Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 07.10.2015


Wien-Wahlkampf

Sarrazin in Wien: Popcorn, Polemik und die Flüchtlinge

Kurz vor der Wien-Wahl lud FPÖ-Chef Strache den umstrittenen Zuwanderungskritiker Sarrazin ein.

© APADer umstrittene Publizist Thilo Sarrazin wurde von Heinz-Christian Strache nach Wien eingeladen.Foto: EPA/Neubauer



Von Cornelia Ritzer

Wien – „Wo bekomm i mein Ticket?“ Die Aufregung mancher Sympathisanten vor der Diskussion von FPÖ-Parteichef Heinz-Christian Strache mit dem deutschen Aufreger-Autor Thilo Sarrazin gestern Abend war groß; das Kino im Wiener Bezirk Favoriten sowie der Andrang ebenso. Mehr als 500 fanden im Kinosaal Platz, viele saßen auf den Stufen. Das zuvor ausgeteilte Popcorn war gegessen, die Softdrinks getrunken, als Strache die Veranstaltung eröffnete.

„Die neue Völkerwanderung – Risiken und Gefahren“ lautete der polemische Titel. „Die neue Völkerwanderung“ – so nennt die FPÖ die jüngste Flüchtlingswelle aus den Kriegsländern Syrien, Irak und Afghanistan nach Europa. Und Strache, der blaue Bürgermeisterkandidat, der das „Duell um Wien“ gegen die SPÖ aufgerufen hat, warnte gleich vor dem Begriff „Flüchtling“: „Die überwiegende Mehrheit kommt aus wirtschaftlichen Gründen.“ Der Verdacht der Freiheitlichen ist bekanntlich, dass vor allem Wirtschaftsflüchtlinge nach Österreich und Deutschland wollen. Außerdem seien 80 Prozent der Flüchtlinge junge Männer. In diesem Zusammenhang warnte Strache vor dem Familiennachzug, den auch die ÖVP beschränken will.

Ebenfalls mit dem Nachzug beschäftigte sich im Anschluss Sarrazin. Aus 1,5 Millionen Zuwanderern würden dadurch in ein paar Jahren 7,5 Millionen, rechnete er vor. „Das ist dann eine Mehrheit, keine Minderheit mehr“, meinte der ehemalige SPD-Politiker, dem nach seinem Aufregerbuch „Deutschland schafft sich ab“ über gescheiterte Integration mit dem Parteiausschluss gedroht wurde. Das Flüchtlingsthema sei das beherrschende Thema in Deutschland, berichtete der 70-Jährige: „Viele einfache Menschen haben Angst.“ Angst, dass die Sozialleistungen gekürzt werden, weil Millionen Flüchtlinge diese in Anspruch nehmen. „Irgendetwas wackelt“, will Sarrazin einen Wandel in der deutschen Politik gegenüber den Flüchtlingen erkannt haben. Einzelne Politiker hatten bereits eine Begrenzung des Asylrechtes gefordert.

Wer leise Töne sucht, sucht diese bei den Freiheitlichen eine knappe Woche vor der Wahl also vergeblich. Nach der so genannten Elefantenrunde der Spitzenkandidaten am Montag erhielt Strache freilich auch Unterstützung von ungewöhnlicher Seite. „Ich habe noch nie eine größere und abgesprochenere Hetzerei gegen eine Person gesehen“, beklagte der Schlagermusiker Andreas Gabalier nach der Sendung auf seiner Facebook-Seite. Nachsatz: „Ohne für den HC zu sprechen!“ Zustimmung und Empörung tobten in den Netzwerken, kurze Zeit später war das Posting weg. Es sei von Facebook gelöscht worden, da es „zu laut gehört“ worden sei, mutmaßte Gabalier. Mittlerweile musste der Musiker einräumen, dass seine Plattenfirma die Löschtaste bedient hatte. Viel Präsenz in den sozialen Medien war dem FPÖ-Chef jedenfalls garantiert.