Letztes Update am Di, 23.07.2019 20:09

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Porträt

Boris Johnson: Scharlatan oder genialer Machtpolitiker?

Boris Johnson hat sein Ziel erreicht. Er ist als Premierminister in der Downing Street 10 angekommen – vor allem dank des Chaos um den Brexit. Ein Zustand, den er maßgeblich mit herbeigeführt hat.

Boris Johnson ist in Downing Street Nr. 10 angekommen - als Premierminister. Es erwartet ihn eine schwere Aufgabe.

© AFPBoris Johnson ist in Downing Street Nr. 10 angekommen - als Premierminister. Es erwartet ihn eine schwere Aufgabe.



London – „Verschwindend gering“ seien die Chancen, dass er einmal Premierminister werde, hatte Boris Johnson mit einem verschmitzten Lächeln einem BBC-Journalisten gesagt. Doch vieles spricht dafür, dass er es seit sehr langer Zeit genau darauf angelegt hat. Vor etwa drei Jahren führte Johnson die Kampagne für den EU-Austritt vor dem Referendum an. Viele glauben, dass er es war, der mit seiner Prominenz den Brexit-Befürwortern zu ihrem knappen Sieg verhalf. Nun ist der 55-Jährige am Ziel.

Der ehemalige britische Außenminister und Londoner Bürgermeister hat tatkräftig mitgeholfen, seine Vorgängerin Theresa May zu Fall zu bringen. Sie selbst hatte ihn 2016 als Chefdiplomaten in ihr Kabinett geholt, nachdem er seine eigenen Ambitionen vorübergehend begraben musste. Im Sommer 2018 löste sich Johnson aus der Umklammerung. Er trat von seinem Kabinettsposten zurück und schrieb fortan in einer wöchentlichen Telegraph-Kolumne gegen Mays Brexit-Pläne an.

Sturmlauf auf die Downing Street

Nachdem May Anfang dieses Jahres drei Mal mit ihrem Brexit-Deal im Parlament in London gescheitert war und Nigel Farage mit seiner Brexit-Partei bei der Wahl zum Europaparlament zur stärksten Kraft in Großbritannien wurde, sah Johnson seine Stunde gekommen. May musste ihren Rücktritt ankündigen. Ihm trauten viele zu, enttäuschte Brexit-Wähler einzufangen, die sich von den Konservativen wegen des bis Ende Oktober verschobenen EU-Austritts abgewendet hatten.

Im Sturm nahm Johnson die erste Hürde, eine Vorauswahl der Kandidaten innerhalb der einst skeptischen Tory-Fraktion. Der Sieg in der Finalrunde, bei der die Parteimitglieder das Sagen hatten, war ihm ohnehin so gut wie sicher. An der Basis war Johnson schon immer beliebt.

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Der Grund dafür könnte sein, dass sich Johnson als einer inszeniert, der kein Blatt vor den Mund nimmt, wenn es darum geht, unbequeme Wahrheiten auszusprechen. In Wirklichkeit, so sagen alte Weggefährten, sei er jemand, der keine eigenen Meinungen vertritt, sondern sich als Projektionsfläche für jeden anbietet, der ihm auf seinem Weg nach oben als behilflich erscheint. So ist bis heute nicht ganz klar, ob Johnson den Brexit wirklich wollte.

Brexit am 31. Oktober – mit oder ohne Abkommen

Den Brexit-Hardlinern in der Konservativen Partei versprach er einen unbedingten EU-Austritt zum 31. Oktober – mit Abkommen oder ohne. Trotzdem ruhen auch die Hoffnungen vieler proeuropäischer Abgeordneter auf ihm, die nur einem Politiker wie Johnson zutrauen, auch noch eine Kehrtwende zu machen und vielleicht sogar ein zweites Referendum auszurufen, wenn es ihm opportun erscheint.

Ob er tatsächlich einen Plan hat, wie er das Brexit-Dilemma lösen will, darf bezweifelt werden. Regeln oder Details interessieren ihn nicht. Johnson ist es gewohnt, dass er sich mit Witz und Charme darüber hinwegsetzen kann. Diese Strategie hat ihn in Großbritannien in das höchste politische Amt getragen. Fraglich ist jedoch, ob sein Charme auch in Brüssel und anderen europäischen Hauptstädten Erfolg hat.

