Letztes Update am Sa, 08.10.2016 06:46

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Blick von Außen

Es geht uns gut

Österreich steht nicht nur schlecht da. Ganz im Gegenteil: In überraschend vielen Bereichen gibt es erfreuliche Entwicklungen.

Österreich steht nicht nur schlecht da. 


© iStockÖsterreich steht nicht nur schlecht da. 




Von Johannes Huber

Früher war alles besser! Oder? Na ja: Man hat nicht so viel Geld gehabt. Es hat in der Regel zwar gereicht, aber die eine oder andere Annehmlichkeit, die man sich heute leisten kann, ist schon auch etwas Schönes. Also sind die Zeiten vielleicht doch nicht nur schlechter geworden? Natürlich nicht.

Regelmäßige Berichte über steigende Arbeitslosenquoten, soziale Spannungen, Flüchtlingskrise, Terroranschläge und politische Auseinandersetzungen verleiten dazu, anzunehmen, dass es (erstens) nur noch Probleme gibt und diese (zweitens) ausschließlich zunehmen. Das ist jedoch falsch.

Wenn man genauer hinschaut, entdeckt man überraschend viele erfreuliche Entwicklungen. Auch in Österreich. Zwölf Beispiele.

I Der Bildungsstand der Bevölkerung steigt und steigt. Vor 45 Jahren etwa besaßen sechs von zehn Frauen und Männern im erwerbsfähigen Alter maximal einen Pflichtschulabschluss. Heute sind es nur noch zwei von zehn. Alle anderen haben mittlerweile eine Lehre oder eine mittlere Schule absolviert, eine Matura gemacht oder ein Hochschulstudium erfolgreich hinter sich gebracht, sind Doktoren oder Professoren. 1971 haben es gerade einmal 2,8 Prozent der Österreicher zu einem akademischen Grad gebracht; heute sind es über 13 Prozent.

II Es ist nicht nur so, dass es immer mehr Arbeitslose gibt; es gibt auch immer mehr Beschäftigte. Der Anteil der Menschen, die erwerbstätig sind, nimmt zu. Und das ist gar nicht so selbstverständlich, wenn man bedenkt, dass zum einen die Jüngeren immer länger in einer Ausbildung stehen und zum anderen auch der Anteil der Pensionisten steigt. Von daher wäre es naheliegend, dass die so genannte Erwerbstätigenquote sinkt. Das tut sie aber nicht, weil vor allem auch immer mehr Frauen auf den Arbeitsmarkt komme­n.

III Der Durchschnitts­österreicher verdient immer mehr. Das Monatseinkommen vollzeitbeschäftigter Arbeitnehmer betrug 1995 rund 1590 Euro netto; so viel wurde ihm Monat für Monat aufs Konto überwiesen. Gut 20 Jahre später waren es 2350 Euro. Wobei die Statistik im Laufe der Zeit größere und kleinere Zuwächse verzeichnete und hin und wieder auch einen Rückgang. Unterm Stich aber stiegen die Löhne und Gehälter – und zwar auch etwas stärker als die Teuerung (Inflation): Der erwähnte Arbeitnehmer konnte sich 2014 um 90 Euro pro Monat mehr leisten als 1995.

VI Das führt auch dazu, dass es immer mehr Österreichern möglich ist, sich Annehmlichkeiten zu gönnen. Die „Statistik Austria“ erhebt alle fünf Jahre, wofür hierzulande Geld ausgegeben wird. „Wohnen“ und „Verkehr“ liegen bei den Privathaushalten traditionell auf Platz eins und zwei. Zuletzt aber haben Aufwendungen für Freizeitaktivitäten jene für „Ernährung und alkoholfreie Getränke“ überholt: Für Hobbys wurden durchschnittlich etwas mehr als 370 Euro im Monat ausgegeben, für Lebensmittel dagegen 350 Euro.

V Einen Hinweis auf den wachsenden Wohlstand liefert auch die Entwicklung der Reisegewohnheiten. Ende der 1990er-Jahre noch macht­e nicht einmal die Hälfte der Österreicher einen zumindest viertägigen Urlaub außerhalb der eigenen vier Wände. Heute tun das sechs von zehn. Und die Gesamtzahl der Reisen ist um die Hälfte auf knapp neun Millionen gestiegen. Das bedeutet wiederum, dass die, die urlauben, das durchaus öfter im Jahr machen.

