Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 19.08.2019


30. Jahrestag

Paneuropäisches Picknick: Als sich das Tor in die Freiheit öffnete

Vor 30 Jahren fand an der ungarisch-österreichischen Grenze bei Sopron ein Friedensfest der Paneuropa-Bewegung statt, das die Welt bewegte. Eine symbolische Grenzöffnung, die Hunderten DDR-Bürgern die Flucht ermöglichte.

Der Moment vor 30 Jahren, als Hunderte DDR-Bürger durch ein kurz geöffnetes Grenztor ins Burgenland fliehen.

© APA/Ungarisches TourismusamtDer Moment vor 30 Jahren, als Hunderte DDR-Bürger durch ein kurz geöffnetes Grenztor ins Burgenland fliehen.



St. Margarethen, Sopron – Mit dem Hammer seines Dienstwagens schlug Johann Göltl das verrostete Schloss des seit Jahrzehnten ungeöffneten Grenztors auf. Arglos rechnete der damalige Chefinspektor des Zolls mit einigen Österreichern und Ungarn, die nahe der Grenze an einem gemeinsamen Picknick der Paneuropa-Union teilnehmen sollten. Auch der ungarische Oberstleutnant Árpád Bella ahnte nichts. Beide wurden Schlüsselfiguren in einem brisanten und historischen Moment. „Statt der Delegationen kamen die Flüchtlinge“, erinnert sich der 73-jährige Bella. Über die Wiesen und die Straße stürmten Hunderte von DDR-Bürgern auf den Spalt im Tor zu. Die fünf ungarischen Grenzwächter, jeder mit zehn Schuss Munition in der Pistole, verzichteten auf Weisung Bellas auf Gegenwehr. „Ich hatte Angst um meine Männer und die DDR-Bürger“, sagt er heute.

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Binnen kürzester Zeit hatten sich am 19. August 1989 mehr als 600 DDR-Bürger durch das Tor gedrängt. Sobald sie auf österreichischem Boden waren, fielen sich die Männer und Frauen, Väter, Mütter und Kinder in die Arme. „Sie riefen immer wieder: „Freiheit, Freiheit“, so Göltl. Diese Massenflucht von Ost nach West beschleunigte den Zusammenbruch der DDR. Unumstritten hat der dramatische Samstagnachmittag vor 30 Jahren zum Fall der Mauer nur zwölf Wochen später beigetragen. Heute, auf den Tag genau 30 Jahre später, wollen Deutschlands Kanzlerin Angela Merkel und Ungarns Ministerpräsident Viktor Orbán bei einem Festakt in Sopron an die historischen Ereignisse erinnern.

Ungarns kommunistische Regierung war damals sehr reformorientiert und hatte im Ostblock einzigartige Freiheiten eingeführt. Die Reisefreiheit für seine Bürger galt seit 1988, unabhängige Zeitungen wurden zugelassen und seit Frühjahr 1989 wurden die maroden Grenzanlagen nach Österreich Stück für Stück abgebaut. Immer mehr DDR-Bürger spielten mit dem Gedanken, einen Ungarn-Urlaub zur Flucht in den Westen zu nutzen. Als dann im August die Flugblätter über ein Picknick in Grenznähe mit kurzzeitiger offizieller Grenz­öffnung kursierten, setzten sich viele urlaubende DDR-Bürger in ihre Trabants und Wartburgs. Doch das Problem: Für sie galt die Erlaubnis nicht, denn die Ungarn waren weiterhin verpflichtet, Fluchtversuche zu unterbinden und Festgenommene an die DDR auszuliefern.

Zu denjenigen, die es trotzdem versuchen wollten, gehörten Marlies und Bernd Grunert aus Kemberg im Landkreis Wittenberg. Der Zahnarzt und die Lehrerin wollten mit ihren beiden damals vier und sieben Jahre alten Kindern über die Grenze ins Burgenland. „Wir haben uns niemandem anvertraut. Nicht mal die Kinder wussten, was wir vorhatten“, erzählt der heute 61-Jährige. Auf dem Weg nach Ungarn über die damalige Tschechoslowakei verzichteten sie aus Angst vor den scharfen Kontrollen auf alles, was nach dem Willen zur Flucht aussehen könnte. Kein Kompass, keine Ausbildungsdokumente, keine Liste mit Telefonnummern im Westen, sei die Devise gewesen. Am 18. August wagten sie es, kamen aber nicht weit. Ungarische Sicherheitskräfte stellten sie – doch sie wurden nicht festgenommen, sondern mussten nur aus der Grenzregion verschwinden.

