Letztes Update am Sa, 03.03.2018 06:54

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Blick von Außen

„Großgermanisches Reich“

Vor 80 Jahren tobten und jubelten die Österreicher über die „Heimholung ins Reich“. Mit dem „Anschluss“ hörte Österreich auf zu existieren – und die Nazis begannen mit ihrer Expansion der Gewalt.

© AFP/FRANCE PRESSE VOIRAdolf Hitler Tage nach dem "Anschluss" vor dem Wiener Heldenplatz.



Von Michael Gehler

In der Innsbrucker Maria-Theresien-Straße rückten am Samstagvormittag und -nachmittag des 12. März 1938 Vorausabteilungen und Quartiermeister sowie am Abend reguläre Truppeneinheiten der Wehrmacht ein. Der „Anschluss“ an NS-Deutschland vollzog sich, nachdem bereits am Vortag Tiroler Nationalsozialisten wie Egon Denz, später Oberbürgermeister der „Gauhauptstadt“, die Macht von innen „ergriffen“ hatten. Dabei mischten sich Freudenszenen mit öffentlichen Racheakten und Diskriminierungen. Ein Student erinnerte sich: „Auf den Straßen tobten die Massen und jubelten den ‚Befreiern‘ zu. Die Menschen schienen von Hysterie erfaßt. Der Rundfunk meldete, dass sich ein Mangel an Hakenkreuzabzeichen bemerkbar mache. Aber neue Sendungen seien – so tröstete man – im Anrollen.“ Die Machtübernahme war bald von einsetzenden Verhaftungen und Terror begleitet. Ein Polizist, der als „früher nazifeindlich“ galt, wurde „splitternackt ausgezogen und dann auf die Straße gestellt“, worauf ein Passant sich erbarmte und ihm seinen Mantel lieh.

Rückkehr Südtirols?

Authentischen Zeitzeugenberichten zufolge waren die eingerückten Militäreinheiten in Innsbruck „sehr der Meinung, daß sie auch bald nach Südtirol marschieren werden“, doch hielt eine Briefschreiberin das für unrealistisch, „denn Mussolini ist doch erpicht darauf und wird es nicht hergeben“. Gerüchte seien im Radio dementiert worden und „deren Urheber wird verhaftet“. Im Zuge des „Anschlusses“ ging auch durch Südtirol eine Welle nationaler Begeisterung. Sie soll Italiens Außenminister Ciano und dem „Duce“ zufolge bestärkt haben, eine radikale Lösung im Sinne einer Umsiedlung anzustreben. Ciano jedenfalls verlangte von Deutschland, „professionelle Agitatoren“ kaltzustellen.

Die Vorgeschichte

Am 12. November 1918, dem Tag nach der Verzichtserklärung des Kaiser Karl und der Enthebung seiner letzten Regierung, rief die Provisorische Nationalversammlung „Deutschösterreich“ als demokratische Republik und „Bestandteil der Deutschen Republik“ aus. Die Weimarer Nationalversammlung äußerte sich in gleichem Sinne. Am 10. September 1919 musste Staatskanzler Renner in Saint Germain den nach diesem Pariser Vorort benannten Friedensvertrag entgegennehmen, der im Artikel 88 ein Anschluss-Verbot aussprach. Österreich wurde damit gegen seinen Willen zur Selbstständigkeit verurteilt.

Zur Person

Michael Gehler (Österreichische Akademie der Wissenschaften) ist seit 2006 Jean-Monnet-Professor für Vergleichende europäische Zeitgeschichte an der Universität Hildesheim.

gehler@uni-hildesheim.de

Was auf gesamtstaatlicher Ebene untersagt war, sollte auf Bundesländer-Ebene erfolgen: Tirol und Salzburg votierten 1921 überwältigend in Volksabstimmungen für den Anschluss an Bayern, was durch die Entente unterbunden wurde. Eine Finanzanleihe des Völkerbundes zur Sanierung des Staatsbudgets von 1922 war mit einem 20-jährigen Anschluss-Verbot verknüpft. Eine Zollunion scheiterte 1931 am knappen Schiedsspruch des Internationalen Gerichtshofs. Der Machtantritt Hitlers führte 1933 zur Streichung des „Anschluss-Paragraphen“ aus dem sozialdemokratischen Parteiprogramm. Hitlers Versuch, mit der Tausend-Reichsmark-Sperre Österreich 1933 wirtschaftlich in die Knie zu zwingen, misslang ebenso wie der Putschversuch österreichischer Nationalsozialisten am 25. Juli 1934, der mit dem Mord an Bundeskanzler Dollfuß verbunden war, aber keinen „schnellen Anschluss“ bewirkte. Als dieser dann kam, gab Renner am 3. April 1938 kund, eine 20-jährige „Irrfahrt des österreichischen Volkes“ sei zu Ende und „das traurige Zwischenspiel von 1866 bis 1918“ Geschichte.

