Letztes Update am Do, 26.09.2019 13:38

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


1932-2019

Jacques Chirac prägte über Jahrzehnte das Bild Frankreichs

Der am Donnerstag verstorbene französische Ex-Präsident war bei den Franzosen trotz seiner Verurteilung wegen Veruntreuung öffentlicher Gelder beliebt. Chirac prägte das Bild des Landes über Jahrzehnte wie kaum ein anderer Politiker.

Präsident Chirac 1996 in seinem Büro im Elysee-Palast.

© AFPPräsident Chirac 1996 in seinem Büro im Elysee-Palast.



Paris – Jacques Chirac prägte wie kaum ein anderer Politiker über Jahrzehnte das Bild von Frankreich: Als Präsident und Premierminister war er volksnah, populär - und wurde rechtskräftig wegen Veruntreuung öffentlicher Gelder verurteilt. Nun ist Chirac am Donnerstag im Alter von 86 Jahren gestorben. Seit langem war der konservative Politiker gesundheitlich schwer angeschlagen.

Einträge für die Geschichtsbücher

In die Geschichte wird Chirac vor allem aus zwei Gründen eingehen: Er stemmte sich als Präsident im Jahr 2003 zusammen mit dem damaligen deutschen Kanzler Gerhard Schröder gegen den US-Einmarsch im Irak. Das Zerwürfnis zwischen Washington und Paris war tief, als „käsefressende Kapitulationsaffen“ wurden die Franzosen in den USA sogar geschmäht. Unbeirrt hielt Chirac aber an seinem Kurs eines außenpolitisch unabhängigen Frankreichs in der Tradition von Republikgründer Charles de Gaulle fest.

Chirac stemmte sich als Präsident im Jahr 2003 zusammen mit dem damaligen deutschen Kanzler Schröder gegen den US-Einmarsch im Irak.
Chirac stemmte sich als Präsident im Jahr 2003 zusammen mit dem damaligen deutschen Kanzler Schröder gegen den US-Einmarsch im Irak.
- AFP

In die Geschichtsbücher wird Chirac allerdings auch eingehen, weil er 2011 als erster ehemaliger Staatschef im Nachkriegsfrankreich verurteilt wurde. Im hohen Alter von 79 Jahren verdonnerte ihn ein Gericht in Paris zu zwei Jahren Haft auf Bewährung, weil er in seiner Zeit als Pariser Bürgermeister in den 1990er Jahren ein System von Scheinarbeitsstellen aufgebaut hatte. Chirac bezahlte knapp dreißig Mitarbeiter aus der Stadtkasse, obwohl sie gar nicht für die Verwaltung arbeiteten, sondern teils für seine Partei.

Vom Kommunismus zu den Konservativen

Seine politische Karriere hatte der am 29. November 1932 in Paris geborene Sohn aus einer Bankiersfamilie mit einigen Wendungen begonnen. Als junger Mann liebäugelte er zunächst mit dem Kommunismus, dann verortete er sich aber bei der Konservativen. Er besuchte die Elitehochschule ENA und heiratete Bernadette Chodron de Courcel, eine Aristokratin, mit der er zwei Töchter hatte und die er zeitlebens siezte.

TT-ePaper gratis testen

Jetzt kostenlos TT-ePaper lesen, das Test-Abo endet nach 4 Wochen automatisch

Schritt 1 / 3

In nur 30 Sekunden gelangen Sie zum kostenlosen Test-Abo.

Chirac mit seiner Frau Bernadette, die er zeitlebens siezte, und den gemeinsamen Töchtern.
Chirac mit seiner Frau Bernadette, die er zeitlebens siezte, und den gemeinsamen Töchtern.
- AFP

Ende der 1950er Jahre leistete der 1,90-Meter-Mann seinen Militärdienst in Algerien ab. Dann, im Alter von nur 34 Jahren, trat der Abgeordnete der zentralfranzösischen Region Corrèze erstmals in die Regierung in Paris als Staatssekretär damals noch unter de Gaulle ein.

