Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 01.08.2018


TT-Gespräch

Noch-NEOS-Chef: „Soll ich Nacktwandern veranstalten?''

Matthias Strolz über die Rolle einer Oppositionspartei „in Zeiten wie diesen“, unbekannte „Freiheiten“ und seine beruflichen Perspektiven nach sieben Jahren in der Politik.

© Herbert Pfarrhofer„Einen Gang zurückschalten“ will Matthias Strolz. Jobangebote habe er etliche, für eines entschieden hat er sich noch nicht.



Von Karin Leitner

Wien – Ende September ist es für Matthias Strolz vorbei mit der Politik – nach sieben Jahren. Bei der ersten Parlamentssitzung nach der Sommerpause wird sich der Noch-Klubchef der NEOS bei einer Rede von den Nationalratskollegen verabschieden. „Ich werde den Arbeitsort nicht durch die Hintertür verlassen. Es ist etwas Großes, im Haus des Volkes gearbeitet zu haben“, sagt er im Gespräch mit der Tiroler Tageszeitung.

Am 7. Mai hat der gebürtige Vorarlberger kundgetan, von der Spitze der Partei, die er im Oktober 2012 gegründet hat, zu weichen. Bis dato habe er diese Entscheidung nicht bereut, sagt Strolz: „Sie war stimmig, auch wenn es Momente der Wehmut gibt. NEOS ist in einem Reifegrad, wo ich ersetzbar bin.“ Er wolle sich nun stärker „in der Vaterrolle“ einbringen.

Drei Mädchen hat Strolz; das jüngste ist acht, das älteste zwölf Jahre alt. „Eine Woche waren wir mit ihnen bei meiner Mama im Klostertal, demnächst geht es mit der Familie für zehn Tage an den Gardasee. Es ist seit Längerem der erste Sommer ohne Wahlkampf.“ Das bringe „Freiheiten“, die er in den vergangenen Jahren nicht gehabt habe: „Ich erfülle mir einen Jugendtraum. Ich und meine älteste Tochter werden einen Surf-Kurs machen.“

Noch ist die Politik aber nicht abgehakt: „Der Terminkalender ist nach wie vor voll.“ Viele Leute treffe er derzeit – „aus der Wirtschaft, aus der Kultur, ebenso Politkollegen wie gerade eben Wirtschaftskammer-Generalsekretär Karlheinz Kopf und ÖVP-Klubchef August Wöginger“. Angenehm seien diese Zusammenkünfte, sagt Strolz: „Weil es lockerer ist als früher. Man muss nicht jedes Gespräch in einen Verwertungskontext stellen.“

Was wird er fortan beruflich machen? Hat er sich bereits festgelegt? „Angebote gibt es zahlreiche, Entscheidung noch keine – weil ich meiner inneren Stimme zuhören will. Die Ruhe dafür habe ich erst im Oktober. Bis Ende des ersten Quartals 2019 werde ich entscheiden. Ich muss mich vor mir selber schützen, nicht zu schnell wieder voll anpacken, weil ich ein Gschaftlhuber bin. Nun ist der Zeitpunkt, wo ich einen Gang zurückschalten sollte.“ Erwägt er einen Teilzeitjob? „Eher nicht“, sagt Strolz, der einst als Unternehmer und Coach gewerkt hat. „Es wird ein Fulltimejob sein. Irgendwo muss der Knödel ja herkommen.“ Eines weiß er aber jetzt schon: „Ich werde nicht in einem Vorstand eines Unternehmens sein, auch kein Unternehmen gründen. Ich bin zwar in Gesprächen mit Start-ups, aber weit davon entfernt, operativ bei einem tätig zu sein.“ Ebenso fix sei: „Ich werde Bücher schreiben. Zwei Verlage möchten kurzfristig etwas machen; die Bücher sollen schon vor Weihnachten auf dem Markt sein. Das mache ich aber nicht. Sonst sitze ich am Gardasee und arbeite – und mit dem Surfen wird es nichts.“ Ein weiteres Angebot habe er auch abgelehnt, sagt Strolz: „Testimonial für Werbekampagnen zu sein.“

Ein Testimonial der anderen Art, Spitzenkandidat der NEOS bei der EU-Wahl im kommenden Jahr zu sein, kommt für den 45-Jährigen ebenfalls nicht in Frage: „Mich interessiert Europa sehr, das kommt aber nicht in die Tüte. Wie gesagt: Ich will als Vater präsenter sein.“ Seine Partei sieht Strolz mit Beate Meinl-Reisiger als Frontfrau gut aufgestellt: „Sie ist wortgewaltig, gescheit und strategisch sortiert. Sie wird eine starke Oppositionsführerin sein.“

Der Bundespräsident findet nicht stark, was jene, die den Regierenden politisch gegenüberstehen, bieten. Via TT hat Alexander Van der Bellen befunden, dass es für die „Oppositionsparteien an der Zeit wäre, ihre Rolle zu finden“; es sei „nicht die Aufgabe des Bundespräsidenten, diese Lücke auszufüllen“.

Strolz’ Replik: „Ich finde, wir machen unseren Job sehr ernsthaft und gut. Ja, ich höre öfter Kritik an der Opposition. In der Mehrzahl der Fälle wird aber NEOS davon ausgenommen. Die SPÖ hat ihre Rolle noch nicht ganz gefunden, die Liste Pilz ist in Selbstauflösung, das zieht uns in der öffentlichen Wahrnehmung ein Stück weit mit runter.“ Dass Van der Bellen die Pinken nicht ausgenommen hat, erklärt Strolz so: „Das ist die Diplomatie eines Staatsoberhauptes.“ Abgesehen davon sei es „in Zeiten wie diesen nicht einfach, Opposition zu machen und nicht aus dem Rahmen zu fallen. In Zeiten, in denen Exekutivpolitiker von Trump bis zur österreichischen Regierung in Sachen Inszenierung so poltern und bildmächtig unterwegs sind. Soll man da schriller, brutaler, angriffiger sein? Soll ich ,Nacktwandern mit dem NEOS-Klubchef‘ veranstalten, um das zu toppen? Das werde ich nicht.“

Den schwarz-blauen Koalitionären attestiert Strolz, „dem Land mit der Verengung auf ein Thema, die Migration,“ nicht gutzutun. „Ich habe noch nicht erkannt, wo die Vision des jungen Kanzlers liegt. Er hat zwar handwerklich großartige Fähigkeiten, es fehlt ihm aber der innere Kompass.“ Und was das EU-Wahlbündnis rechtspopulistischer Parteien anlangt, bei dem die FPÖ sein möchte: „Das ist inakzeptabel – und mit dem Regierungsprogramm unvereinbar. Diese Parteien wollen die Europäische Union zerstören. Sebastian Kurz wird an einen Punkt kommen, wo er den Offenbarungseid leisten muss, was ihm wichtig ist außer seinem Posten, wo die roten Linien sind für ihn. Für mich sind die von den Freiheitlichen längst überschritten.“