Letztes Update am Mi, 17.10.2018 10:10

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Exklusiv

Klimaschutz, der nicht weh tut: Energie-Experte im TT-Interview

Stefan Schleicher hält die Klimastrategie der Bundesregierung für unzureichend, um die Klimaziele bis 2030 zu erfüllen. Ein Umdenken fordert er bei der Mobilität und der Raumordnung.

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Die Klimastrategie der Bundesregierung liegt auf dem Tisch. Laut Klimaabkommen müsste Österreich seine CO2-Emissionen bis 2030 um 36 Prozent reduzieren. Hält das 60-Seiten-Papier, was es verspricht?

Stefan Schleicher: Wenn wir die Ziele einhalten wollen, dann müssten wir ein Drittel der Energie einsparen. Im Strategiepapier finden sich aber nur wenige konkrete Maßnahmen, wie das gehen soll. Andeutungen gibt es im Bereich der Infrastruktur und des Verkehrs. Aber die Zahlen, die da erwähnt werden, reichen nicht aus, um die Ziele zu erfüllen.

Die Regierung bekennt sich zum Klimaschutz, ist aber Ihrer Meinung nach zu wenig konsequent?

Stefan Schleicher ist am Wegener Center für Klima und Globalen Wandel an der Universität Graz tätig. Er ist seit 1978 ordentlicher Universitätsprofessor für Volkswirtschaft und Volkswirtschaftspolitik in Graz und gilt als ausgewiesener Energie-Experte.
- Schleicher

Schleicher: Das ist die Meinung vieler Energie- und Umweltexperten. Das Mindset der Bundesregierung ist: Man will keine Konflikte entstehen lassen. Das andere Verständnis von Politik, dass sie aktiv Probleme lösen sollte, findet sich kaum.

Der Verkehr ist fast für die Hälfte des CO2-Ausstoßes verantwortlich. Wo würden Sie den Hebel ansetzen?

Schleicher: Da muss man sich selbst fragen, inwieweit man sein persönliches Mobilitätsverhalten umstellen kann und will. Was zu tun wäre, ist völlig klar: Im Normalfall ist der öffentliche Bus- und Bahnverkehr emissionsschonend. In der Klimastrategie sind die Aussagen dazu in jeder Hinsicht unzureichend. Es wird zwar davon gesprochen, den Verkehr auf elektrische Antriebe umzustellen, aber würden wir ab sofort nur noch emissionsfreie Autos zulassen, dann würden wir damit kaum ein Drittel der Zielerfüllung im Bereich der Mobilität schaffen.

Das ist aber rein hypothetisch, so viele emissionsfreie Autos gibt es gar nicht am Markt, oder?

Schleicher: Das stimmt. Zudem würden Ladestationen fehlen. Norwegen ist Vorreiter und hat gezeigt, welche Kraftanstrengungen es braucht, um eine Umstellung im Mobilitätsverhalten zu erwirken.

Was hat Norwegen konkret gemacht und umgesetzt?

Schleicher: In den skandinavischen Ländern ist der Autokauf mit sehr hohen Steuern verbunden. Dem gegenüber wurden E-Autos begünstigt. Das hat dazu geführt, dass bei den Neuzulassungen es jetzt fast mehr E-Autos als konventionelle gibt. Langfristig könnte in Europa auch der Antrieb mit Wasserstoff ein Thema sein.

In den letzten Jahren haben der Pkw- und der Lkw-Verkehr stark zugenommen. Wie ließe sich der Verkehr aus Ihrer Sicht vermindern?

Schleicher: Viele Unternehmen empfehlen ihren Mitarbeitern bereits, an einem Tag in der Woche von zu Hause aus zu arbeiten. Wenn Sie bedenken, dass ein sehr hoher Teil der Emissionen im Verkehr aus dem Pendlerverkehr kommt, dann wäre das eine wirksame Maßnahme. Mobilität ist nicht unbedingt Verkehr. Es geht um den Zugang zu Personen und Orten.

Sehen Sie die Digitalisierung als Chance, den Verkehr zu reduzieren?

Schleicher: Ja. Darauf wird aber nicht in der Klimastrategie eingegangen. Man muss nicht immer physisch anwesend sein, um an einer Konferenz teilzunehmen. Mit der Technologie der Produktion mit 3D-Drucker könnten viele Distanzen im Güterverkehr überflüssig werden. Im Papier fehlt auch, dass wir eine völlig andere Raumplanung brauchen. Da ist Tirol ein gutes Beispiel dafür, wie zersiedelt ein Land sein kann, mit gravierenden Folgeeffekten.

Wo würden Sie in der Raumordnung ansetzen?

Schleicher: Die Empfehlung lautet: Überall, wo neu gebaut wird, braucht es ein Mobilitätskonzept. Wenn so wie jetzt jeder Schritt eine Fahrt wird, fällt uns das auf den Kopf. Bei der Flächenwidmung haben die Bürgermeister eine hohe lokale Kompetenz, die überörtlichen Interessen kommen aber zu kurz.

Die volkswirtschaftlichen Kosten der Zersiedelung sind enorm. Kinder müssen zur Betreuung gebracht werden, alte Menschen zur Pflege, jeder zum Supermarkt usw. Das lässt sich doch nicht mehr ausmerzen?

Schleicher: Es stellt sich doch jetzt bereits heraus, dass viele dieser Mini-Shoppingcenter am Ortsrand in wirtschaftliche Schwierigkeiten kommen. Das sieht man europaweit und das liegt auch daran, dass man sie oft nur mit dem eigenen Pkw erreichen kann. Für junge Menschen ist der Autobesitz aber nicht mehr selbstverständlich. Das war einmal, dass die erste größere Investition das Auto war.

Ohne Auto geht es aber nur in der Stadt.

Schleicher: Ja. Die größten Schwierigkeiten haben wir im ländlichen Raum. Da braucht es ganz neue Mobilitätskonzepte. Wo es noch Bahnlinien gibt, müssen sie erhalten werden. Es braucht ein attraktives Elektro-Bussystem, das ändere Länder schon haben, und dann braucht es etwas dazwischen. Das könnten großvolumige Taxis sein, die nachfragegesteuert sind. Die kommen nicht so schnell wie normale Taxis, aber innerhalb einer halben Stunde werden Sie befördert.

Die österreichische Verkehrspolitik dreht sich aber mehr um die Frage, ob man 140 km/h fahren darf.

Schleicher: Das ist ein Spannungsfeld zwischen Umwelt- und Verkehrsministerium. ­Jede Tempo-Erhöhung erhöht den Treibstoffverbrauch.

Das Gespräch führte Anita Heubacher