Letztes Update am Mo, 04.03.2019 10:32

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


BVT-U-Ausschuss

BVT-Ausschuss rollt umstrittenen Tierschützer-Prozess neu auf

13 Tierrechtsaktivisten saßen 2008 vor ihrem Freispruch monatelang in Untersuchungshaft. Die Opposition will den umstrittenen Tierschützer-Prozess nun als Paradebeispiel für politischen Machtmissbrauch im ÖVP-geführten Innenministerium vorführen.

VGT-Obmann Martin Balluch.

© APA/GEORG HOCHMUTHVGT-Obmann Martin Balluch.



Wien – Der BVT-Untersuchungsausschuss rollt in dieser Woche die Tierschützer-Affäre wieder auf. Dabei geht es um die Arbeit einer Sonderkommission der Polizei, die ab 2006 gegen Tierrechts-Aktivisten ermittelt hat. Das Vorgehen war äußerst umstritten. Unter anderem, weil mehrere Beschuldigte trotz schwacher Beweislage monatelang in U-Haft genommen wurden. Der Prozess endete mit Freisprüchen.

Die Opposition will den Tierschützer-Prozess als Paradebeispiel für politischen Machtmissbrauch im Innenministerium vorführen. Der Vorwurf: Verfassungsschutz und Polizei seien auf Zuruf von ÖVP-nahen Kreisen gegen unbequeme Aktivsten vorgegangen, obwohl strafrechtlich nichts gegen sie vorlag.

Die „SOKO Bekleidung“ ermittelte ab 2006 gegen die Aktivisten rund um den Obmann des Vereins Gegen Tierfabriken (VGT), Martin Balluch, und stufte sie als kriminelle Organisation ein. Balluch und acht weitere Kollegen verbrachten 2008 104 Tage in Untersuchungshaft, ehe sie auf Anweisung der Oberstaatsanwaltschaft Wien freigelassen wurden. Im März 2010 folgte der Prozess gegen 13 Aktivisten am Landesgericht Wiener Neustadt, der Großteil davon angeklagt nach dem eigentlich gegen organisierte Kriminalität gerichteten „Mafia-Paragrafen“.

Lauschangriff, Peilsender und verdeckte Ermittlerin

Dieser (mittlerweile entschärfte) Paragraf stellte die Mitgliedschaft in einer kriminellen Organisation unter Strafe, ohne dass konkrete Taten nachgewiesen werden mussten. Sowohl daran als auch an den Methoden der Sonderkommission regte sich im Lauf der 88 Prozesstage immer lautere öffentliche Kritik. Denn neben Lauschangriff, Peilsendern sowie Telefon- und E-Mail-Überwachung hatte die Polizei auch eine verdeckte Ermittlerin („Danielle Durand“) eingesetzt, letzteres den Angeklagten aber verschwiegen. Im Prozess wurden zwar alle Aktivisten freigesprochen. Auf den Prozesskosten blieben sie jedoch sitzen.

„Am Beispiel der Tierschützer kann man zeigen, wie das BVT und die Polizei eingesetzt werden können gegen unbescholtene Bürger, gegen Teile der Zivilgesellschaft, deren Meinung man nicht teilt“, begründet SP-Fraktionschef Kai Jan Krainer die Untersuchung der Affäre. Denn das Vorgehen der Tierschützer sei für betroffene Firmen und Politiker zwar unangenehm gewesen, aber nicht verboten. Trotzdem seien sie behandelt wie eine Mafia-Organisation und mit den schärfsten Waffen des Rechtsstaats bekämpft worden.

Für Alma Zadic von der Liste Jetzt spielt das Thema auch in die Debatte um die von ÖVP und FPÖ gewünschte „Sicherungshaft“ hinein: „Das zeigt, was passieren kann, wenn man Personen ohne konkreten Tatverdacht einsperrt.“ Für Stephanie Krisper von den NEOS spiegeln sich im Tierschützer-Prozess auch die im Ausschuss thematisierten „schwarzen Netzwerke“ wider, weil die Behörden hier aufgrund der Zurufe ÖVP-naher Personen völlig überschießend agiert hätten.

ÖVP: Bedrohung durch „militanten Tierrechtsaktivisten“

Diese Woche geladen sind neben VGT-Obmann Balluch auch der frühere Kampagnenleiter Christian Moser und Stefan Traxler, einer der Verteidiger im Tierschützer-Prozess. Für 12. und 13. März hat der Ausschuss dann unter anderem Peter Graf geladen, den Miteigentümer der Modekette Kleiderbauer. Ihm wirft die Opposition vor, die Ermittlungen mit einem Anruf beim damaligen Innenminister Günther Platter (ÖVP) überhaupt erst ausgelöst zu haben. Auch der ÖVP-nahe Lobbyist Alfons Mensdorff-Pouilly soll aussagen.

Kleiderbauer wollte dazu auf APA-Anfrage keine Stellungnahme abgeben. Bei der ÖVP hieß es, die „militanten Tierrechtsaktivisten“ hätten eine Welle von Vandalismus, Bedrohungen und Sachbeschädigungen ausgelöst. Im U-Ausschuss wolle die ÖVP vor allem das staatsanwaltschaftliche Procedere genau beleuchten. (APA)