Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 07.11.2019


EU

Tiroler Wirtschaftsforum: Imamin warnt vor politischem Islam

Die türkischstämmige Juristin Seyran Ates kritisiert auf dem Tiroler Wirtschaftsforum Polit-Untätigkeit im Umgang mit politischem Islam.

Die deutsche Rechtsanwältin Séyran Ates nahm gestern beim Tiroler Wirtschaftsforum kein Blatt vor den Mund.

© Foto TT/Rudy De MoorDie deutsche Rechtsanwältin Séyran Ates nahm gestern beim Tiroler Wirtschaftsforum kein Blatt vor den Mund.



Innsbruck – Menschenrechtsanwältin Seyran Ates setzt sich für einen liberalen, europäischen Islam und für eine zeitgemäße Auslegung des Koran ein. 2017 gründete die Juristin und Frauenrechtlerin mit türkischer und kurdischer Abstammung daher die liberale Ibn-Rushd-Goethe-Moschee in Berlin. Diese ist offen für Muslime aller Glaubensrichtungen und sexueller Identitäten. Entgegen der sonst üblichen Praxis im Islam können dort Frauen und Männer gemeinsam beten, Kopftuchzwang gibt es nicht. Mit dieser Einstellung hat sie sich auch den Zorn radikaler Muslime zugezogen und lebt nach einem Attentat unter ständigem Polizeischutz.

In ihrer Rede beim Tiroler Wirtschaftsforum in Innsbruck nahm die Imamin gestern kein Blatt vor den Mund, um vor der Ausbreitung des politischen Islam zu warnen. „Die Zahl der Anhänger des politischen Islam steigt leider stark an“, sagte Ates. Europa habe der Entwicklung jahrelang nichts entgegengesetzt. Auch Österreich beispielsweise habe „über viele Jahre sehr zurückhaltend agiert“, weshalb im Lauf der Jahrzehnte im Wesentlichen drei muslimische Verbände ihre Strukturen aufbauen und sich etablieren konnten, die wenig Integrationsinteresse zeigen und großen Einfluss auf den offiziellen Islam haben. „Diese Verbände sind Teil des Problems“, befand die Islamreformerin. Dem politischen Islam müsse „die Deutungshoheit über den Islam entzogen werden“, forderte sie.

Das 2015 – federführend von Sebastian Kurz als damaligem Integrationsminister – erarbeitete Islamgesetz sei „noch sehr reformbedürftig“. Das Gesetz verhindere nämlich, dass der liberale, europäische Islam die Muslime auffängt. „Wenn man eine Moschee eröffnen will, muss man immer noch die islamische Gemeinschaft fragen“, kritisierte Ates. Die Unkenntnis der Politik über muslimische Strukturen sei groß. Das Kopftuchverbot findet sie richtig. Religiöse Sonderrechte für Muslime am Arbeitsplatz sieht sie kritisch – das sei Ausdruck einer „vermeintlichen Toleranz“.

Sie forderte die Tiroler Unternehmer auf, Projekte zu unterstützen, die sich für den liberalen, europäischen Islam einsetzen. Denn der Anteil der Muslime in Europa werde bis 2050 je nach Szenario von derzeit 2 auf 7 bis 15 Prozent steigen, daher sei es wichtig, „diese Menschen für europäische Werte und eine offene Gesellschaft zu gewinnen“. Der von ihr propagierte und praktizierte liberale, europäische Islam füge sich „perfekt in die europäische Rechtsstaatlichkeit ein“, betonte Ates. (mas)

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