Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 02.04.2017


Exklusiv

Aktuelle Flüchtlingspolitik stoppt engagiertes Tiroler Bürgerprojekt

Ein Jahr lang bereiteten sich Bürger aus Grinzens intensiv auf junge Flüchtlinge vor, gerieten in Streit, rauften sich zusammen. Der Unmut über das plötzliche Projekt-Aus ist deshalb groß.

© partizipation.tirol



Von Michaela S. Paulmichl

Grinzens – „Diese Mühe hätten wir uns sparen können. Im Nachhinein betrachtet grenzt das an eine Schweinerei des Projektbetreibers, dass er uns ins offene Feuer geschickt hat.“ Harald Resi ist Ersatzgemeinderat in Grinzens und „Beinahe“-Mitglied jenes bereits geplanten Ausschusses, der sich ausschließlich mit der Integration einer Wohngruppe unbegleiteter, minderjähriger Flüchtlinge beschäftigt hätte.

In der Mittelgebirgsgemeinde sollten auf Initiative der privaten Bildungseinrichtung Ibis Acam 21 junge Asylwerber von 14 bis 18 Jahren in einem Privatgebäude untergebracht werden. Weil die ersten Reaktionen darauf sehr emotional waren, Sorgen und Ängste groß, wurde ein nach dem Zufallsprinzip zusammengewürfelter BürgerInnen-Rat einberufen. Schließlich stand die Mehrheit hinter dem Projekt, für die Flüchtlinge meldeten sich Paten – und der Gemeinderat sprach sich mit nur zwei Gegenstimmen dafür aus.

Umso überraschender kam deshalb nun das im gerade versandten Gemeindeblatt Der Grinziger verkündete Aus. Ibis Acam – die Firma sollte das Wohnheim im Auftrag der Tiroler Sozialen Dienste (TSD) betreiben – hat derzeit keinen Auftrag, eine weitere Unterkunft zu öffnen. Kein Bedarf, heißt es.

„Die Zahl der Flüchtlinge ist derzeit rückläufig, mit dieser Entwicklung haben wir nicht gerechnet“, sagt Martin Straganz, Ibis-Acam-Vertriebsleiter in Westösterreich. Entscheidungen wie diese würden nicht in Tirol getroffen und auch nicht in Wien, sondern an den EU-Außengrenzen.

Angesichts der aktuellen Diskussion – Österreich wehrt sich, 50 junge Asylwerber aus Italien aufzunehmen – lässt sich daraus schließen: Das Projekt-Aus ist eine direkte Folge der aktuellen Flüchtlingspolitik des Bundes. Die Landesrätin für Kinder- und Jugendhilfe, Christine Baur, verweist auf Kapazitäten in den bereits bestehenden Einrichtungen für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge, die dem Land seitens der Bundes zugewiesen werden. „Da die Gefahr besteht, dass neue Einrichtungen nicht ausgelastet sind, ist derzeit keine Neueröffnung geplant. Das wäre aus wirtschaftlicher Sicht für die Träger problematisch.“

Die Gemeinde jedenfalls sei hinter dem Projekt gestanden, wie Bürgermeister Bucher sagt. Im Grinziger bedankt er sich bei den Bewohnern und zeigt sich stolz, „dass die Bürgerinnen und Bürgern mit ihrem Einsatz ein verständnisvolles, humanes Bild unserer Heimatgemeinde nach außen getragen haben“. Er selbst sei nicht über die Absage informiert worden, sondern habe vor Erscheinen des Gemeindeblatts nachgefragt. Bucher wundert sich über die Einwicklung: „Der Aufwand war groß, viele Bürger haben sich engagiert und ihre Zeit zur Verfügung gestellt.“ Unterstützt und begleitet wurden sie von „partizipation.tirol“, eine Einrichtung zur Stärkung der Bürger-beteiligung in Tirol. Für Berater Rainer Krismer geht es vor allem darum, dass Ängste ernst genommen werden. „Das ist in Grinzens sehr gut gelungen.“

Also alles umsonst? „Nicht ganz“, sagt Harald Resi: „Der BürgerInnen-Rat ist prinzipiell eine gute Idee. Das Projekt hat einen Keil in die Dorfgemeinschaft getrieben, aber wir haben uns wieder zusammengerauft.“ Aber es sei auch viel Überzeugungsarbeit nötig gewesen, und – was er dem Projektbetreiber Ibis Acam übel nimmt: „Wir wurden vorgeschickt, wir haben ihre Arbeit gemacht.“