Letztes Update am Fr, 08.03.2019 07:00

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


TT-Interview

Eva Blimlinger: „Ethik sollte gleich ein Lehramtsstudium sein“

Rektoren-Chefin Eva Blimlinger will dieses Fach für alle Schüler. Die Matura findet sie wegen Uni-Aufnahmeprüfungen nicht mehr zeitgemäß.

Blimlinger, die seit 2018 Rektoren-Chefin ist, hält vom Studiengebühren-Vorschlag von FPÖ-Minister Hofer „gar nichts“.

© APABlimlinger, die seit 2018 Rektoren-Chefin ist, hält vom Studiengebühren-Vorschlag von FPÖ-Minister Hofer „gar nichts“.



Ab dem Schuljahr 2020/21 gibt es Ethik als Pflichtfach alternativ zu Religion in der AHS-Oberstufe. Wie bewerten Sie das?

Eva Blimlinger: Das ist grundsätzlich gut. Dieses Fach sollte es aber nicht nur in der AHS-Oberstufe geben, sondern für alle Schüler und Schülerinnen, also ab der 1. Klasse Volksschule. Und als Ziel: Auch Schüler, die den Religionsunterricht besuchen, sollten das Fach Ethik haben müssen.

Vorerst sollen jene, die Ethik unterrichten wollen, an Pädagogischen Hochschulen ausgebildet werden, langfristig soll es ein Lehramtsstudium dafür geben. Eine gute Lösung?

Blimlinger: Es ist nicht gut, dass das nur als Weiterbildung an Pädagogischen Hochschulen laufen soll. Das sollte nicht nur ein Zusatzmodul sein, sondern jedenfalls eine richtige Ausbildung. Es sollte gleich ein Lehramtsstudium sein.

Bildungsminister Heinz Faßmann sagt, Ethik sollten primär Religionslehrer mit einer Zusatzausbildung unterrichten, das könnten aber auch andere Lehrer mit Zusatzausbildung tun, etwa Geografielehrer.

Blimlinger: Das sehe ich nicht so. Es käme niemand auf die Idee, dass ein Geografielehrer evangelische Religion unterrichten soll. Es sollten Fächer wie Philosophie und Pädagogik sein.

Heute ist Frauentag. In Österreich gibt es zu wenige Forscherinnen, besonders im naturwissenschaftlichen Bereich. Was ist dagegen zu tun?

Blimlinger: 1991 war ich Gleichbehandlungsbeauftragte der damaligen Rektorenkonferenz, nun bin ich Präsidentin der Universitätenkonferenz. Das zeigt, dass sich etwas getan hat. 1991 gab es 1,9 Prozent ordentliche Professorinnen, heute sind es 27 Prozent. Das ist positiv, aber zu wenig. Vor allem in den MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik) ist noch einiges zu tun. Die Förderung hat nur teilweise gegriffen. Sensibilisierungsmaßnahmen in Form von Schulungen für Lehrende und männliche Kollegen sind nötig. Etliche Frauen hören nämlich nach zwei, drei Semestern mit einem MINT-Studium auf, weil die Atmosphäre männlich dominiert ist, es üble machistische Begleiterscheinungen gibt.

Minister Norbert Hofer will auf eine etwaige Benachteiligung heimischer Autofahrer durch eine deutsche Autobahnmaut mit Ähnlichem reagieren. Wenn der EuGH erlaube, bei der deutschen Pkw-Maut ausländische Autofahrer stärker finanziell zu be-, deutsche Autofahrer zu entlasten, dann „sollte auch Österreich das tun“ – bei Studiengebühren. Was halten Sie davon?

Blimlinger: Gar nichts. Das EuGH-Urteil zu Autofahrern lässt diesen Umkehrschluss nicht zu. In der EU sind alle gleich zu behandeln. Mir wäre recht, einen Schritt weiter zu gehen: Angehörige von Drittstaaten sollten gleich hohe Studiengebühren zahlen wie EU-Bürger.

Ab Herbst gibt es neue Zugangsbeschränkungen für überlaufene Fächer. Was halten Sie in diesem Zusammenhang vom Numerus Clausus?

Blimlinger: Das war schon immer Unsinn. Dieses Fächerbündel hat ja nur mittelbar etwas mit dem auszuwählenden Studium zu tun. Man muss sich aber angesichts der zunehmenden Zulassungsprüfungen fragen: Was ist der Wert der Matura? Man müsste überlegen, die elfte und zwölfte Schulstufe und das erste Studienjahr enger aneinanderzukoppeln. Möglicherweise müsste man die Aufnahmeprüfungen stärker in die Matura integrieren. Wenn ich etwa Medizin studieren möchte, brauche ich zwar als Voraussetzung die Matura, studieren kann ich es aber nur, wenn ich die Aufnahmeprüfung schaffe. Eine schiefe Lage, was Bedeutung und Stellenwert der Matura betrifft. Dieses Prüfungsmodell ist nicht mehr zeitgemäß.

330 Forscher haben Faßmann in einem offenen Brief aufgefordert, sich für die Unabhängigkeit der Statistik Austria einzusetzen. Es war kolportiert worden, dass die Regierung die Statistik umbauen will, dass künftig das Kanzleramt die Kommunikation koordiniert. Parteipolitisch vereinnahmt solle diese Stelle werden. Eine berechtigte Sorge?

Blimlinger: Das ist seit der Ausgliederung eine nicht ganz einfache Geschichte mit der Statistik Austria. Das dortige Datenangebot ist verbesserungswürdig. Bis man auf der Webseite zu Daten gelangt, die man braucht, dauert es lange. Die Serviceorientierung ist ausbaufähig. Man muss aber sehr darauf achten, dass es keinerlei parteipolitische Einflussnahme gibt, eine Autonomie muss gegeben sein.

Die Uni Innsbruck arbeitet heuer, anlässlich ihres 350-Jahr-Jubiläums, ihre Rolle in der NS-Zeit auf. Die Ehrungspraxis wird kritisch beleuchtet, Widerstandskämpfer Christoph Probst wird in einer Gedenkstunde rehabilitiert. Kommt das nicht etwas spät?

Blimlinger: Fairerweise muss man sagen, dass immer wieder versucht wurde, den Nationalsozialismus aufzuarbeiten. Aber natürlich kommt’s zu spät. Es geht um die Ehrung und das Andenken an die Opfer, aber man sollte – gerade was auch Innsbruck betrifft – auch die Täterseite durchleuchten. Es waren ja Personen an der Uni tätig, die mitverantwortlich waren, dass die jetzt zu Ehrenden Opfer wurden. Als besondere Person gibt es den ehemaligen deutschen Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer, der das Studentenwerk an der Uni Innsbruck aufgebaut hat, als prononcierter Nationalsozialist – es wäre gut, sich zum Beispiel seiner Geschichte zu widmen.

Sie haben vor einem Jahr die Auswahl der von der Regierung bestellten Uni-Räte kritisiert. Vor allem von Seiten der FPÖ sei es „primär um parteipolitische Versorgung gegangen“. Sehen Sie das noch immer so?

Blimlinger: Ja. Uni-Räte sind immer parteipolitisch besetzt worden. Auch bei früheren Besetzungen war die Qualifikation nicht immer gegeben. In dem Fall geht es um schlagende Burschenschafter und ihre Haltung gegenüber vielen Werten der Universität.

Das Gespräch führten Karin Leitner und Serdar Sahin