Letztes Update am Sa, 16.03.2019 07:27

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Antisemitismusstudie

Nationalratspräsident Sobotka: „Antisemitismus geht uns alle an“

Eine Untersuchung zeigt bei 30 Prozent der Österreicher latenten Antisemitismus – bei Türkisch und Arabisch sprechenden Menschen ist Judenhass noch ausgeprägter.

Pressekonferenz zur "Antisemitismus-Studie" mit Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka.

© Parlamentsdirektion / Thomas JanPressekonferenz zur "Antisemitismus-Studie" mit Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka.



Von Serdar Sahin

Wien – Einige Details aus der Antisemitismus-Studie sind bereits Anfang März präsentiert worden – nun liegt die komplette Untersuchung vor.

Wie berichtet, zeigen die Daten hierzulande bei zehn Prozent einen manifesten, offen sichtbaren Antisemitsmus. Bei 30 Prozent liegt latenter Judenhass vor. In Auftrag gegeben hat die Studie ÖVP-Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka. Das Institut IFES hat 2100 Österreicher dazu befragt.

Zusätzlich wurden jeweils 300 Türkisch und Arabisch sprechende Menschen befragt. Und hier hat die Untersuchung ergeben, dass Antisemitismus in diesen Gruppen deutlicher ausgeprägt ist als beim Rest. Das zeigt etwa die bewusst hart formulierte Aussage: „Wenn es den Staat Israel nicht mehr gibt, dann herrscht Frieden im Nahen Osten.“ Dem stimmten elf Prozent der Österreicher zu, bei den arabischsprachigen Befragten waren es 69 Prozent, bei Türkisch sprechenden rund die Hälfte. Auch stimmten diese beiden Gruppen viermal so oft der Aussage zu, dass sie schon nach wenigen Minuten erkennen könnten, ob ein Mensch Jude ist – oder dass die Berichte über Konzentrationslager und Judenverfolgung der Nazis übertrieben dargestellt würden.

Geringe Unterschiede zwischen den befragten Gruppen gibt es hingegen bei der Aussage, dass Österreich wegen der Verfolgung im Zweiten Weltkrieg die moralische Verpflichtung hat, Juden beizustehen. Während 41 Prozent der Österreicher das bejahten, lehnten dies 47 Prozent ab. Bei Arabisch sprechenden war das Verhältnis 32 zu 57 Prozent, bei Türken 34 zu 49 Prozent.

Unterteilt wurde die Studie in verschiedene Formen von Judenhass. So wurde unter „traditioneller Antisemitismus“ gefragt, ob Juden die internationale Geschäftswelt beherrschen: Insgesamt 39 Prozent stimmten dieser Aussage zu. Als „sekundärer Antisemitismus“ gilt die folgende Aussage: „Ich bin dagegen, dass man immer wieder die Tatsache aufwärmt, dass im Zweiten Weltkrieg Juden umgekommen sind.“ Dies sorgte bei 37 Prozent für Zustimmung. Rund jeder Dritte (34 Prozent) befand, dass „die Israelis die Palästinenser im Grunde auch nicht anders als die Deutschen die Juden im Zweiten Weltkrieg behandeln“ – das fiel unter die Rubrik „Israelbezogener Antisemitismus“.

Teilweise bestätigt hat die Studie: „je jünger, desto weniger antisemitisch“. Stärker ausgeprägt ist laut Eva Zeglovits (IFES) der Bildungseffekt – mit steigendem Bildungsgrad gehe der Anteil an zustimmenden Antworten zu antisemitischen Stereotypen zurück, gleichzeitig steige der Anteil an Antisemitismus ablehnenden Antworten. „Es wäre aber voreilig, zu meinen, dass Bildung vor antisemitischen Einstellungen schützt“, sagt Zeglovits.

Im historischen Vergleich zeige sich ein deutlicher Rückgang bei einzelnen Haltungen – etwa dass Juden selbst an der Verfolgung schuld seien, erklärt Thomas Stern von Braintrust, der auch an der Studie beteiligt war. Es gebe also Erfolge bei der Bekämpfung des Antisemitismus. Die verstärkte Auseinandersetzung damit und „Bildung wirkt“, sagt Stern.

„Wo Antisemitismus auftritt, führt er zu gesellschaftlichen Veränderungen wie Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, antidemokratischen Tendenzen und dem Ruf nach einem starken Mann“, befand Sobotka bei der Präsentation der Antisemitismus-Studie. Auch in Europa habe sich 2015 das gesellschaftliche Bild gewandelt, der Antisemitismus sei noch immer latent – und Österreich keine Insel der Seligen. „Antisemitismus geht uns alle an“, betonte der Nationalratspräsident.

Die vorliegende Arbeit biete eine wichtige und klare Orientierung, sagte Sobotka – und stellte gleichzeitig klar, dass es keineswegs darum gehe, Schuldige und Sündenböcke zu suchen. „Es geht um eine Analyse und um Ursachenforschung.“ Er werde Gespräche mit den Religionsgemeinschaften und den Bundesländern über geeignete Strategien führen, neue Veranstaltungsformate würden überlegt, in der „Demokratiewerkstatt“ des Parlaments werde die Sache verstärkt thematisiert.

ÖVP-Staatsekretärin Karoline Edtstadler sagt zum Studienresultat: „Wir müssen die Islamische Glaubensgemeinschaft verstärkt in die Pflicht nehmen und das Gespräch mit muslimischen Religionslehrern suchen.“ Zudem sei es „vorstellbar, dass alle Muslime, die nach Österreich kommen, zu einem Besuch in der KZ-Gedenkstätte Mauthausen verpflichtet werden“.


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