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Im Ringen um den EU-Austritt hatte Johnson oft das von ihm ins Gegenteil verkehrte Sprichwort bemüht „You can‘t have your cake and eat it“ – etwa: man kann seinen Kuchen nicht gleichzeitig essen und aufbewahren. Johnson war der Meinung, das ginge sehr wohl. Damit war gemeint, Großbritannien könne aus der EU austreten und die Pflichten der Mitgliedschaft abschütteln, aber weiter die Vorteile genießen. In diesem Geiste will Johnson nun das Brexit-Abkommen neu verhandeln. Es gibt keine Anzeichen dafür, dass er damit erfolgreich sein könnte.

Johnson und seine Unwahrheiten

Möglicherweise ist ihm das klar. Doch mit der Wahrheit nahm es Johnson noch nie besonders genau. Zu seinen bekanntesten Falschaussagen gehört die Behauptung im Brexit-Wahlkampf, London überweise pro Woche 350 Millionen Pfund (umgerechnet rund 390 Millionen Euro) an Brüssel, die im Falle eines EU-Ausstiegs an den nationalen Gesundheitsdienst NHS gehen könnten. Diese Botschaft ließ er sogar auf einen roten Bus drucken, mit dem er durchs Land fuhr.

Johnson verschwieg allerdings, dass Großbritannien einen nicht unwesentlichen Teil dieses Geldes ohnehin von der EU zurückbekommt, zum Beispiel für die Landwirtschaft. Der Chef der britischen Statistikbehörde bezichtigte Johnson daraufhin des Missbrauchs offizieller Statistiken. Eine Privatklage blieb folgenlos.

Seinen ersten Job als Journalist bei der renommierten Tageszeitung „The Times“ verlor Johnson, weil er absichtlich ein Zitat verfälscht hatte. Doch das Konkurrenzblatt „The Telegraph“ empfing ihn mit offenen Armen und schickte ihn nach Brüssel. Von dort schrieb er unzählige Geschichten, in denen er die EU als unfähiges, nur sich selbst dienendes Bürokratiemonster darstellte.

Sein damaliger Chefredakteur Max Hastings beim „Telegraph“ fällt inzwischen ein hartes Urteil über Johnson: „Er scheint keine anderen Interessen zu verfolgen als seinen Ruhm und die Befriedigung seiner Bedürfnisse.“ Johnson sei ein herumtollender Scharlatan, völlig ungeeignet für das Amt des Premierministers.

Lange Liste an Fehltritten

Schon als Außenminister hatte Johnson keine gute Figur gemacht. Die Liste seiner Fehltritte ist lang. Dabei ist nicht immer klar, ob er absichtlich aus der Rolle fiel oder aus Ignoranz.

Sein schwerwiegendster Fehltritt auf dem Posten war wohl die Äußerung über eine im Iran inhaftierte Frau mit iranisch-britischer Staatsangehörigkeit. Die Behörden hatten Nazanin Zaghari-Ratcliffe zu fünf Jahren Gefängnis wegen Spionage verurteilt. Die Frau gab aber an, nur in den Iran gereist zu sein, um ihre Eltern zu besuchen. Johnson sagte dagegen im Parlament, sie habe dort Journalisten ausgebildet. Dadurch soll er ihre Lage erheblich verschlimmert haben.

Großen Schaden hatte ihm eine Äußerung über die Sorgen der Wirtschaft vor einem Brexit ohne Abkommen (No Deal) zugefügt. Johnsons Kommentar dazu, so berichteten Medien unter Berufung auf Diplomatenkreise: „Fuck business“ („Scheiß auf die Wirtschaft“). Sollte es zu einem Brexit ohne Deal kommen, wird mit verheerenden Folgen für die Wirtschaft und viele andere Lebensbereiche gerechnet.

Doch wenn sich etwas wie ein roter Faden durch Johnsons Biografie zieht, dann die Erkenntnis, dass seine Fehltritte schnell in Vergessenheit geraten. Dazu gehören auch die zahlreichen Affären, die Johnson hatte. Selbst ein nächtlicher Polizeieinsatz bei seiner Wohnung wegen eines lautstarken Streits zwischen ihm und seiner Freundin während seiner Kandidatur konnte Johnson nichts anhaben.

Trotz seines Talents, den einfachen Mann anzusprechen, ist Alexander Boris de Pfeffel Johnson - so sein vollständiger Name - ein Mitglied der britischen Oberschicht. Er besuchte das Elite-Internat Eton, studierte in Oxford und war zeitweise Präsident des Debattierclubs Oxford Union und Mitglied der als dekadent verschrienen Studentenverbindung Bullingdon-Club.

Nur Premierminister zu werden, sei nicht genug für ihn, scherzte einmal seine Schwester Rachel. Als Kind habe er stets als Berufswunsch „Welt-König“ genannt. (dpa)


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