„Eingeschüchtert und verunsichert haben wir uns zum Picknick nicht getraut“, erinnert sich Grunert. Als sie aus den Medien von der Massenflucht hörten, sei das wie eine „zweite Niederlage“ gewesen. Aber sie versuchten ihr Glück erneut. Am 20. August um 14.45 Uhr sprangen sie am Waldrand aus ihrem Auto, die Kinder trotz der Hitze wegen des Dickichts robust angezogen, den Seitenschneider in der Hand, stürmten sie los. In der Nähe eines Wachturms stießen sie auf den Zaun, schnitten ihn auf und schlüpften hindurch. „Um 16.30 Uhr waren wir in Sicherheit.“ Sie hatten alles zurückgelassen: Haus, Eltern, Freunde. Als sie in Achim nahe Bremen Quartier im Westen bezogen, war Marlies Grunert psychisch am Ende. „Ich habe nur noch geheult.“

Für die Burgenländer war es eine Zeit großer Hilfsbereitschaft. Es ging nicht nur darum, die DDR-Bürger zu versorgen. Fluchthelfer wie Leopold Pusser streiften an der Grenze durch die Wälder und leiteten die manchmal orientierungslosen Menschen gen Westen – ohne Geld und auf eigene Gefahr. Pusser gehörte zu vier Männern, die von ungarischen Beamten festgenommen wurden. Doch statt mehrmonatiger Haft hätten sie nach einem Tag in einer Kaserne nur ein Betretungsverbot bekommen, sagt der heute 74-Jährige. Die Ungarn nahmen ihre Pflicht zur Verfolgung der Flüchtigen und ihrer Helfer nicht mehr wirklich ernst.

Der mächtige Mann in Moskau sah es mit Wohlwollen. Michail Gorbatschow traf später auf einer Veranstaltung die beiden besonnenen Grenzwächter vom 19. August 1989, die entgegen all ihren Vorschriften human handelten und ihre Grenze ausnahmsweise nicht schützten. „Er hat uns lange mit beiden Händen die Hände geschüttelt und sie fast nicht mehr losgelassen. Er war ganz herzlich“, erinnert sich Göltl. (dpa, Matthias Röder)

Flugblatt lud zum Grenzbesuch

Budapest ähnelte in den Wochen vor dem Paneuropa-Picknick bereits einem Flüchtlingslager. In der Stadt waren einige Tage vor dem Picknick Flugblätter verteilt worden mit genauer Anfahrtsstrecke zum Schauplatz sowie der präzisen Darstellung des Grenzabschnitts bei Sopron.

Die Kundgebung, die unter der Schirmherrschaft von Paneuropa-Präsident Otto Habsburg und dem damaligen ungarischen Staatsminister Imre Pozsgay (beide allerdings nicht anwesend) stand, hätte zunächst einfach nur ein völkerverbindendes Beisammensein beim Grenzübergang nahe Sopron (Ödenburg) samt symbolischer „Grenzöffnung" sein sollen. Immerhin war in den Monaten vorher bereits der „Eiserne Vorhang" zwischen Österreich und Ungarn weitgehend abgebaut worden. Zur Ikone wurden die Bilder, auf denen die damaligen Außenminister Gyula Horn und Alois Mock (ÖVP) gemeinsam den Stacheldraht durchschnitten.

Während die Teilnehmer der Veranstaltung noch auf eine Öffnung des Grenztores warteten, stießen am frühen Nachmittag plötzlich rund 200 bis 300 DDR-Bürger — großteils junge Familien — das Tor auf und stürmten in die Freiheit. In den darauffolgenden Stunden folgten schätzungsweise noch einige hundert nach. Rund 600 DDR-Bürgern gelang letztlich die Flucht. Andere blieben zurück, begleitet von Enttäuschung und Hoffnungslosigkeit, wusste doch niemand, ob die Grenze noch einmal geöffnet wird.

Doch der Durchbruch sollte eines der wichtigsten Ereignisse im Vorfeld des Zusammenbruchs des kommunistischen DDR-Regimes im November 1989 und der deutschen Wiedervereinigung vom 3. Oktober 1990 sein.

Die Implosion des Ostblocks 1989

7. Oktober 1988. Ungarns Außenminister Péter Várkonyi kündigt den vollständigen Abbau des „Eisernen Vorhangs" an der Westgrenze an.

2. Mai 1989. Der Abbau des „Eisernen Vorhangs" beginnt.

4. Juni. Parlamentswahlen in Polen enden mit überwältigendem Erfolg der oppositionellen Solidarnosc. Deren Tadeusz Mazowiecki wird am 24. August Regierungschef.

27. Juni. Ungarns Außenminister Gyula Horn und sein österreichischer Amtskollege Alois Mock durchschneiden in der Nähe von Sopron (Ödenburg) feierlich den „Eisernen Vorhang".

19. August. 600 DDR-Bürger nutzen die Friedenskundgebung „Paneuropäisches Picknick" an der österreichisch-ungarischen Grenze zu einer Massenflucht.

30. September. Über 7000 DDR-Flüchtlinge können nach Einlenken Ostberlins aus der Prager Botschaft der BRD in den Westen ausreisen.

18. Oktober. DDR-Staats- und Parteichef Erich Honecker wird entmachtet und von Egon Krenz abgelöst.

24. November. „Samtene Revolution" in der Tschechoslowakei (CSSR): Nach tagelangen Massendemonstrationen tritt das KP-Präsidium zurück. Am 4. Dezember werden die Grenzen geöffnet.

22. Dezember. In Rumänien wird nach gewalttätigen Auseinandersetzungen Staats- und Parteichef Nicolae Ceausescu gestürzt.