Letztes Update am Di, 15.05.2018 13:40

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Bundespräsident

Van der Bellen: Europa ist „Gegengift zu Populismus“

Bei einem Urlaub in Triest gab Österreichs Bundespräsident dem bekannten Journalisten und Schriftsteller Paolo Rumiz ein Interview. Darin verteidigte er die EU unter anderem als „Schutzschild gegen Diskriminierung der Schwachen und Minderheiten“.

© APABundespräsident Alexander Van der Bellen.



Triest, Wien – Bundespräsident Alexander Van der Bellen hat mit seinem Berater für Migrationsfragen, Peter Schwarz, und einigen Freunden drei Tage Urlaub in Triest verbracht. Im Interview mit der Triester Tageszeitung Il Piccolo sprach er über die Europäische Union und die Gefahr ihrer Auflösung. Das Interview führte der bekannte Journalist und Schriftsteller Paolo Rumiz.

„Ich fühle mich seit jeher als Europäer und der Zusammenhalt Europas ist der erste meiner Gedanken, vor allem jetzt, wo sich Ende Juni und damit der Beginn der turnusmäßigen österreichischen EU-Ratspräsidentschaft nähert. Europa ist das einzige Gegengift zu wiederkehrenden nationalistischen Populismen. Europa ist ein Schutzschild gegen die Diskriminierung der Schwachen und der Minderheiten. Europa ist der große Garant für den Frieden. Das muss man den Leuten laut sagen“, sagte Van der Bellen, der in Triest unter anderem den Hafen und Schloss Miramare besuchte.

Sorgen über Entwicklungen, aber auch Optimismus

Auf die Frage, ob er die Auflösung Europas befürchte, antwortete Van der Bellen, dass ihm die jüngsten Entwicklungen in Europa Sorgen bereiteten. „Ich denke aber, dass wenn die Situation wirklich so dramatisch wäre, ich nie zum Präsidenten gewählt worden wäre. Ich, Alexander Van der Bellen, Flüchtlingssohn mit russischem Vater, estnischer Mutter und niederländischem Familiennamen“, sagte der Präsident.

Van der Bellen zeigte sich von Triest und seiner österreichischen Architektur fasziniert. Piazza dell‘Unita d‘Italia sei in österreichischem Stil errichtet und erinnere an die große wirtschaftliche und kulturelle Vergangenheit Triests. Vor 80 Jahren habe der faschistische Diktator Benito Mussolini auf dem selben Platz die Einführung der Rassengesetze zur Judenverfolgung eingeführt. Gegen Populismus und Nationalismus müsse man auf „Kultur, Bildung und auf Erzählung der Vergangenheit setzen.

„Ich werde dafür kämpfen, dass der Erasmus-Austausch nicht auf Studenten beschränkt, sondern auf alle Jugendlichen ausgedehnt wird. Wir müssen die englische Sprache verbreiten (...) Wir müssen Jugendliche zum Besuch der Konzentrationslager bringen und ihnen über diese Orte erzählen und erklären, dass es sich nicht um Archäologie, sondern um aktuelle Dinge handelt, um Schauplätze einer Tragödie, die sich erst vor kurzem ereignet hat“, sagte Van der Bellen.

Politik „muss auch Gefühlswelt ansprechen“

Wichtig sei es, eine Sprache zu finden, die direkt ans Herz gehe. „Die EU-Kommission besteht aus Regeln, (...) und das genügt nicht. Ich selber habe während meiner Universitätslaufbahn stets die Welt rational betrachtet. Jetzt bin ich mir bewusst geworden, dass man auch die Gefühlswelt ansprechen muss (...) Man darf nicht still bleiben. Ich will meinen Enkeln in die Augen schauen und ihnen sagen können, dass ich nicht tatenlos zugesehen habe“, sagte der Präsident. (TT.com, APA)