Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 10.06.2018


Belästigung im Netz

Sigrid Maurer: „Ein typischer Fall von Täter-Opfer-Umkehr“

Die Ex-Politikerin Sigrid Maurer outete den Verfasser von obszönen Nachrichten – und muss sich dafür vermutlich vor Gericht verantworten.

© APA/JägerSigrid Maurer saß in der letzten Legislaturperiode für die Grünen im Nationalrat, davor war sie ÖH-Vorsitzende.



Carmen Baumgartner-Pötz

Wien — Über eine Woche ist vergangen, seit die ehemalige grüne Nationalratsabgeordnete Sigrid Maurer auf Facebook die Nachrichten eines Wiener Lokal- und Geschäftsbetreibers öffentlich gemacht hat (siehe Infokasten). Sie hat dafür viele Solidaritätsbekundungen bekommen — zuletzt auch mit deutlichen Worten von Ex-Umweltminister Andrä Rupprechter (ÖVP) auf Twitter —, aber auch gehässige Kommentare in diversen Foren geerntet und vermeintlich gute Ratschläge, wie sie sich besser oder geschickter verhalten hätte können. „Ich habe nicht damit gerechnet, dass die Geschichte so große Wellen schlägt", sagt die ehemalige Nationalratsabgeordnete gegenüber der TT.

Nun ist Maurer allerdings mit einer Privatanklage wegen übler Nachrede und Kreditschädigung konfrontiert. Der geoutete Verfasser der Nachrichten behauptet nämlich, er habe diese gar nicht verfasst, zu dem Computer in seinem Geschäft hätten auch andere Menschen Zugang gehabt. Und nun, so sieht es das Zivilrecht vor, muss Maurer vermutlich nachweisen, dass der Mann ihr tatsächlich diese obszönen Nachrichten geschickt hat — und nicht er, dass er es nicht getan hat. Die 33-jährige gebürtige Tirolerin sieht darin eine „typische Täter-Opfer-Umkehr".

Maurer steht dazu, die Identität des Verfassers publik gemacht zu haben. Hass-Mails sei sie zwar seit Langem gewöhnt, diese kämen aber normalerweise von anonymen Absendern. In diesem konkreten Fall war für sie die „physische Nähe" ausschlaggebend. Maurer geht mehrmals täglich an besagtem Geschäft vorbei, oft müsse sie dem Geschäftsbesitzer, der mit seinen Freunden vor dem Lokal steht, auf dem schmalen Gehsteig ausweichen und werde blöd angeredet, wie sie auf Face­book schildert.

„Ich hatte keine andere Wahl", erklärt sie das „rechtliche Dilemma", in dem sie sich mit dem Fall bewegt. Den Mann bei der Polizei wegen Beleidigung anzuzeigen, wäre laut Juristinnen keine Option gewesen, da für dieses Delikt — Stichwort private Nachricht — die Öffentlichkeit nicht gegeben gewesen wäre. Und für „gefährliche Drohung" war die Drohung vermutlich nicht konkret genug. Als rechtliche Vertretung hat Maurer die erfahrene Medienanwältin Maria Windhager an ihrer Seite. „Es ist ein Präzedenzfall, und mir geht es besonders um alle weniger privilegierten Frauen, die nicht die Möglichkeit haben, an die Öffentlichkeit zu gehen." Maurer hofft, dass sich durch einen etwaigen Prozess auf rechtlicher Ebene etwas weiterbewegt. „Wir haben das Jahr 2018. Was dieser Mann mir geschrieben hat, ist einfach inakzeptabel. Das ist sexuelle Belästigung und Bedrohung."

Dass sich Maurer den Mund nicht verbieten lässt und selbstbewusst auftritt, scheint manche Männer besonders zu provozieren. Als sie vergangenen Herbst nach dem Ausscheiden der Grünen aus dem Parlament als Antwort an ihre Hassposter ein Foto von sich mit Sektglas und ausgestrecktem Mittelfinger postete, fuhr eine Boulevardzeitung eine tagelange Kampagne gegen sie und sie wurde mit „Hassnachrichten geflutet". Detail am Rande: Jener Rechtsanwalt, der jetzt den mutmaßlichen Verfasser der obszönen Nachrichten vertritt, hatte eine Zeit lang in jener Zeitung eine Kolumne.

Warum Maurer heftige Reaktionen hervorruft, erklärt sie sich so: „Die Erwartungshaltung an mich ist, dass ich Opfer bin, im Winkerl stehe und weine. So eine Kleinmäderlgeschichte halt — aber so war ich noch nie." Diese Hass-Mails verfolgen ihrer Ansicht nach eine Strategie der Machtdemonstration — „das hat mit Sex nichts zu tun, das ist Gewalt". Betroffenen rät Maurer, sich an die Meldestelle „Gegen Hass im Netz" von Zara zu wenden (beratung@zara.or.at).

Staatssekretärin Karoline Ed­tstadler (ÖVP) kündigte im Standard an, dass sich die Taskforce der Regierung zur Verschärfung des Sexualstrafrechts auch mit dieser Art von Belästigung befassen wird.

Die Nachrichten an Sigrid Maurer

Am 30. Mai ging Maurer auf Facebook mit zwei privaten Nachrichten an die Öffentlichkeit, die sie am Vortag von einem Wiener Lokal-/Geschäftsbetreiber gesendet bekommen hatte. Maurer postete einen Screenshot der Messenger-Mitteilungen und nannte den Mann namentlich. Die Nachrichten im Wortlaut, inklusive Fehlern und eigentümlicher Interpunktion:

„Hallo Du bist heute bei mir beim Geschäft vorbeigegangen und hast meinen Schwanz angeguckt als wolltest du Ihn essen,"

16 Minuten später:

„Bitte wenn Du nächstes mal vorbei kommst darfst Ihn ohne Worte in deinen Mund nehmen und ihm bis zum letzten Tropfen aussaugen,zahle auch 3 Euro mehr, wenn du nix verschwendest !!! Dein fetter Arsch turned mich ab aber da Du prominent bist, ficke ich Dich gerne in deinen fetten Arsch , damit dir einer abgeht du dreckige kleine Bitch !!!"