Letztes Update am Fr, 24.05.2019 22:09

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Atompolitik

Slowakei lässt internationale Kontrolle von AKW Mochovce zu

Der neue 3. Reaktorblock des umstrittenen slowakischen Atomkraftwerks wird vor seiner Inbetriebnahme inspiziert. Umweltministerin Köstinger spricht in einer ersten Reaktion von „einem großen politischen Erfolg“.

Luftbildaufnahme des Atomkraftwerkes Mochovce in der Slowakei (Archivaufnahme).

© APALuftbildaufnahme des Atomkraftwerkes Mochovce in der Slowakei (Archivaufnahme).



Bratislava/Wien – Eine Mission der Internationalen Atomenergiebehörde IAEO (IAEA) wird den neuen 3. Reaktorblock des umstrittenen slowakischen Atomkraftwerks Mochovce vor seiner Inbetriebnahme inspizieren. Die Kontrollen sollen im Oktober stattfinden. Bundeskanzler Sebastian Kurz und Umweltministerin Elisabeth Köstinger (beide ÖVP) sprachen von einem Erfolg Österreichs.

Der AKW-Betreiber, die Slowakischen Stromwerke (Slovenske elektrarne/SE), bestätigte gegenüber der slowakischen Zeitung Dennik N am Freitagnachmittag, dass die Inspektion das Team für die Bewertung der Betriebssicherheit (OSART - Operational Safety Assessment Review Team) durchführen soll. Die SE betonen, dies sei keine Reaktion auf die Kritik aus Österreich.

Atomaufsicht warnt vor übertriebenen Erwartungen

Die slowakische Atomaufsichtsbehörde (UJD), die das Hauptwort bei der Genehmigung der neuen Reaktorblöcke hat, sieht die geplante Kontrollmission positiv und warnte gleichzeitig vor übertriebenen Erwartungen. Es brauche keine Kontrolle, aber diese würde dem Ansehen der Firma helfen. „Es ist sehr gut aus Sicht der internationalen Debatte. Es ist aber illusorisch, anzunehmen, dass Experten während des Kurzbesuchs mehr feststellen werden als unsere Mitarbeiter, die dauerhaft in Mochovce sind,“ erklärte UJD-Chefin Marta Ziakova.

Köstinger und Kurz sehen politischen Erfolg

Bundeskanzler Kurz begrüßte die Entscheidung der Slowakei, einer Überprüfung des AKW Mochovce durch unabhängige internationale Experten zuzustimmen. „Wir werden weiter dafür kämpfen, dass Österreich Einsicht in die Ergebnisse der Überprüfung bekommt!“, schrieb Kurz am Freitagabend auf Twitter. „Das ist ein wichtiger Erfolg für Österreich!“

Auch Köstinger sah einen großen politischen Erfolg. „Wir haben immer gefordert, dass die Slowakei unabhängige internationale Inspektoren ins Land lässt, um die gravierenden Sicherheitsmängel an den Reaktoren 3+4 zu überprüfen“, erklärte Köstinger in einer Aussendung. „Der politische Druck, den Österreich auch mit Hilfe der Öffentlichkeit entwickelt hat, hat dazu geführt, dass die Slowakei diese Überprüfungen durch Inspektoren der IAEA durchführen lässt.“

Der oberösterreichische Umweltlandesrat Rudi Anschober (Grüne) warnte unterdessen vor zu laschen Kontrollen. Es brauche eine „Kontrolle mit Biss“. Anschober: „Das könnte eine Alibimaßnahme werden, denn die IAEO ist - sogar in ihrem Statut verankert - klar Pro-Atom ausgerichtet.“ Der Landesrat forderte die Beteiligung kritischer, unabhängiger und auch österreichischer Experten sowie eine vollständige Offenlegung der Projektdokumentation.

Kein Zusammenhang mit Forderungen Österreichs

Wie die Slowakischen Energiewerke (SE) in ihrer Stellungnahme gegenüber der Zeitung Dennik N mitteilten, sollte die OSART-Mission nach Abschluss der bereits geplanten internationalen Kontrolle des Weltverbands der Kernkraftwerksbetreiber (WANO) und noch vor der Beschickung des 3. Blocks mit Brennstäben stattfinden. Die Einladung der Inspektoren „hängt in keiner Art und Weise mit den Forderungen Österreichs zusammen,“ zitierte die Zeitung das Unternehmen. Innerhalb der vergangenen fünf Jahre hätten schon mehr als zehn derartige „unterstützende internationale Missionen“ stattgefunden, hieß es. Der genaue Termin der Inspektion werde noch ausgehandelt.

Die Inbetriebnahme der Blöcke 3 und 4 des rund 100 Kilometer von der österreichischen Grenze entfernten Atomkraftwerks war ursprünglich schon für 2012 und 2013 geplant und wurde mehrmals verschoben. Die SE haben kürzlich eingeräumt, dass sich der Fertigbau der neuen Blöcke auch wegen Einwänden aus Österreich bis November 2019, möglicherweise sogar bis März 2020 verzögern werde.

Mehrere ehemalige Arbeiter und Ingenieure hatten sich an die Umweltorganisation Global 2000 gewandt und vor gravierenden Mängeln am Bauprojekt gewarnt. Auch von chaotischen Arbeitsabläufen und Druck des „inkompetenten“ italienischen Bauleitungsmanagements war die Rede.

Foto-Dokumente und Zeugenaussagen würden belegen, dass die Sicherheitshülle des Reaktors durch Bohrungen beschädigt wurde und im Falle eines Erdbebens oder von Explosionen im Zuge eines schweren Unfalls versagen könnte, hieß es seitens Global 2000. Die Slowakischen Stromwerke bestritten die Sicherheitsmängel und sprachen von Panikmeldungen der Umweltschützer. (APA)