Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 01.07.2019


Exklusiv

Strategien und Notstände: Der Klimawandel hat Hochsaison

Städte, darunter auch Innsbruck, rufen den Klimanotstand aus. Damit bestätigen sie, dass zum Schutz des Klimas zu wenig getan wurde. Klimastrategie und Klimanotstand machen auf dem Papier eine gute Figur.

Die Hitze der Stadt wird im Sommer immer brutaler, nicht zuletzt aufgrund des Klimawandels. Bis 2050 will Tirol energieautonom und damit weg von Öl und Gas sein. Von diesem Ziel ist das Land weit entfernt.

© Thomas Boehm / TTDie Hitze der Stadt wird im Sommer immer brutaler, nicht zuletzt aufgrund des Klimawandels. Bis 2050 will Tirol energieautonom und damit weg von Öl und Gas sein. Von diesem Ziel ist das Land weit entfernt.



Von Anita Heubacher

Innsbruck, Wien – Der Klimawandel treibt Jung und Alt am Freitag auf die Straße, um für mehr Klimaschutz zu demonstrieren. Klimaschutz ist durch die schwedische Aktivistin Greta Thunberg so modern geworden, dass er Deutschland, würde jetzt gewählt, vielleicht sogar einen grünen Bundeskanzler bescheren könnte. Auch im österreichischen Nationalratswahlkampf treibt der Klimawandel seltsame Blüten und Parteien vor sich her. Inzwischen ist sogar die FPÖ, deren Vertreter noch vor Kurzem den vom Menschen verursachten Klimawandel leugneten, grün geworden.

Traiskirchen hat letzte Woche den Klimanotstand ausgerufen, Innsbruck will es am 18. Juli tun. So wie einige andere europäische Städte auch, ist hier der Klimanotstand zuerst einmal das Schuldeingeständnis, dass in der Vergangenheit zu wenig für den Klimaschutz getan wurde. Der Klimanotstand ist das Bekenntnis, das in Zukunft ändern zu wollen. Zumindest auf dem Papier. Man wird sehen, wie der Innsbrucker Gemeinderat und die Stadtregierung reagieren, wenn City-Maut, höhere Parkgebühren, Tempolimits oder Fahrverbote diskutiert werden. Bis dato machen und machten sich die grünen Verkehrsstadträtinnen mit Vorstößen oder Maßnahmen in diese Richtung wenig Freunde.

Im Herbst hat die ehemalige Bundesregierung ihre Klima-strategie auf den Tisch gelegt. Umweltorganisationen und Experten kritisierten, dass die darin angeführten Maßnahmen nicht ausreichen würden, um die CO2-Emissionen bis 2030 um 36 Prozent zu reduzieren. Ein Befund, der Mitte Juni von der EU-Kommission bestätigt wurde. Österreich müsse bei seinen Klimaplänen nachschärfen. Unser Land steht damit nicht allein in der EU da. Auch andere Nationalstaaten sind säumig.

Adam Pawloff ist Klimaexperte bei Greenpeace: Aus für Diesel und Benziner in zehn Jahren.
Adam Pawloff ist Klimaexperte bei Greenpeace: Aus für Diesel und Benziner in zehn Jahren.
- Kobal

Alarm geschlagen hat Greenpeace Österreich. Die Klimaschutzbilanz sei katastrophal, meint Greenpeace-Klimaexperte Adam Pawloff. Während die Emissionen in den EU-28-Staaten seit 1990 um 23 Prozent gesunken seien, seien sie in Österreich um fünf Prozent gestiegen, meint er im TT-Interview.

Viele Baustellen

Die Waldgrenze muss nach oben

Eine Strategie gibt es auch für den Tiroler Wald, der zu „einem klimafitten Bergwald weiterentwickelt" werden soll. Konkrete Maßnahmen sind unter anderem die Aufforstung von Mischbaum­arten, weil die besser mit dem Klimawandel zurechtkommen.

Reine Fichten- und Kiefernwälder unterhalb von 1000 Metern Seehöhe sind bei steigenden Temperaturen anfälliger für Borkenkäfer oder Pilze. „Das Etappenziel der Tiroler Waldstrategie, nämlich den Anteil der Mischbaum­arten bis 2020 um ein Fünftel zu erhöhen, haben wir gemeinsam mit den Waldeigentümern bereits 2018 annähernd erreicht", sagt der zuständige Landesrat Josef Geisler. 2,5 Millionen Euro werden pro Jahr in den Schutzwald investiert, um ihn widerstandsfähiger zu machen.

Die Schadensbilanz ist ebenso ein Spiegelbild dafür, dass sich der Klimawandel in den Alpen schon mehr als bemerkbar macht. 2018 war wetterbedingt die Schadholzmenge doppelt so hoch wie im Schnitt der Jahre davor. Trockenheit, Überschwemmung, Windwurf und Schneebruch setzten dem Wald in Tirol enorm zu.

Auf jedes Dach Solar-Paneele

Um die Energiewende 2050 zu schaffen, müsste der Anteil von Solarenergie massiv erhöht werden. Laut Experten bräuchte es dafür auf jedem geeigneten Hausdach in Tirol eine Photovoltaikanlage.

Ziel der Tiroler Landesregierung ist, bis 2050 energieautonom und damit weg von fossilen Brennstoffen wie Erdöl und Erdgas zu sein. Derzeit geben wir in Tirol fast zwei Milliarden Euro für Energieimporte aus. Das entspricht in etwa der Hälfte des Tiroler Landesbudgets. „Es ist uns gelungen, den Anteil an erneuerbarer Energie seit 2005 um ein Fünftel auf mehr als 44 Prozent zu steigern", sagt Energielandesrat Josef Geisler. Der österreichweite Schnitt liegt bei 33 Prozent. Positiv ist, dass die Tiroler seit 2005 zwar mehr geworden sind, aber der Energiebedarf der Bevölkerung stagniert.

Der größte Energiefresser waren 2016 mit 41 Prozent Gebäude und Dienstleistungen. 35 Prozent flossen in Mobilität, 24 Prozent in die Industrie. Im Bereich der Wohnbauförderung wird ökologisches Bauen gefördert. Der „ideale" Haushalt hätte eine Solaranlage, eine Wärmepumpe und ein E-Auto.

Vom Radland meilenweit entfernt

Tirol wird vom Pkw- und Lkw-Verkehr überrollt. Über den Brenner fuhren letztes Jahr mehr Lkw als über die Schweizer und französischen Alpenpässe zusammen. 2,5 Millionen Lkw zahlten Maut bei Schönberg, dazu gesellen sich 11,5 Millionen Pkw. In der Sommerreisezeit werden pro Monat eine bis 1,5 Millionen Pkw gezählt.

Die E-Mobilität hingegen kommt in Tirol, so wie auch in Restösterreich, nicht vom Fleck. Nicht einmal ein Prozent der 394.139 Pkw in Tirol sind E-Autos oder zumindest Hybride. In fünf Jahren rechnen die Innsbrucker Kommunalbetriebe damit, dass sich der Anteil der E-Autos auf rund zehn Prozent erhöhen könnte. Strom dafür gebe es in Tirol genug. Ein großes Problem sehen alle Experten in der fehlenden Ladeinfrastruktur. In Wohnanlagen müssen beispielsweise alle Eigentümer zustimmen, wenn man eine Ladestation installieren will.

Was das Fahrrad angeht, hat Tirol als selbst ernanntes „Radland Nummer eins" noch einen weiten Weg vor sich. Es fehlt an Radwegen und auch an Infrastruktur für E-Bikes. Sie können kaum sicher abgestellt werden.