Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 12.08.2018


Innenpolitik

„Fünf Wochen Urlaub sind das Minimum“

Vor 100 Jahren waren zwei Wochen Urlaub revolutionär. Heute gibt es trotz 25 Tagen immer mehr Fälle von Burn-out. Brauchen wir mehr Urlaub?

© iStockNur zwei Wochen Urlaub im Jahr? In Österreich kaum vorstellbar, in den USA oder China noch häufig Realität.



Von Luca Scheiring

Wien — Österreich ist ein Urlauberland — und das im doppelten Sinn. Einerseits macht der Tourismus etwa 16 Prozent des österreichischen Bruttoinlandsprodukts (BIP) aus. Und mit 25 Urlaubstagen und 13 gesetzlichen Feiertagen sind die Österreicher zudem Spitzenreiter im europäischen Vergleich.

Schon vor knapp 100 Jahren war man hier anderen Ländern voraus. 1919 hat die blutjunge Republik als erstes Land einen zweiwöchigen, bezahlten Urlaub für alle Arbeitnehmer eingeführt. Obwohl damals der Klassenkampf noch großteils auf der Straße ausgetragen wurde, waren sich Arbeitgeber und Arbeitnehmer in diesem Fall einig. Nach den Leiden der Kriegsjahre hätten sich die Österreicher einen bezahlten Urlaub verdient, hieß es.

Als 1976 der Urlaubsanspruch auf vier Wochen erhöht wurde, geschah das im Konsens — trotz SPÖ-Alleinregierung. Währenddessen hat die Zahl der Nächtigungen erstmals die 100-Millionen-Marke geknackt und auch die Österreicher wollten öfter und länger Urlaub machen. Als am Ende der Kreisky-Ära eine fünfte Urlaubswoche zur Diskussion stand, ging das vielen Arbeitgebern zu weit.

Zu der Zeit sind die Arbeitslosenzahlen rasant gestiegen und die Wirtschaft hat immer noch unter der zweiten Ölkrise gelitten. Der langjährige Wirtschaftskammerpräsident Rudolf Sellinger meinte damals im Parlament: „Wir hätten jetzt eigentlich andere Sorgen, als den Urlaub zu erhöhen. Den Arbeitnehmern sind gesunde Betriebe und sichere Arbeitsplätze wesentlich lieber!" Die fünfte Urlaubswoche wurde beschlossen, trotzdem hat die SPÖ ein paar Monate später bei den Wahlen die absolute Mehrheit verloren — und Bruno Kreisky räumte den Kanzlersessel.

Heute zweifelt niemand mehr an der fünften Urlaubswoche. Allerdings tauchte sie im Juli auf einer von der Wirtschaftskammer aufgestellten Liste von Beispielen für „Gold-Plating" auf. Darunter versteht man die Übererfüllung von EU-Richtlinien — diese gibt vier Wochen als Mindeststandard vor. Nach der Veröffentlichung der Liste hat Martin Gleitsmann, Leiter der Sozialpolitik in der Wirtschaftskammer Österreich umgehend klargestellt: „Niemand denkt hier an eine Streichung der fünften Urlaubswoche."

Da war die Lawine aber schon losgetreten. SPÖ, Arbeiterkammer (AK) und Gewerkschaften warnen vor der Abschaffung der fünften Urlaubswoche und holen zum Gegenschlag aus. Die Arbeiterkammer fordert die sechste Urlaubswoche für alle ab 25 Dienstjahren. Derzeit gilt das nur, wenn man 25 Jahre im selben Betrieb gearbeitet hat. Dafür kann man sich bis zu sieben Jahre Ausbildungs- und Vordienstzeit anrechnen lassen, mit abgeschlossenem Studium bis zu zwölf Jahre. Dennoch meint AK-Präsidentin Renate Anderl, dass „in der Realität der modernen Arbeitswelt die sechste Urlaubswoche für die meisten Arbeitnehmer kaum erreichbar wäre". Die Wirtschaftskammer hält dagegen. „Ältere Arbeitnehmer werden dadurch noch teurer, außerdem liegen wir mit den freien Tagen ohnehin schon im Spitzenfeld", meint Gleitsmann gegenüber der Tiroler Tageszeitung. Vom Konsens von einst ist man also weit entfernt.

Nur zwei Wochen Urlaub im Jahr? In Österreich kaum vorstellbar, in den USA oder China noch häufig Realität.Foto: iStock
- Fischer

Dabei wäre eine Debatte über genug Erholung zu begrüßen, meint die Arbeitsmedizinerin Barbara Fischer im Gespräch mit der TT. „Wenn durch das neue Arbeitszeitgesetz nun tatsächlich häufiger zwölf Stunden gearbeitet wird, führt das in vielen Branchen zu mehr Belastung. Hier müssen wir Arbeitsmediziner wachsam bleiben." Fünf Wochen Urlaub seien aber das Minimum, denn Druck und Stress würden auch ohne 12-Stunden-Arbeitstag zunehmen — und es steige auch die Burn-out-Gefahr. Wichtig ist für Fischer aber echte Flexibilität, damit Arbeitnehmer Erholung dann bekommen, wenn sie diese auch brauchen. „Die Erholung nach einem Urlaub ist oft schon nach ein bis zwei Wochen wieder weg. Deshalb wäre es aus medizinischer Sicht besser, mehrere kleine Urlaube zu machen."

Am Ende ist die Frage nach Urlaub und Work-Life-Balance sowohl eine private als auch eine politische. Für die Jungen neigt sich die Waage jedenfalls stärker in Richtung „Life". Das könnte sich auch im Wahlverhalten widerspiegeln — zumindest, wenn sie keine anderen Sorgen haben.