Der „Bulldozer“, wie einer seiner Spitznamen lautete, wurde mit gerade einmal 41 Jahren zum Premierminister unter Präsident Valéry Giscard d‘Estaing ernannt. Doch der liberale Staatschef ließ ihm wenig Spielraum und so trat Chirac 1976 zurück.

Einzug in den Elysée-Palast nach mehreren Versuchen

Der von seinen Kritikern als berechnender Machtmensch beschriebene Chirac gründete daraufhin seine eigene politische Vereinigung, die RPR, und wurde 1977 zum Bürgermeister von Paris gewählt. Bis 1995 blieb er Oberhaupt der französischen Hauptstadt und versuchte von dort aus mehrfach, den Elysée-Palast zu erobern. Doch gegen den Sozialisten François Mitterrand kam er nicht an. Chirac arbeitete aber als Premierminister in den 1980er Jahren in einer politischen Zwangsehe mit Mitterrand zusammen.

1995 gelang ihm dann der Einzug in den Elysée-Palast. Im Vorfeld hatte sich sein politischer Ziehsohn Nicolas Sarkozy, der spätere Präsident Frankreichs, auf die Seite seines internen Rivalen Edouard Balladur geschlagen. Aus dieser Zeit rührte das tiefe Misstrauen Chiracs gegen Sarkozy, den er später offen als „nervös, ungestüm und ohne Selbstzweifel“ kritisierte.

Seine Wiederwahl 2002 schaffte Chirac dank einer breiten Koalition gegen den rechtsextremen Gegenkandidaten Jean-Marie Le Pen. Überschattet war Chiracs zweite und letzte Amtszeit vor allem vom „Nein“ der Franzosen zur europäischen Verfassung 2005.

Im selben Jahr erlitt Chirac, der Zeit seines Lebens für seine Vorliebe für deftiges Essen und ein gutes Bier bekannt war, einen Schlaganfall. Danach mied der volksnahe Politiker, der das Bad in der Menge immer genossen hatte, zunehmend die Öffentlichkeit. (APA/AFP)




Kommentieren


Schlagworte


Mehr Artikel aus dieser Kategorie

Symbolfoto.Schweiz
Schweiz

Erste Hochrechnung in der Schweiz: SVP verliert, Grüne legen massiv zu

Vor der Parlamentswahl in der Schweiz sagten Umfragen eine grüne Welle voraus. Erste Ergebnisse bestätigen das. Federn lassen müssen die Rechtspopulisten der ...

Boris Johnson, britischer Premierminister und Brexit-Hardliner.Brexit
Brexit

Fragen und Antworten: Wird der Brexit jetzt wieder verschoben?

Er wolle „lieber tot im Graben“ liegen, als eine Verlängerung der Brexit-Frist zu beantragen. Nun aber musste der britische Premier wohl oder übel genau das ...

brexit2017
Die EU und die Briten: Wie geht es weiter, was sind die nächsten Schritte, fragen sich viele.Brexit
Brexit

Gelähmt vom Brexit: So sehen Tiroler Briten das Drama

In Österreich leben 10.970 Briten, 1546 davon in Tirol. Vielen von ihnen stößt das Brexit-Drama sauer auf, sie holen sich Infos für jeden Fall der Fälle.

brexit2017
Während im Parlament die Debatte tobte, demonstrierten in London Hunderttausende Brexit-Gegner.Brexit-Drama
Brexit-Drama

Vor Ablauf der Frist: Antrag auf Brexit-Verschiebung in Brüssel

Der britische Premierminister musste - wie es das Gesetz will - eine Verlängerung der Brexit-Frist beantragen. Der Brief an die EU traf am Samstagabend noch ...

brexit2017
Antifa-Aktivisten, die in dieser großen Zahl erst seit kurzem an den Protesten teilnehmen, errichteten auch am Freitagabend brennende Barrikaden.Spanien
Spanien

Nach fünfter Krawallnacht: Madrid erhöht Druck auf katalanische Separatisten

Im katalanischen Unabhängigkeitskonflikt verhärten sich die Fronten. Spaniens Zentralregierung will nicht mit dem separatistischen Regionalpräsidenten Torra ...

Weitere Artikel aus der Kategorie »