Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 12.12.2015


Blick von außen

Verantwortung, nicht Schuld

Seit 20 Jahren unterstützt der Nationalfonds der Republik Österreich Opfer des Nationalsozialismus. Er wurde erst Jahrzehnte nach dem Holocaust gegründet. Zu tun gibt es aber noch genug.

NS-Überlebende in Mauthausen: Fragen um Rassismus und Antisemitismus lassen auch heute nicht kalt. In Zeiten von gesellschaftlichen Umbrüchen und Terrorangst berühren sie die Menschen in ihrem Innersten.

© APA/RUBRANS-Überlebende in Mauthausen: Fragen um Rassismus und Antisemitismus lassen auch heute nicht kalt. In Zeiten von gesellschaftlichen Umbrüchen und Terrorangst berühren sie die Menschen in ihrem Innersten.



Von Hannah M. Lessing

Vor 20 Jahren, im Jahr 1995, wurde beim Nationalrat der „Nationalfonds der Republik Österreich für Opfer des Nationalsozialismus" eingerichtet. Die Republik setzte damit fünf Jahrzehnte nach dem Ende des 2. Weltkrieges ein klares Zeichen und ein spätes Bekenntnis zur Mitverantwortung von Österreicherinnen und Österreichern an den Verbrechen des Nationalsozialismus.

Seither hat der Nationalfonds die Verfolgung von rund 30.000 Opfern des Nationalsozialismus symbolisch anerkannt und unterstützt Überlebende weltweit. Über die Jahre sind weitere Aufgaben hinzugekommen: die Entschädigung für Mietrechte, die den Menschen entzogen wurden, die Entschädigungsleistungen und Rückstellungen durch den Allgemeinen Entschädigungsfonds, die Instandsetzung der jüdischen Friedhöfe in Österreich, die Neugestaltung der österreichischen Ausstellung in der Gedenkstätte Auschwitz, die Mitwirkung bei Restitutionen geraubter Kunstwerke und die Förderung von mehr als 1500 Projekten.

Erst nach und nach hat sich gezeigt, wie viel auch Jahrzehnte später noch zu tun ist.

Warum so spät?

Vor Kurzem, am 29. Oktober dieses Jahres, wurde im Parlament mit einem Festakt im Beisein von Bundespräsident Heinz Fischer, Nationalratspräsidentin Doris Bures, dem Historiker Jehuda Bauer sowie Überlebenden und VertreterInnen von Opfergruppen das 20-jährige Bestehen des Nationalfonds begangen.

Seit der Aufnahme unserer Tätigkeit sind wir immer wieder mit zwei Fragen konfrontiert, die so widersprüchlich sind wie das Verhältnis Österreichs zu seiner nationalsozialistischen Vergangenheit: „Warum begann eine grundlegende Aufarbeitung des Nationalsozialismus in Österreich erst so spät?", fragen die einen. „Wozu sollen wir uns heute überhaupt noch mit dieser längst vergangenen Zeit befassen?", die anderen.

Der Preis des Schweigens

Wenn wir zurückblicken auf die ersten Nachkriegsjahre, sehen wir eine traumatisierte, ent-täuschte Gesellschaft, ein Land in Trümmern. Das vorrangige Ziel war der Wiederaufbau; der Blick war in die Zukunft gerichtet, zurück wollten — und konnten — damals die wenigsten schauen. Im stenographischen Protokoll der Eröffnungssitzung des Nationalrates im Winter 1945 finden sich die bezeichnenden Worte des damaligen Vorsitzenden Leopold Kunschak: „Ein Jahrzehnt schlimmster Erfahrungen und Erlebnisse haben wir hinter uns. Es war, als ob die Sonne in ewiger Finsternis versunken wäre. Wir sehnten den Tag herbei, an dem ein erster Lichtstrahl wieder über unser Vaterland und unser Volk fallen würde. Das ist nun geschehen. (...) Wir wollen uns die Freude daran auch nicht selbst vergällen durch eine ausführliche Rückschau auf das, was wir in dem abgelaufenen Jahrzehnt erlebt haben."

Diesen Vorsatz hat Österreich über Jahrzehnte gehalten: Die Erinnerung an die unzähligen Opfer des Nationalsozialismus, an die Vertriebenen, an in Konzentrationslager verschleppte und ermordete Männer, Frauen und Kinder, an geraubte Vermögen und geraubte Leben wurde in weiten Teilen aus dem kollektiven Gedächtnis verdrängt. Rückstellungen entzogenen Vermögens erfolgten nur zögerlich, ganz zu schweigen von persönlicher Anerkennung des zugefügten Unrechts. Der Opfermythos prägte nachhaltig das Selbstbild Österreichs und ermöglichte ein bequemes Zurücklehnen in der Vorstellung, der Nationalsozialismus sei wie ein Naturereignis über ein passives, hilfloses Volk hereingebrochen, eine vis maior, die folglich niemand in Österreich zu vertreten hätte.

