Letztes Update am Do, 11.10.2018 08:01

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


1950-2008

Was vom Sonnenkönig übrig blieb: Jörg Haider starb vor zehn Jahren

Außer Schulden ist vom politischen Erbe Jörg Haiders nicht viel geblieben. Seine damaligen politischen Wegstreiter stehen entweder vor Gericht – oder sitzen politisch fest im Sattel.

Drei Wochen vor seinem Tod konnte Haider mit dem BZÖ bei der Nationalratswahl ein sensationelles Plus einfahren. Sein letzter großer Triumph.

© APA/GindlDrei Wochen vor seinem Tod konnte Haider mit dem BZÖ bei der Nationalratswahl ein sensationelles Plus einfahren. Sein letzter großer Triumph.



Klagenfurt, Innsbruck — In der griechischen Mythologie wünscht sich der Sohn des Sonnengottes Helios, Phaeton, endlich einmal mit dem Sonnenwagen fahren zu dürfen. Weil er aber zu ungestüm ist, kommen die Pferde ins Straucheln, der Wagen geht durch und Himmel und Erde drohen Feuer zu fangen. Daraufhin schleudert Zeus einen Blitz — und Phaeton stürzt in den Tod.

Als der Kärntner Landeshauptmann Jörg Haider am 11. Oktober 2008 gegen 1.15 Uhr in Lambichl nahe Klagenfurt mit 140 km/h und 1,8 Promille Alkohol im Blut von der Straße abkommt und gegen eine Garteneinfassung und einen Hydranten prallt, sitzt er am Steuer eines VW Phaetons. Die Luxus-Limosine gilt als eines der sichersten Autos der Welt. Dennoch hat Haider keine Überlebenschance: Er stirbt an Ort und Stelle. Doch zehn Jahre nach seinem Tod ist vom politischen Erbe des vielzitierten „Ausnahmetalents" nicht viel geblieben, außer vielleicht verbrannte Erde.

Populismus und Opposition

Es ist Jörg Haider, der den Populismus und die politische Oppositionsrolle in Österreich salonfähig macht. Er kokettiert mit dem Nationalsozialismus, bringt den Fremdenhass aufs politische Parkett, poltert gegen das Establishment und wechselt seine Meinungen wie es zu der jeweiligen Stimmung im Land eben passt. Haider agiert mit Sensibilität und Intelligenz, zweifellos sind das zwei seiner stärksten Waffen. Er schürt Hoffnung im Land — aber auch Angst.

Wo der Kärntner Politiker aber Anfang der 2000-er Jahre noch Tomaten- und Eierwürfe sowie EU-Sanktionen für sein politisches Handeln einstecken muss, sitzen seine ehemaligen Weggefährten heute umso fester im Sattel und prägen das Land mit seinen rechtsgerichteten Positionen. Die FPÖ, jene Partei, die Jörg Haider aus der Bedeutungslosigkeit geholt und sie Jahre später beinahe wieder dorthin geführt hat, ist längst zu einer der stärksten Kräfte im Land geworden. Von seiner Abspaltungspartei, dem BZÖ (Bündnis Zukunft Österreich), blieb nicht viel übrig.

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Triumph und Absturz

Die Karriere des gebürtigen Oberösterreichers beginnt früh: Im Alter von 16 Jahren gewinnt er in Innsbruck einen Redewettbewerb, bei dem er bereits beweist, dass er das nötige Charisma und die Ausdrucksstärke hat, um Massen mitzureißen. Schon in dieser ersten Rede geht es um Überfremdung, ein Thema, das er in seiner späteren politischen Funktion noch perfektionieren wird.

Der Kärntner Landeshauptmann gab sich gerne volksnah, auch beim Harley-Treffen am Faaker See.
Der Kärntner Landeshauptmann gab sich gerne volksnah, auch beim Harley-Treffen am Faaker See.
- APA/Eggenberger

Als junger Student tritt er dem Ring freiheitlicher Jugend bei, ist dort vier Jahre Bundesobmann. Haiders große Stunde schlägt 1986 erneut in Innsbruck, als er den FPÖ-Obmann Norbert Steger vom Thron stößt. Drei Jahre später wird er zum ersten Mal Landehauptmann von Kärnten.

