Letztes Update am Sa, 16.06.2018 18:33

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Bespitzelung

BND-Überwachung: Van der Bellen und Kurz verlangen Aufklärung

Der deutsche Bundesnachrichtendienst (BND) hat zwischen 1999 und 2006 systematisch die Telekommunikation zentraler Einrichtungen in Österreich überwacht

Bundespräsident Alexander Van der Bellen und Kanzler Sebastian Kurz äußerten sich nach einer Sitzung im Bundeskanzleramt

© APA/Hans PunzBundespräsident Alexander Van der Bellen und Kanzler Sebastian Kurz äußerten sich nach einer Sitzung im Bundeskanzleramt



Wien, Berlin – Bundespräsident Alexander Van der Bellen und Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) haben nach Berichten über Spionageaktionen des deutschen Bundesnachrichtendienstes (BND) in Österreich „volle Aufklärung“ gefordert. Solche Aktionen würden „auf Dauer das Vertrauen zwischen den Staaten infrage stellen“, betonte Van der Bellen bei einem gemeinsamen Presseauftritt am Samstag.

„Ein Ausspionieren unter befreundeten Staaten ist nicht nur unüblich und unerwünscht, es ist auch nicht akzeptabel“, sagte der Bundespräsident. „Um Klarheit herzustellen“ müsse Deutschland nun aufklären, ob die Spionageaktionen stattgefunden hätten und in welchem Ausmaß und dass sie eingestellt werden, „falls sie am Laufen sein sollten, was wir nicht annehmen“.

Kurz sprach von einem „enormen“ Ausmaß der Überwachung. „Unter befreundeten Staaten darf es so etwas nicht geben“, betonte der Kanzler. Daher habe man schon mit den deutschen Behörden Kontakt aufgenommen. Derzeit gebe es zwar „keine Indizien dafür, dass die Überwachung (nach dem Jahr 2006) fortgesetzt wurde“. Durch eine Gesetzesänderung im Jahr 2016 seien solche Aktionen zudem „nicht mehr legal möglich Deutschland“.

Kurz berichtete, dass es in dieser Causa schon im Jahr 2014 „erste Verdachtsmomente“ gegeben habe. Die daraufhin von der Staatsanwaltschaft eingeleiteten Ermittlungen „konnten nicht erfolgreich abgeschlossen werden, weil Deutschland eine Kooperation damals verweigert hat“. Der Bundeskanzler zeigte sich aber zuversichtlich, dass das Nachbarland diesmal kooperativer sein werde.

„Das ist natürlich auch eine Erwartungshaltung“

Van der Bellen wollte auf eine Frage der APA nicht darüber spekulieren, ob Österreich diplomatische Maßnahmen gegen Deutschland ergreifen könnte. Dafür sei es „ein bisschen früh“. „Jetzt warten wir ab, wie die deutschen Behörden reagieren, ob sie zu einer vollständigen Klärung bereit sind, wovon ich ausgehe. Dann sehen wir weiter.“ Van der Bellen bezeichnete die Verdachtsmomente als „ernst“. „Ich persönlich lege auf meine Privatsphäre großen Wert“, fügte er hinzu.

Kurz zeigte sich zurückhaltend zu Fragen, ob die Vorwürfe eine Belastung für das bilaterale Verhältnis seien. Er gab zu bedenken, dass die vermeintlichen Vorfälle „zehn Jahre zurück“ liegen. „Aber natürlich ist das Ausmaß ein gewaltiges. Schon vor zehn Jahren war es nicht richtig, Partner auszuspionieren“, äußerte Kurz die Hoffnung einer „ordentlichen Kooperation“ der deutschen Behörden. „Das ist natürlich auch eine Erwartungshaltung“, fügte er hinzu.

Van der Bellen und Kurz äußerten sich nach einer Sitzung im Bundeskanzleramt, an der neben dem Kanzler auch Innenminister Herbert Kickl (FPÖ), der Direktor des Bundesamts für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung (BVT) Peter Gridling sowie Spitzenbeamte der Präsidentschaftskanzlei, des Innen-, Justiz-, Verteidigungs- und Außenministeriums teilnahmen.

Das Nachrichtenmagazin profil und die Tageszeitung Der Standard hatten berichtet, dass laut einer vorliegenden BND-internen Datei in diesem Zeitraum insgesamt 2.000 Telefon-, Fax-und Mobilanschlüsse sowie E-Mail-Adressen in Österreich in Visier genommen wurden. Bereits 2015 war bekannt geworden, dass der BND „befreundete Länder“ aus aller Welt gezielt ausspioniert haben soll.

Deutscher Bundestag untersucht Vorwürfe

Die Vorwürfe beschäftigen bereits das Parlamentarische Kontrollgremium der Geheimdienste (PKG) des Deutschen Bundestags. Das bestätigte der PKG-Vorsitzende Armin Schuster (CDU) den Zeitungen der Funke Mediengruppe vom Sonntag.

„Wir prüfen, ob die Vorwürfe neu sind oder ob sie Teil der schon 2015 bekannt gewordenen Vorwürfe sind“, sagte Schuster. Er kündigte erste Erkenntnisse bis Ende der kommenden Woche an. Eventuell werde das Gremium in der übernächsten Woche zu einer Sondersitzung zusammenkommen.

Der CDU-Politiker bekräftigte, dass es „oft weder verhältnismäßig, noch in der Sache erklärbar“ gewesen sei, dass der BND in der Vergangenheit andere europäische Staaten bespitzelt habe. Als Konsequenz daraus habe der Deutsche Bundestag in der vergangenen Wahlperiode auch das BND-Gesetz geändert. Es setze „dem Dienst ganz andere Voraussetzungen als noch vor 2015“, sagte Schuster.

Sein Stellvertreter, der Grünen-Politiker Konstantin von Notz, sagte den Funke-Zeitungen, für den BND sei es „ein Problem“, dass nun die elektronischen Suchmerkmale bekannt geworden sind, mit denen der Geheimdienst österreichische Quellen ausspioniert habe. Die deutsche Regierung habe diese so genannten Selektoren dem Untersuchungsausschuss damals „nicht in einem ordentlichen Verfahren zur Einsicht zukommen lassen“, kritisierte von Notz. (APA, dpa)


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