihr Flämisch charmant magyarisch tönt. João, aus kinderreicher Bauernfamilie im Hinterland Portugals, kellnert in Ulm. Und schließlich ist da noch Eftychia aus Piräus. Nach dem Sprachstudium fand sie keinen Job im finanziell ruinierten Griechenland, wo 2011 selbst der Tourismus lahmte. Da sie die Eltern entlasten wollte — ihr Vater, Bankangestellter, war schon zwei Jahre arbeitslos —, gehört sie zu der von elender Sparpolitik verjagten griechischen Jugend. Jetzt führt sie Touristen durch Paris und erledigt kleine Übersetzungsaufträge, die sie von einer Online-Agentur bekommt, wenn sie schnell genug ist. Obwohl es meist um öde Gebrauchsanleitungen geht, herrscht darum wildes Gerangel. Das bringt alles wenig ein, also lebt sie weitab von Eiffelturm und Louvre in einer WG. Die sozialen Anliegen der Gelbwesten teilt sie. Die Gewalt lehnt sie ab.

All diese Menschen und ihre Lebensumstände sind erfunden, damit sich in ihnen manche Stärken und Schwächen der EU spiegeln. Auf der Habenseite steht die Vielfalt, die sich in den Sprachen, Herkunfts- und Zielregionen der Menschen findet. Dieses bunte Erbe ist als gemeinsames zu begreifen, wie ein Puzzle, das nur zusammengesetzt ein schönes Bild ergibt. Sieht man nicht das Bild, sondern die Stöße zwischen den Steinen, dann entstehen leicht nationale Attitüden oder gar handfeste Animositäten. Allzu oft schon führten sie zur Verwüstung Europas. Deren Wiederkehr zu verhindern, ist die große Mission der Union, die sie seit gut 60 Jahren erfüllt. Dazu leistet die Bewegungsfreiheit aller EU-BürgerInnen einen kostbaren Beitrag. Denn sie erlaubt es, die Stöße zwischen den Puzzlesteinen langsam zu verwischen, wenn Menschen von ihr Gebrauch machen. Zugegeben, all die Verpflanzten migrierten nicht deswegen, sondern suchten Lebenschancen, die es daheim nicht gab. Kein verwerfliches Motiv, sondern Ausweis von Wille und Mut. Wohl trafen sie als anfangs Fremde da und dort auf Skepsis, aber die verflog rasch, als sie Kollegen, Bekannte, Freunde wurden. Wie bei Ogi und Darica. Deren Herkunft ist für Markus, Karin und die ganze Tiroler Runde längst egal. Und wenn Matko ein Tor schießt, jubeln sie alle.

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Doch die Biographien vermerken auch einige Posten auf der Sollseite Europas. So findet es z. B. keine brauchbare Antwort auf das Zerstörungswerk internetbasierter Geschäftsmodelle, die in Liverpool das Taxigewerbe, in Paris die Arbeit von Übersetzerinnen, dort und in anderen Tourismusstädten die Hotellerie und überall den Einzelhandel bedrängen. Zu dieser digitalen Invasion fehlt die klare europäische Position, weil die EU dafür ungenügende Kompetenzen hat. Die Mitgliedsstaaten verweigern ihr größere, pochen lieber auf die eigene Souveränität, die in Wahrheit bescheiden ist. So bleibt letztlich alles Stückwerk und die Monopolisten des Netzes tanzen auf Europas Nase.

Während dieser Druck quasi von außen kommt und eher neu ist, laboriert Europa auch an einem älteren inneren Dilemma, der wirtschaftlichen Zweiteilung in ein florierendes Zentrum und eine darbende Peripherie. Das Gefälle hat viele Gründe, nicht zuletzt historische und es gibt gut gemeinte Strategien zu seiner Überwindung. Doch scheitern sie, weil alle Mitgliedsstaaten um die Gunst des Kapitals buhlen, um sich jeweils eigene Vorteile zu holen, statt ihm als Union gemeinsam gegenüberzutreten. Der zwischenstaatliche Steuer- und Standortwettbewerb in der EU drängt zu ständiger Lizitation nach unten. Sinkende Sozialstandards sind davon eine Folge. Wenn sich zuletzt nicht alle auf niedrigem Niveau wiederfinden sollen, muss eine europäische Fiskalunion entstehen, mit homogenem Steuerrecht und einheitsförderndem Finanzausgleich. Doch davon will vor allem das Zentrum nichts wissen. Entgegen dem Sinn der Union bereichert es sich lieber an der Peripherie von Griechenland über Portugal bis Lettland. Das Gefälle bleibt bestehen oder wächst sogar.

Aber der ökonomische Graben hat noch ein zweites Gesicht. Denn all die eingangs Genannten leben zwar in relativ vermögenden Zentren, doch gehören sie nicht zu den großen Gewinnern der Prosperität. Gut, sie haben Jobs. Doch erreicht sie wenig von dem Wohlstand, den ihre Arbeit schafft. Das ist ein gesellschaftsspaltendes Systemmerkmal, dem nationalstaatlich nicht beizukommen ist, weil Grenzbalken dafür kein Hindernis sind. Deswegen ist auch das Verlassen der EU wie beim Brexit keine Lösung. Die Lage der Benachteiligten Europas und sein Zusammenhalt können nur verbessert werden, indem sich die EU auch zu einer Sozialunion wandelt. Fiskal- und Sozialunion gehen Hand in Hand. Doch um Mitgliedsstaaten und Union für diesen Pfad zu verpflichten, wird millionenfacher Wählerwille gebraucht.

Aufstehen für Europa

Auch wenn unsicher ist, ob er reicht, liegt es im Interesse der zu kurz kommenden Schicksalsgenossen, von ihrem Stimmrecht bei der Europawahl am 26. Mai zahlreich Gebrauch zu machen. Dabei geht es nicht um österreichische Belange, wie das manche Wahlwerbung glauben machen will. Vielmehr gilt es, ein kluges Votum abzugeben für eine engere und wohlfahrtsstaatlich orientierte EU, jenseits von Rot-Weiß-Rot. Denn nur ein einiges Europa kann im Umgang mit Globalisierung und Digitalisierung punkten und seine inneren Brüche heilen. Bedeutungslosigkeit, Zerfall, Unfrieden sind die Alternative. „Und", ergänzt Matko, „nur ein einiges Europa kann den grenzenlosen Umweltfrevel stoppen, der meiner Generation in Tirol, Österreich und überall ihre grüne Zukunft raubt." Aus tausend guten Gründen geht er daher wählen und bittet seine Eltern, es ihm gleichzutun. Seinetwegen. Ihretwegen. Wegen Europa.