Letztes Update am Fr, 06.09.2019 14:38

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Flüchtlinge

Ägäis-Insellager: Auch Kinder werden laut MSF bewusst im Stich gelassen

Ärzte ohne Grenzen sieht eine „politikgemachte Krise“ auf den griechischen Inseln. Seit mehr als drei Jahren würden dort Tausende Menschen unter unerträglichen Bedingungen eingesperrt – darunter viele Minderjährige.

Ärzte ohne Grenzen prangert die Zustände für Flüchtlinge in Griechenland an.

© AFPÄrzte ohne Grenzen prangert die Zustände für Flüchtlinge in Griechenland an.



Athen – Zehntausende Geflüchtete werden nach Ansicht der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen (MSF) auf den griechischen Inseln von der Europäischen Union und Griechenland bewusst im Stich gelassen. „Dies ist eine politikgemachte Krise“, sagte Tommaso Santo, Landeskoordinator von Ärzte ohne Grenzen in Griechenland, am Freitag.

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Die griechischen und europäischen Behörden sperrten Asylsuchende – darunter zahlreiche Minderjährige – seit mehr als drei Jahren unter unerträglichen Bedingungen auf den griechischen Inseln ein, hieß es. Einige Kinder hätten versucht, sich das Leben zu nehmen.

Lager für 6300 ausgelegt, 20.000 harren dort aus

In den für 6338 Menschen ausgelegten Registrierlagern auf den Inseln Lesbos, Chios, Samos, Leros und Kos harren zurzeit nach Angaben des griechischen Ministeriums für Bürgerschutz 20.594 Migranten aus. Der Chef der Vertretung des UN-Flüchtlingskommissariats (UNHCR) in Athen, Philippe Leclerc, sagte am Freitag der halbamtlichen griechischen Nachrichtenagentur ANA-MPA, dass insgesamt 7000 Migranten sofort aus den Inseln zum Festland gebracht werden könnten, weil sie als Schutzbedürftige gelten. Das Problem bestehe darin, das auch die Lager auf dem Festland überfüllt seien, hieß es.

Unterdessen haben in den vergangenen 48 Stunden mehr als 300 Migranten aus der Türkei zum griechischen Festland und zu den griechischen Inseln im Osten der Ägäis und damit in die EU übergesetzt. Dies teilten am Freitag die Behörden in Athen mit.

Hohes Bußgeld gegen Rettungsschiff-Kapitän

Indes wurde der deutsche Kapitän des Rettungsschiffes „Eleonore“, Claus-Peter Reisch, nach Angaben der Organisation Mission Lifeline von den italienischen Behörden mit einem Bußgeld in Höhe von 300.000 Euro belegt worden. Dagegen habe man Einspruch eingelegt, bestätigte Mission-Lifeline-Sprecher Axel Steier am Freitag. „Wir sehen eine 50:50-Chance, dass man da noch drum rumkommt“, sagte Steier.

Man mache den Notstand geltend, in dem sich Reisch befunden habe, erklärte Steier. Die „Eleonore“ war am Montag mit gut 100 Migranten an Bord trotz eines Verbots in den Hafen Pozzallo auf Sizilien eingelaufen. Das Schiff wurde beschlagnahmt.

„Wir rechnen mit dem Verlust des Schiffes“, so Steier. Den Wert der „Eleonore“ bezifferte er auf rund 300.000 Euro, wovon die Hälfte auf die technische Ausrüstung entfalle. Für den Kauf eines neuen Schiffes gebe es schon Spendenzusagen für etwa die Hälfte des Kaufpreises. „Es wäre falsch, jetzt aufzugeben“, sagte Steier. Im vorigen Jahr hatte die Organisation das Schiff „Lifeline“ verloren, das in Malta beschlagnahmt wurde. (APA/dpa)