Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 23.05.2015


Innenpolitik

Moderne Sexkunde für die Generation Smartphone

Das Bildungsministerium will Schülern ein gesundes Sexualbewusstsein vermitteln. Vor allem die neuen Medien machen das notwendig.

Einen zeitgemäßen Zugang zu Aufklärung fordern Jugendvertreter regelmäßig – hier die Sozialistische Jugend bei einer Aktion 2009

© APAEinen zeitgemäßen Zugang zu Aufklärung fordern Jugendvertreter regelmäßig – hier die Sozialistische Jugend bei einer Aktion 2009



Von Cornelia Ritzer

Wien – Die Sexualerziehung an Österreichs Schulen wird moderner. Der Erlass, der den Umgang mit dem Thema regelt, ist nämlich schon in die Jahre gekommen. Seit 25 Jahren gilt dieser und gehört „adaptiert“, sagt Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ). So „mutig und gut“ die Inhalte 1990 waren, meint Heinisch-Hosek, so viel habe sich seitdem vor allem im Bereich neuer Medien – also Smartphones, sozialer Plattformen wie Facebook sowie dem Internet – getan. Die Ministerin will den Pädagogen ein „modernes Instrument zur Vermittlung des Themas“ in die Hände geben, erklärte sie in einem Hintergrundgespräch.

Das Thema Modernisierung der Sexualpädagogik hatte im Vorfeld für Spannungen gesorgt. Es sind „Mythen“ entstanden, sagt die Bildungsministerin. Denn nein, natürlich müssten die Kinder keine Fotos von ihren Körpern machen, auch müssen sie sich nicht betasten und keinesfalls sollen Vorgaben für den Umgang mit dem Thema im Kindergarten gemacht werden. „Es geht um Schulen und es geht um ein gesundes Körperbewusstsein in jedem Alter“, bringt es die Ministerin auf den Punkt. „Scharfe Kritik“ am Entwurf eines neuen Erlasses war vor allem vom Institut für Ehe und Familie gekommen. Die Befürchtungen von Johannes Reinprecht, Direktor der Einrichtung der Bischofskonferenz, waren: Es werde eine „wertlose“ Sexualpädagogik vorgegeben, Kinder werden auf nicht altersgemäße Weise mit Pornografie konfrontiert und man gehe „auf leisen Sohlen vorbei an den Eltern“.

Kritik, die ins Leere geht, versichern Experten, die den Erlass erarbeitet haben. Und die Beate Wimmer-Puchinger nicht teilt. Respekt und Toleranz sowie der verantwortungsvolle Umgang mit sich und anderen sei ein Schwerpunkt im neuen Erlass, sagt die Universitätsprofessorin und Expertin in Sachen Frauengesundheit. „Jugendliche wünschen sich Beratung“, betont dann Laura Schoch, Vorsitzende der Bundesjugendvertretung. Denn der leichtere Zugang zu Pornografie auf Handys oder Computern diene bestimmt nicht der Aufklärung, sagt sie. Auf den Stellenwert der Medienkompetenz verweist auch Wolfgang Kostenwein vom Institut für Sexualpädagogik. Sexualkunde sei natürlich die Biologie, aber die Schüler müssten auch lernen, mit den neuen Medien umzugehen. „Sexting“ – also das Verschicken von Nackfotos – oder eben Pornos seien eine neue Herausforderung und gehören zur Realität. Wie auch das Bedürfnis der Mädchen und Burschen, Fragen dazu stellen zu können.

Durch die Neuerung sollen schließlich keinesfalls die Eltern von der Aufklärung ihrer Kinder ausgegrenzt werden, betonen die Experten. Doch wie wichtig ein Ansprechpartner abseits von Mutter oder Vater sein kann, erklärt dann Kostenwein: „Eltern können das oft nicht mehr leisten.“ Dass sexuelle Bildung in der Schule stattfindet, verteidigt auch Barbara Maier, Präsidentin der Österreichischen Gesellschaft für Familienplanung. „Was Kinder wissen, kann nicht davon abhängen, wie kompetent die Eltern sind“, bekräftigt sie. Die Gynäkologin warnt vor den Konsequenzen des Nicht-Wissens – nämlich den Teenager-Schwangerschaften: „Diese sind ein massives Problem.“

Dass die Sexualpädagogik sensibel ist, ist sich Heinisch-Hosek bewusst. Adaptierungen werde es deshalb noch geben, betont sie. In Kraft treten soll der Erlass im Herbst. Schulen sollen zeitgleich auch die Möglichkeit haben, Experten zu laden. Um die finanzielle Unterstützung will sich die Ministerin bemühen.