Ein Mehrebenen-Ereignis

Der „ambivalente Anschluß“, die spontane Zustimmung unter gleichzeitiger Anwendung von Zwang und Gewalt, charakterisierte Gerhard Botz auf dreifache Weise: als „pseudorevolutionäre Machtübernahme von unten“ (vor Tirol schon in Kärnten und der Steiermark), als „scheinlegale Machtergreifung von oben“ durch das Kabinett Arthur Seyß-Inquart und als „Intervention von außen“ durch die Wehrmacht. Dass die Freiwilligkeit ihre Grenzen kannte, zeigten im Vorfeld die Ultimaten Görings gegenüber dem machtlosen Dollfuß-Nachfolger Kurt Schuschnigg, die bei einem Nichteingehen auf die Rücktrittsforderung Bombenangriffe auf Wien androhten, aber auch die Sicherheitsvorkehrungen, die das neue Regime umgehend treffen ließ.

Internationale Duldung

Nur wenige Staaten erhoben gegen den „Anschluss“ beim ohnmächtigen Völkerbund formell Protest. Die Sow­jetunion forderte in Genf vergeblich „kollektive Maßnahmen“. Die militärische Intervention brachte die deutsche Diplomatie zunächst in Verlegenheit. Das irrig als „Wiedervereinigung“ bezeichnete Ereignis sollte durch ein so benanntes Gesetz vor der internationalen Öffentlichkeit legitimiert werden. Der Jubel beim Einmarsch und das scheinbar eindeutige Ergebnis der Volksabstimmung in Form des pseudoplebiszitären Aktes vom 10. April 1938 (99 Prozent) machten dann weitere deutsche amtliche Reaktionen auf das kritische Echo im Ausland obsolet. Der „Anschluss“ wurde insgesamt international hingenommen und als völkerrechtliches Faktum akzeptiert.

Die Folgen

Es gab Identifikationsmöglichkeiten (Beseitigung der Arbeitslosigkeit, Entschuldung der Bauern, sozialpolitischen Fortschritt, Modernisierungen der Ökonomie im Kontext der Kriegswirtschaft, die Deprivilegierung der Metropole durch gezielte Aufwertung der Provinz), wenngleich im Spätsommer 1938 bei breiten Schichten die Euphorie der Regime-Normalität wich. Während des Kriegs schwankte die Stimmung zwischen Akzeptanz, Indifferenz und Apathie. Die Absichten und Schattenseiten des Regimes machten sich nach dem März 1938 bald bemerkbar (Abtransport von Regimegegnern in das KZ Dachau, Übernahme des Gold- und Devisenschatzes der Nationalbank, Verfolgung von kirchlichen Würdenträgern, v. a. des niederen Klerus, Errichtung des KZ Mauthausen mit seinen Nebenlagern, Ressourcenraubbau, Einberufung Hundertausender zur Wehrmacht, Einsatz von Kriegsgefangenen und Fremdarbeitern etc.). Bis 8. Mai 1945 kamen laut Arnold Suppan 5,6 % der Bevölkerung gewaltsam zu Tode.

Radikalisierung des Antisemitismus

Hitlers Landsleute schufen in der „Judenpolitik“ mit dem „Anschluss“ ein „Experimentierfeld kumulativer Radikalisierung“ (so Hans Mommsen). Das „Wiener Modell“ der „Entjudung“ und der „wilden Arisierungen“ bildete die Vorstufe der organisierten Vorbereitung des Genozids an den europäischen Juden. An der „Endlösung“ waren Österreicher wie Adolf Eichmann und Ernst Kaltenbrunner führend beteiligt. Der traditionelle österreichische Antisemitismus als parteien- und schichtenübergreifendes, gesamtgesellschaftspolitisches Konsensthema war verstärkt durch die NS-Zeit ein Erbe, an dem die Zweite Republik noch tragen sollte.

Expansion nach Revision

Der „Anschluss“ war für den im Wien von 1907 bis 1913 sozialisierten Hitler, der als Staatenloser erst 1932 die deutsche Staatsbürgerschaft erhalten sollte, nicht wie für Renner die Verwirklichung eines „alten großdeutschen Wunschtraums“, sondern nur ein erster Schritt zur Schaffung eines „Großgermanischen Reichs“. Er konnte dabei auf traditionelle Ziele des deutschen Imperialismus vor 1918 zurückgreifen und aufbauen. Der „Anschluss“ war daher nicht, wie viele Zeitgenossen glaubten, das Ende der Revision des Versailler Vertrages von 1919, sondern im Grunde der Startschuss für die Expansion.

Ambivalenz als Fazit

Neben den massiven Opfern des NS-Regimes gab es zahllose Mitläufer, begeisterte Anhänger und Erfüllungsgehilfen Hitlers. Trotz der relativ breiten Zustimmung zum „Anschluss“ ist die passive Hinnahme und bereitwillige Duldung durch die Staaten von außen nicht zu übersehen. Das Verhalten der Westmächte machte im März 1938 nicht nur das nachlassende Interesse an der Staatlichkeit Österreichs, sondern auch ihr Unvermögen zur Aufrechterhaltung seiner Unabhängigkeit deutlich. Dies war umso unverständlicher, als die Siegermächte den Staat 1919 dazu gezwungen hatten.