Dieses Ausblenden von historischer Realität hat nicht nur die überlebenden Opfer negiert, es hat letztlich Österreich im Ganzen geschadet. Es mag sein, dass die Herrschaft des Nationalsozialismus vergangen ist — überwunden ist sie deshalb noch lange nicht. An den Konsequenzen laboriert unsere Gesellschaft bis heute: Ein Zivilisationsbruch dieses Ausmaßes hat weitreichende Folgen; sie betreffen nicht nur die Kriegsgeneration, sondern auch ihre Kinder und Kindeskinder. Das Schweigen hat seinen Preis.

Bevor Österreich allmählich bereit war, die eigene Geschichte differenzierter zu betrachten und als Nation Verantwortung für die eigene Vergangenheit zu übernehmen, brauchte es einen langwierigen Bewusstmachungsprozess. 1991 war ein Meilenstein auf diesem Weg, als der damalige Bundeskanzler Franz Vranitzky erstmals im Namen der Bundesregierung offiziell die Mitverantwortung von Österreicherinnen und Österreichern klar aussprach und Worte der Entschuldigung fand — Hugo Portisch beleuchtet diese wichtige Phase in seinem eben erschienenen Buch mit der ihm eigenen besonderen Prägnanz. Nur auf dem Boden dieses offiziellen Bekenntnisses und des damit verbundenen politischen Wandels konnte eine Institution wie der Nationalfonds entstehen. Dass er beim Parlament als erstem Haus der Republik eingerichtet wurde, hat Symbolkraft.

Kein Schlussstrich

„Vergangenheit ist, wenn es nicht mehr wehtut", sagt Mark Twain. Daran ist etwas Wahres. Die Vergangenheit des Nationalsozialismus tut immer noch weh. Die Verarbeitungsprozesse sind keineswegs abgeschlossen. Das zeigte sich in den Jahrzehnten seit Kriegsende bis heute immer wieder — wie sonst könnte ein Thema, das vermeintlich schon so lange nicht mehr aktuell ist, immer wieder aufs Neue so heftige Emotionen auslösen? Wie ein Jack-in-the-Box poppen Fragen um die nationalsozialistische Vergangenheit immer wieder auf — bei ungezählten Anlassfällen, die Medien und Stammtische gleichermaßen beschäftigten.

Fragen um Rassismus und Antisemitismus und viele Denkmuster, die ihre Wurzeln und besondere Ausprägung im Nationalsozialismus hatten, lassen auch heute nicht kalt — sie berühren die Menschen in Zeiten von gesellschaftlichen Umwälzungen, Flüchtlingskrise und Terrorangst in ihrem Innersten.

Auftrag für die Zukunft

Mit dem Nationalfonds nimmt die Republik ihre besondere Verantwortung nicht nur gegenüber den Opfern des Nationalsozialismus, sondern gegenüber der Gesellschaft im Ganzen wahr: Wenn sich tagespolitische Ereignisse überstürzen, wenn die Verwundbarkeit von Demokratie plötzlich allgemein spürbar wird und Fragen um Sicherheit, Macht und ihre Kontrolle auftauchen, macht es umso mehr Sinn, Geschichte in einem größeren Rahmen zu betrachten. Manche Antworten auf Fragen der Gegenwart lassen sich aus der Vergangenheit gewinnen.

Die meisten heute in Österreich lebenden Menschen wurden hineingeboren in eine im Wesentlichen sichere, friedliche Gesellschaft, in eine Demokratie, die wir allzu leicht für selbstverständlich halten. Das Wissen um die Verfolgungsschicksale aus der Zeit des Nationalsozialismus erinnert daran, wie zerbrechlich die Freiheit ist, in der wir leben, und dass sie aktiv bewahrt werden muss.

Unter den Projekten, die der Nationalfonds unterstützt, sind daher viele dem Lernen aus Geschichte und der politischen Sensibilisierung von jungen Menschen gewidmet. Es bleibt zu hoffen, dass es für solche Projekte auch künftig Mittel geben wird. Auch wenn es heute nicht mehr um Fragen der Schuld, sondern um Verantwortung geht: Die Weitergabe der Erinnerung an künftige Generationen ist notwendiger denn je.


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