Ein Nazi-Vergleich über die „ordentliche Beschäftigungspolitik im Dritten Reich" wird ihm 1991 zum Fallstrick, Haider muss als Landeshauptmann zurücktreten. Erst acht Jahre später kehrt er in diese Funktion wieder zurück — diesmal allerdings auf seinem politischen Zenit. Haider hat in all den Jahren gemerkt, dass seine Art der Politik funktioniert: Das Thema Fremdenfeindlichkeit bringt seiner Partei Stimmen, egal, ob es gegen die Kärntner Slowenen, gegen Tschetschenen, gegen Muslime oder generell gegen Ausländer geht. Wahl um Wahl gewinnt der „Kärntner Sunnyboy", wie ihn Medien gern bezeichnen, Stimmen dazu. Sein vermeintlich größter Triumph, nämlich die Regierungsbeteiligung mit der ÖVP im Jahr 2000, wird dann aber gleichzeitig zu seinem politischen Hemmschuh: Seine Buberlpartie ist offenbar überfordert mit der Verantwortung in der Regierungsrolle, die Koalitionsarbeit wird begleitet von Sanktionen der EU gegen Österreich und von wöchentlichen Protesten vor der Wiener Hofburg. Im Jahr 2002 kommt es schließlich bei einem außerordentlichen Parteitag in Knittelfeld zum Bruch mit der FPÖ, von nun an heißt es Heinz-Christian Strache gegen Jörg Haider. Bis zu Haiders Tod bleibt dieser Bruch bestehen, auch wenn sich die beiden Politiker kurz zuvor wieder zaghaft annähern.

Das komplette Gegenteil voneinander: Jörg Haider mit dem heutigen Bundespräsidenten Alexander van der Bellen.
Das komplette Gegenteil voneinander: Jörg Haider mit dem heutigen Bundespräsidenten Alexander van der Bellen.
- APA/Gindl

Nur in Kärnten hat das System Haider weiter großen Rückhalt. Drei Wochen vor seinem tödlichen Unfall kann Jörg Haider noch einmal triumphieren: Sein BZÖ erreicht bei der Nationalratswahl 11 Prozent der Stimmen (+7%), Ausschlaggebend sind dabei vor allem die Wähler aus Kärnten.

Leitfigur mit immer mehr Rissen

Nach dem 11. Oktober bekommt das Andenken an den „Landesvater" jedoch Jahr für Jahr mehr Risse. Zehn Jahre später arbeitet die Justiz immer noch an der Aufarbeitung des Scherbenshaufens, den das System Haider hinterlassen hat. Das von ihm aus der Taufe gehobene BZÖ ist bereits Vergangenheit.

Sogar mit dem Dalai Lama ließ sich Haider medienwirksam ablichten. Die beiden trafen einander bei der Grundsteinlegung für das Tibet-Zentrum in Hüttenberg.
Sogar mit dem Dalai Lama ließ sich Haider medienwirksam ablichten. Die beiden trafen einander bei der Grundsteinlegung für das Tibet-Zentrum in Hüttenberg.
- APA

In Haiders Mikrokosmos Kärnten ist der Schaden besonders groß: Die Kärntner Seebühne und das Stadion haben klaffende Löcher im Budget hinterlassen, den Skandal um die Hypo Alpe Adria werden noch die nächsten Generationen Österreicher abbezahlen dürfen. Mit Walter Meischberger, Uwe Scheuch, Karl-Heinz Grasser und vielen anderen stehen ehemalige Weggefährten vor dem Kadi, die sich wegen Betrugs, Steuerhinterziehung oder Korruption verantworten müssen. „Von Jörg Haider blieb ein enormer wirtschaftlicher Schaden, den die Steuerzahler in ganz Österreich ausbaden müssen", fasste es Ex-SPÖ-Kanzler Franz Vranitzky einst zusammen.

Zehn Jahre nach dem 11. Oktober 2008, als die „Sonne vom Himmel gefallen ist", wie es Haider-Nachfolger Gerhard Dörfler in einer ersten Reaktion auf den Tod entfuhr, ist nicht nur in Kärnten längst der Alltag eingekehrt. Nur wenige Kerzen leuchten noch bei der Haider-Gedenkstätte in Lambichl. Nach jahrelanger blau-oranger Patronanz hat die SPÖ seit mittlerweile fünf Jahren den Landeshauptmannsitz inne. Die Sonne scheint immer noch. Nur der Glanz des Sonnenkönigs, der ist verblasst. (rena)

Das Bild ging um die Welt: Kanzler Wolfgang Schüssel ging eine Koalition mit der FPÖ ein, EU-Sanktionen und Monate voller Proteste in Wien waren die Folge.
Das Bild ging um die Welt: Kanzler Wolfgang Schüssel ging eine Koalition mit der FPÖ ein, EU-Sanktionen und Monate voller Proteste in Wien waren die Folge.
- APA/Eggenberger Gert