VI Die meisten Österreicher fühlen sich fit: Auf die Frage nach ihrem „allgemeinen Gesundheitszustand“ antworteten 2014 laut „Statistik Austria“ immerhin 79 Prozent „sehr gut“ oder „gut“. Gerade einmal fünf Prozent beurteilten ihren Zustand mit „schlecht“ oder „sehr schlecht“. Verglichen mit früheren Befragungen sei das ein „positiver Trend“, wie „Statistik Austria“ festhält: 1991 hätten sich nur 66 Prozent der Frauen und 68 Prozent der Männer „sehr gut“ oder „gut“ gefühlt.

VII Die Mobilität nimmt zu. Folglich ist auch die Zahl der vom Boden- bis zum Neusiedler See zugelassenen Pkw allein in den vergangenen zehn Jahren um mehr als eine halbe Million gestiegen; sie beträgt bereits mehr als 4,8 Millionen.

VIII Trotzdem gibt es immer weniger Unfälle mit Verletzten oder Getöteten; ihre Zahl ist seit 2006 von 730 auf zuletzt 479 gesunken. Anfang der 1990er-Jahre war sie noch dreimal so hoch gewesen.

IX Auch wenn das Empfinden ein anderes sein mag, so deutet sehr viel darauf hin, dass Österreich nach wie vor zu den sichersten Ländern der Welt gehört. „Im Zehn-Jahres-Rückblick wurden noch nie so wenig Anzeigen erstattet wie im Jahr 2015“, hält das Innenministerium im jüngsten Sicherheitsbericht fest: „Im langfristigen Vergleich ist der Abwärtstrend deutlich erkennbar: Wurden 2006 noch über 588.000 Fälle angezeigt, so ist die Gesamtzahl im Jahr 2015 auf exakt 517.870 gesunken.“ Wobei im Vergleichszeitraum auch die Aufklärungsquote gestiegen ist – und zwar von 39 auf 44 Prozent. Sprich: Die Arbeit der Polizei hat sich deutlich verbessert.

X Nicht nur die Verschuldung der Österreicher steigt; in den 20 Jahren bis 2014 hat sie sich laut einer Studie der Nationalbank auf 19.600 Euro pro Kopf verdoppelt. Parallel dazu hat auch das Geldvermögen von 31.700 auf 68.300 Euro pro Kopf noch stärker zugenommen.

XI Die Verteilung des Geldvermögens ist zwar (sehr) ungleich, auffallend ist aber, dass immer weniger Personen armuts- oder ausgrenzungsgefährdet sind. Das bedeutet, dass sie sich oft nicht einmal die nötigsten Dinge leisten können. Österreich hat sich in den 2000er-Jahren dazu verpflichtet, die Zahl dieser Männer, Frauen und Kinder bis 2020 um 235.000 zu senken. 2015 war bereits etwas mehr als die Hälfte davon erreicht. Der Anteil der armuts- und ausgrenzungsgefährdeten Menschen war damit schon einmal um zwei Prozentpunkte auf 18,3 Prozent zurückgegangen.

XI IAuch im Alter geht es den Österreichern vergleichsweise gut: Nicht nur, dass die Lebenserwartung mit 82 Jahren über dem OECD-Durchschnittswert liegt; mit drei Viertel des Letztgehalts sind die Pensionen auch so hoch wie in wenigen anderen Industrieländern. Folglich ist auch die Altersarmut geringer.

All diese Entwicklungen kann man natürlich einschränken. Bei den zuletzt genannten Pensionen kann man etwa erwidern, dass es ein Finanzierungsproblem gibt: Weil die Beiträge der Versicherten hinten und vorne nicht ausreichen, müssen allein heuer voraussichtlich 10,8 Milliarden Euro an Steuergeldern aus dem Budget zugeschossen werden. Und so weiter und so fort. Solche Dinge dürfen auch nicht ausgeblendet werden; im Gegenteil. Der Punkt ist aber ein anderer: Man kann ein halbvolles Glas bekanntlich auch als halbleeres Glas bezeichnen. Und in gesellschaftlichen Fragen hat sich die Gewohnheit eingeschlichen, genau das zu tun, also ein­e negativ­e Betonung und damit ein Problem hervor­zuheben. Doch damit droht alles schlecht zu werden – was es in Wahrheit eben nicht ist, wie die zwölf Beispiele, die in diesem Text angeführt sind, verdeutliche­n sollen.

Zur Person

Johannes Huber (43) lebt in Wien, ist Autor und Journalist und betreibt die Internetseite dieSubstanz.at – Analysen und Hintergründe zur Politik.

johannes.huber@diesubstanz.at