Letztes Update am Do, 26.09.2019 15:06

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


1932-2019

Französischer Ex-Präsident Jacques Chirac gestorben

Der konservative Politiker starb am Donnerstag im Alter von 86 Jahren im Kreis seiner Familie. Er prägte das Bild Frankreichs über Jahrzehnte wie kaum ein anderer Politiker.

Jacques Chirac starb im Alter von 86 Jahren.

© AFPJacques Chirac starb im Alter von 86 Jahren.



Paris – Der frühere französische Präsident Jacques Chirac ist tot. Er starb am Donnerstag im Alter von 86 Jahren, wie sein Schwiegersohn Frédéric Salat-Baroux der Nachrichtenagentur AFP mitteilte. Chirac sei in der Früh im Kreis seiner Angehörigen „friedlich“ gestorben. Beide Kammern des Pariser Parlaments legten eine Schweigeminute ein.

Zahlreiche französische und internationale Politiker äußerten sich betroffen. Für 20.00 Uhr wurde eine Fernsehansprache von Präsident Emmanuel Macron angekündigt.

Der konservative Politiker Chirac prägte wie kaum ein anderer Politiker über Jahrzehnte das Bild Frankreichs und war bei seinen Landsleuten wegen seiner Volksnähe populär. Im Laufe seine langen politischen Karriere war Chirac mehrfach Minister, zweimal Premierminister und zwölf Jahre lang – von 1995 bis 2007 – Präsident Frankreichs.

Widerstand gegen US-Politik

In der Außenpolitik sah sich Chirac in der Tradition von Republikgründer Charles de Gaulle und vertrat den Kurs eines außenpolitisch unabhängigen Frankreichs, insbesondere auch im Verhältnis zu Washington. Dies sorgte besonders für Aufsehen, als er sich gemeinsam mit Deutschland im Jahr 2003 gegen den US-Einmarsch im Irak stemmte.

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Auf EU-Ebene setzte der überzeugte Europäer Chirac die enge Partnerschaft mit Deutschland fort – und vertrat immer wieder vehement auch die Interessen der französischen Landwirte. Zum politischen Erbe Chiracs gehören daneben die Verkürzung der Amtszeit des Präsidenten von sieben auf fünf Jahre, die Abschaffung der Wehrpflicht und die erstmalige Anerkennung der Mitverantwortung des französischen Staates für Nazi-Verbrechen.

Nach seinem sozialistischen Vorgänger François Mitterrand, der von 1981 bis 1995 im Präsident war, kam Chirac auf die zweitlängste Amtszeit eines französischen Staatschefs nach dem Zweiten Weltkrieg. Er war aber auch der erste Präsident, der nach dem Ausscheiden aus dem Amt 2011 verurteilt wurde – wegen Veruntreuung öffentlicher Gelder.

Gelder über Scheinbeschäftigungen an Partei geleitet

Ihm wurde nachgewiesen, über ein System der Scheinbeschäftigungen Gelder in die Parteikasse geleitet zu haben. Die Affäre reichte in seine Zeit als Pariser Bürgermeister in den 1990er Jahren zurück, als er knapp dreißig Mitarbeiter aus der Stadtkasse bezahlte, obwohl sie gar nicht für die Verwaltung arbeiteten.

Gedächtnisverluste und Schwerhörigkeit prägten die letzten Lebensjahre von Chirac. 2005 erlitt er – noch während seiner Amtszeit – einen Schlaganfall. Seinen letzten großen Auftritt in der Öffentlichkeit absolvierte er 2014 in Paris am Musée du Quai-Branly, das seither seinen Namen trägt. Chirac hatte sich stets durch seine Leidenschaft für Kunstschätze aus fernen Ländern und für das Sumo-Ringen ausgezeichnet.

EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker zeigte sich bestürzt. Juncker sei „bewegt und am Boden zerstört“ durch die Nachricht vom Tode Chiracs, sagte eine Sprecherin in Brüssel. Europa verliere damit „nicht nur einen großen Staatsmann“, sondern Juncker persönlich auch „einen guten Freund“.

Hollande: „Franzosen verlieren einen Freund“

Der frühere französische Staatschef François Hollande würdigte Chirac als großen Vertreter Frankreichs und bezeichnete ihn als „Kämpfer“. „Die Franzosen, gleich welcher Auffassung, verlieren heute einen Staatsmann, aber auch einen Freund“, schrieb der Sozialist. Zwischen Chirac und Hollande (2012 bis 2017) regierte der konservative Nicolas Sarkozy (2007 bis 2012). Sarkozy erklärte in einer Aussendung, er sei „zutiefst traurig“. „Es ist ein Teil meines Lebens, der heute verschwindet“.

Deutschlands Kanzlerin Angela Merkel nannte Chirac einen „herausragenden Partner und Freund“. Der russische Präsident Wladimir Putin erklärte, Chirac sei ein „weiser und weitsichtiger Staatsmann“ gewesen. Eine ganze Ära in der Geschichte Frankreichs sei mit seinem Namen verbunden, heißt es in einem Beileidsschreiben des Kreml.

Bundeskanzlerin Brigitte Bierlein bezeichnete Chirac als „großen Staatsmann“ und „leidenschaftlichen Europäer, der die Geschichte der EU geprägt hat“. „Meine tief empfundene Anteilnahme gilt seiner Familie, seinen Freunden und allen Franzosen“, teilte sie in einer der APA übermittelten Stellungnahme mit. Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka (ÖVP) würdigte insbesondere die Anerkennung der Mitverantwortung Frankreichs an den Deportationen Tausender Juden im Juli 1942.

Während seiner Amtszeit gab es aufgrund französischer Atomtests im Südpazifik, gegen die Österreich vehement protestierte, sowie wegen der schwarz-blauen Koalition im Jahr 2000 und den darauffolgenden EU-Sanktionen, für die sich Chirac stark machte, einige Friktionen zwischen Paris und Wien. So kanzelte der damalige FPÖ-Chef Jörg Haider Chirac als „Westentaschen-Napoleon“ ab, womit er weltweit Schlagzeilen auslöste. Kritische Äußerungen des damaligen Bundeskanzlers Franz Vranitzky über die französischen Atomtests sorgten damals für Irritationen in Wien – ein geplantes Treffen Chiracs mit dem damaligen Präsidenten Thomas Klestil am Rande der UNO-Vollversammlung fand damals deshalb nicht statt.

(APA/AFP)




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