Letztes Update am Mo, 10.06.2019 15:00

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Großbritannien

Kandidatenfeld komplett: Neuer Tory-Chef wird gewählt

Der neue Chef der britischen Tories und damit auch der wohl zukünftige Premierminister wird in einem aufwändigen Prozess bestimmt. Favorit ist Ex-Außenminister Boris Johnson – aber die Geschichte zeigt, dass sich bislang nie der Favorit durchsetzte.

Ex-Außenminister Boris Johnson.

© AFPEx-Außenminister Boris Johnson.



London – In London ist am Montag die Bewerbungsfrist für die Nachfolge von Premierministerin Theresa May als Parteivorsitzende der konservativen Tories zu Ende gegangen. Bis zum Abend konnten Kandidaten ihre Bewerbung abgeben. Der oder die nächste Parteichefin wird laut britischen Gepflogenheiten neuer Premierminister.

Wettstreit um die Parteiführung

Anwärter auf die Parteiführung müssen Abgeordnete der Konservativen sein und die Unterstützung von mindestens acht Kollegen haben. Bei mehr als zwei Bewerbern kommt ein aufwändiges Prozedere in Gang: Die konservativen Abgeordneten wählen ab dem 13. Juni jeden Dienstag und Donnerstag in geheimer Abstimmung, der Kandidat mit den wenigsten Stimmen scheidet jeweils aus. Es wird solange gewählt, bis nur noch zwei Bewerber übrig sind. Dies dürfte Ende Juni soweit sein.

Nach einem mehrwöchigen Wahlkampf der beiden Spitzenreiter entscheiden die Parteimitglieder bis Ende Juli, wer neuer Tory-Chef wird. Sollte einer der beiden Kandidaten verzichten, könnte es schneller gehen: Das war bei Theresa May im Juli 2016 der Fall, als sich ihre Rivalin Andrea Leadsom zurückzog.

Einzug in die Downing Street

Der Premierminister wird offiziell von Königin Elizabeth II. ernannt. May hat mitgeteilt, dass sie als Regierungschefin so lange im Amt bleiben werde, bis ihr Nachfolger an der Parteispitze bestimmt ist.

Die Königin ernennt für gewöhnlich denjenigen zum Regierungschef, der das Vertrauen des Unterhauses genießt – und das ist der Chef der stärksten Partei. Derzeit sind die Konservativen allerdings auf die Unterstützung der nordirischen Democratic Unionist Party (DUP) angewiesen, um eine Mehrheit im Parlament zu bekommen.

Nach derzeitigem Stand wird Mays Nachfolger seinen ersten großen Auftritt auf internationalem Parkett Ende August haben. Dann findet im französischen Biarritz das G-7-Treffen der Staats- und Regierungschefs statt.

Lehren aus der Vergangenheit

Der Favorit gewinnt nie – das zeigt ein Blick zurück bis zur Einführung des aufwändigen Abstimmungsverfahrens im Jahr 1965. Damals galt Reginald Maudling als sicherer Gewinner, wurde aber von Edward Heath geschlagen. Zehn Jahre später sah es so aus, als würde Heath die Wahl spielend gewinnen und seine Position festigen. Doch Margaret Thatcher trat an – und gewann.

Thatcher wiederum räumte ihren Posten, als sie 1990 nicht deutlich genug gegen ihren Herausforderer Michael Heseltine gewann. Damals stieg dann John Major noch in das Rennen ein und ging als neuer Parteichef aus dem Verfahren hervor.

Ähnlich ging es bei den folgenden Wahlen zum Parteivorsitz weiter. 2005 galt David Davis als aussichtsreichster Kandidat, bevor sich der junge Außenseiter David Cameron als Modernisierer die Parteiführung sicherte.

2016 musste der frühere Londoner Bürgermeister Boris Johnson seinen Verzicht auf eine Kandidatur erklären, nachdem sein Parteikollege Michael Gove ihm seine Unterstützung entzog – und lieber selbst antrat. Letztlich setzte sich dann May durch. Für die May-Nachfolge gilt derzeit der Ex-Außenminister und Brexit-Hardliner Boris Johnson als aussichtsreicher Kandidat. (APA, AFP)