Letztes Update am Di, 13.03.2018 07:23

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


80 Jahre “Anschluss“

Die Reden zum Gedenktag im Video: Österreich hat Mitverantwortung

Staatsakt zum Gedenken an den 12. März 1938. Der Bundespräsident mahnt Lehren daraus ein. Es gelte, „rechtzeitig die Stimme zu erheben“.

Österreichs Bundespräsident Alexander Van der Bellen betonte die Verantwortung der Österreicher, sich zu erinnern.

© APA/PunzÖsterreichs Bundespräsident Alexander Van der Bellen betonte die Verantwortung der Österreicher, sich zu erinnern.



Von Karin Leitner

Wien — Am Anfang gibt es Musik: die Bundeshymne. Am Ende gibt es Musik: die Europa-Hymne. Dazwischen gibt es viele Worte. Worte, mit denen versucht wird, das Grauen von damals zu beschreiben — und Schlüsse daraus zu ziehen. Hunderte Menschen sind im Zeremoniensaal in der Wiener Hofburg, beim Staatsakt zum Gedenken an den 12. März 1938. Aktive und ehemalige Spitzenpolitiker aller Couleurs, Vertreter der Religionen, Wirtschaftsleute, Künstler, Schüler.

Vom „dunkelsten Kapitel in der Geschichte unseres Landes" spricht Bundespräsident Alexander Van der Bellen. Auch 80 Jahre danach sei „unsere ganze Aufmerksamkeit gefordert, wenn wir begreifen wollen, wie es zu dieser Katastrophe kommen konnte. Wie die niedrigsten Gefühle und Regungen von den Herzen der Menschen Besitz ergreifen konnten. Wie Nachbarn zu ,Volksfeinden', wie Väter zu Massenmördern werden. Wie Menschen gleichzeitig Mozart hören und den Gashahn aufdrehen konnten."

Die deutsche Wehrmacht sei über Nacht gekommen. „Nicht über Nacht kam die Verachtung für die Demokratie, kamen Militarismus, Intoleranz und Gewalt. Sie hatten sich schleichend in Österreich eingenistet." Humanismus und Rechtsstaatlichkeit seien kontinuierlich ausgehöhlt worden, befindet Van der Bellen: „Es war ein politisches und gesellschaftliches Multiorganversagen, ausgelöst durch die Krankheiten: steigende politische Polarisierung, weltanschauliche Unversöhnlichkeit, Rassismus und Antisemitismus." Lehren gelte es daraus zu ziehen. Etwa jene, „dass auch Demokratien anfällig für Populismus und Demagogie sind, dass Diskriminierung ein erster Schritt zu Entmenschlichung ist". Ebenso, „dass es wichtig ist, rechtzeitig die Stimme zu erheben — und gegen jede menschenverachtende Ideologie aufzustehen".

Zur „Opferthese" sagt das Staatsoberhaupt: „Österreich hat Mitverantwortung für die Gräueltaten des Nationalsozialismus." Das befindet auch ÖVP-Kanzler Sebastian Kurz. Und: Österreich habe „lange gebraucht, um sich seiner Vergangenheit ehrlich zu stellen". Heute sei „gegen jede Art von Intoleranz und Extremismus" anzukämpfen. „Jeder Mensch trägt nicht nur Verantwortung dafür, was er tut, sondern vor allem dafür, was er nicht tut."

Heller berichtet von Schicksal der eigenen Eltern

Der Künstler André Heller skizziert, was sich am Morgen des 12. März 1938 in der Wohnung seiner Eltern abgespielt hat. „Wo is da Jud, Stephan Heller?", habe einer von drei Männern in Polizeiuniform mit Hakenkreuzbinden der Haushälterin entgegengebrüllt. Den Schmuck musste seine Mutter den Herren übergeben, der Vater — weil verhaftet — packte eine Reisetasche. Einer der Nazis herrschte ihn an: „I hoff, Sie haben da drinnen a Zahnbürschtl. Des werns nämlich glei no brauchen."

Heller geht auch in die Gegenwart. Gegen Populismus richtet er sich — und an die Koalitionäre: „Jede demokratisch legitimierte Regierung hat die oberste Verpflichtung, die Grundlagen ihrer Existenz, eben die Demokratie und deren Verfassung, in all ihren Facetten zu ehren und zu behüten. Also vor Schwächung und Unterhöhlung zu bewahren. Etwa das kostbare Gut der freien Berichterstattung in unabhängigen Medien. Das gilt nicht nur für den ORF, aber für den ganz besonders."

Nach Hellers Rede gehen die Polit-Repräsentanten dorthin, wo Adolf Hitler am 15. März 1938 gesprochen hat, beklatscht von 250.000 Bürgern. Auf dem Heldenplatz gibt es nun eine Klanginstallation. Hohe, irritierende Töne produziert das von der schottischen Künstlerin Susan Philipsz geschaffene Werk. Bis 12. November sind sie jeweils um 12.30 und um 18.30 Uhr je zehn Minuten lang zu hören. „Wie leicht zerbricht Glas?" sei seine Assoziation dazu gewesen, sagt Van der Bellen. Schließlich habe das, was mit dem schreienden Hitler auf dem Heldenplatz begonnen habe, „in einem Scherbenhaufen geendet".