Letztes Update am Di, 30.07.2019 14:01

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Rumänien

Polizeiversagen bei Mädchenmord: Innenminister tritt nach sechs Tagen zurück

Im Fall der zwei getöteten Mädchen in Rumänien wurden neue Details zum verheerenden Polizeiversagen bekannt. Der Innenminister trat daraufhin nach nur sechs Tag im Amt zurück.

Eine Familie zündet Kerzen vor dem innenministerium in Bukarest an.

© AFPEine Familie zündet Kerzen vor dem innenministerium in Bukarest an.



Bukarest – In Rumänien ist Innenminister Nicolae Moga vor dem Hintergrund von Behördenversagen rund um die Tötung zweier Mädchen am Dienstag nach weniger als einer Woche im Amt zurückgetreten. Mogas Schritt erfolgte nur wenige Stunden vor einer von der Opposition beantragten Sitzung des Obersten Verteidigungsrates, der sich mit dem Behördenversagen befassen sollte.

Inkompetenz-Vorwürfe gegen Polizei

Unterdessen werden immer neue Informationen über das Ausmaß des Behördenversagens, insbesondere der Polizei, bekannt. Der Verteidigungsausschuss des Parlaments, der am Montag die Mitschnitte von den drei Notrufen der später getöteten, 15-jährigen Alexandra anhörte, zeigte sich erschüttert: Der diensthabende Polizeibeamte hatte dem Mädchen bei dessen ersten Notruf empfohlen, „die Leitung nicht länger zu belegen“. Nachdem die Jugendliche weinend beteuerte, entführt, verprügelt und vergewaltigt worden zu sein, empfahl ihr der Polizist, „bleib‘, wo du bist. Ich schicke eine Streife vorbei“.

Neben Mangel an Empathie muss sich die Polizei an Ort und Stelle in Caracal auch den Vorwurf krasser Inkompetenz gefallen lassen: Nachdem der ungefähre Aufenthaltsort der 15-Jährigen per Handy-Ortung bestimmt worden war, benötigte die örtliche Polizei eineinhalb Stunden, um die App zur genaueren Positionsbestimmungen zu bedienen. Der zuständige Polizist habe „telefonische Anweisungen“ angefordert, weil er nicht wusste, was zu tun bzw. anzuklicken sei, stellte der Vizechef des Sondertelekommunikationsdienstes STS, Brigadegeneral Sorin Balan, gegenüber dem Verteidigungsausschuss fest. Hilfe durch die Polizei kam schließlich zu spät - Alexandra war umgebracht worden. Alexandras Vater, der sein Kind bereits vorige Woche am Mittwochabend vermisst melden wollte, hatte die Polizei Caracal empfohlen, sich „lieber erst morgen wieder zu melden“.

Die Ermittlungen im Fall der getöteten 15-Jährigen und einem weiteren Mädchen laufen derzeit zwar auf Hochtouren. Am Montag brachten sie aber keine neuen Erkenntnisse. Ein erster Versuch, das Tatgeschehen nachzustellen, scheiterte am mutmaßlichen Täter: Der 66-jährige, teilgeständige Gheorghe D. zeigte sich plötzlich wieder „unkooperativ“, als man ihn nach Corabia an der Donau brachte, wo er die Leiche der 18-jährigen Luiza nach eigener Aussage verschwinden ließ. Ermittler und Forensiker fanden nach stundenlanger Suche nichts, was die Aussage untermauerte; der dringend Tatverdächtige schwieg nun wieder.

Wut der Bevölkerung wächst

Unterdessen nimmt in Rumänien die Welle der Empörung in der Bevölkerung angesichts der Behördeninkompetenz weiter zu: In Caracal gingen am Montagabend Hunderte Schüler, viele davon Schul- und Klassenkollegen der getöteten 15-jährigen Alexandra, auf die Straße, um gegen die Gemeindebehörden – allen voran die örtliche Polizei – zu demonstrieren. Die Jugendlichen marschierten quer durch die Kleinstadt bis vor das Anwesen des mutmaßlichen Täters. Dort riefen sie stundenlang: „Unsere Polizei tötet“, „Sie hat euch vertraut, ihr habt sie im Stich gelassen“, „Schande über euch“ und „Rücktritt!“.

Rumäniens sozialdemokratische Ministerpräsidentin Viorica Dancila hatte MogasVorgängerin Carmen Dan erst kürzlich abgesetzt. Dancila begründete das mit dem schlechten Image Dans in der Bevölkerung. Dan war vor allem wegen eines gewaltsamen Polizeieinsatzes mit Tränengas gegen regierungskritische Demonstranten im Vorjahr unbeliebt. (APA)