Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 21.04.2019


Gesundheit

Nur Symbolpolitik gegen Lärm

Anlässlich des Tags gegen den Lärm am 24. April übt der international gefragte Tiroler Umweltmediziner Peter Lercher Kritik am Umgang mit der zu hohen Belastung.

Der Verkehr ist für bis zu 85 Prozent der Lärmbeschwerden verantwortlich.

© Thomas Boehm / TTDer Verkehr ist für bis zu 85 Prozent der Lärmbeschwerden verantwortlich.



Peter Lercher, Umweltmediziner an der TU Graz, war bis 2015 ao. Univ.-Prof. für Sozialmedizin an der MedUni Innsbruck, der Lärmexperte führte in dieser Zeit mehrere Studien für große Umwelt-Verträglichkeitsprüfungen zum Schutz der Bevölkerung durch. International gilt Lercher weiterhin als gefragter Experte.

Worin unterscheidet sich die Situation in Tirol von anderen lärmbelasteten Regionen?

Peter Lercher: Während es im Tal in der dritten Häuserreihe neben einer Straße schon relativ ruhig ist, können am Hang lebende Menschen auch noch in 1000 Meter Entfernung unter einer zu großen Belastung leiden. Lange wurde das ignoriert und hieß es, die Tiroler regen sich immer auf. Man wollte nicht sehen, dass es bei Hanglagen wie im Inn- oder Wipptal eine andere Lärmausbreitung gibt.

Welche gesundheitlichen Auswirkungen hat Lärm?

Lercher: Die Weltgesundheitsorganisation WHO rechnet für Westeuropa mit einer Million verlorenen Lebensjahren durch zu hohe Lärmbelastung, darunter 61.000 verlorene Jahre wegen Herzkrankheiten und 45.000 Jahre durch Lernschwierigkeiten bei Kindern. Für Bluthochdruck gibt es noch zu wenige einheitliche Ergebnisse. Wir haben aber bei eigenen Untersuchungen im Unterinntal und Wipptal einen signifikanten Zusammenhang mit Blutdruck und Medikamenteneinnahme beobachtet. Eine neue Studie bezieht die Auswirkungen auf eine Schwangerschaft mit ein — etwa niedrigeres Geburtsgewicht und die erhöhte Gefahr einer Frühgeburt. Die Ergebnisse werden gerade publiziert. Bei so frühen Beeinträchtigungen ist die Wahrscheinlichkeit für weitere Folgewirkungen groß.

Können sich Menschen wirklich irgendwann an Lärm gewöhnen, wie es manchmal heißt?

Lercher: Gerade bei Gemeindestraßen gibt es oft hohe Schwankungen, die Fahrer beschleunigen, wenn die Straße frei ist, und bremsen bei Staus ab. An so etwas kann man sich schlecht gewöhnen. Ab 15 Dezibel Unterschied reagieren wir mit einer Veränderung der Herzfrequenz, der Kreislauf reagiert schneller als das Gehirn — vor allem im Schlaf. Wir haben in Tirol auch die Lärmbelastung an Bundesstraßen untersucht. Die B171 Richtung Kufstein ist die Straße mit dem höchsten Belästigungsausmaß. Für 80 bis 85 Prozent der Lärmbeschwerden ist der Straßenverkehr verantwortlich.

Welche Richtwerte gibt die WHO vor?

Lercher: Zur Vermeidung von Gesundheitsgefahren gibt sie seit Herbst 2018 als Richtlinie für den Straßenverkehr 53 dBA für den Tag an und 45 dBA für die Nacht. Die Schwellenwerte für die Lärmaktionsplanung in Österreich liegen mit 60 bzw. 50 dBA weit darüber. Besonders groß ist der Unterschied beim Schienenverkehrslärm: Laut WHO sollten die Werte tagsüber höchstens 54 dBA erreichen und nachts 44, laut Lärmaktionsplanung sind es aber 70 bzw. 60. Insgesamt ist zu sagen, dass wir von einer Einhaltung der Richtwerte weit entfernt sind.

Warum können sich die Betroffenen nicht entsprechend wehren?

Lercher: In Österreich ist es — anders als in der Schweiz — nicht möglich, Klage zu erheben, und die Lärmaktionsplanung wird mangelhaft und nicht transparent durchgeführt.

Warum wird Ihre Arbeit in Tirol nach Ihrer Pensionierung nicht fortgeführt?

Lercher: Die Sektion für Sozialmedizin, die ich leitete, wurde geschlossen. Die MedUni Innsbruck hat andere Schwerpunkte beschlossen. Ich habe deshalb ein Angebot von der Technischen Uni Graz angenommen, so kann ich weiterhin an internationalen Projekten teilnehmen.

Welche Erfahrungen haben Sie bei Ihrer Arbeit in Tirol gemacht?

Lercher: Es wird leider immer wieder nur Symbolpolitik gemacht, ein Beispiel ist der Umgang mit der Belastung durch Motorräder im Außerfern in den letzten zehn Jahren. Im Rahmen einer Studie habe ich vorgeschlagen, die Zufahrt von lauten Motorrädern in Ruhe- oder Tourismusgebiete zu beschränken. Nicht nur Elektromotor-, sondern auch Standardmotorräder sind als leise Versionen verfügbar. Nach Japan liefern namhafte Hersteller wegen der strengen Richtlinien nur leisere Motorräder. In Tirol konnte man sich damit nicht anfreunden, es wurden nicht einmal Geräte zur Geschwindigkeitskontrolle von Imst auf das Hahntennjoch aufgestellt. Als in Götzens eine Asphalterneuerung anstand, habe ich eine lärmarme Version vorgeschlagen und die Gemeinde wollte die Mehrkosten übernehmen. Das Land hat aber nicht die Erlaubnis erteilt mit dem Argument, Rollgeräusche würden unter 50 Dezibel keine Rolle spielen. Das wurde einfach so behauptet — gegen den Stand der Wissenschaft.

In welchen Bereichen ist Tirol noch säumig?

Lercher: Für ein Tourismusland wäre der in der Umgebungsrichtlinie verankerte Schutz ruhiger Gegenden wichtig, der findet nämlich überhaupt nicht statt. In Götzens wurde gerade für die Innerort-Verbindung zu den Einethöfen 50 kmh genehmigt — durch ein Naherholungsgebiet.

Das Interview führte
Michaela S. Paulmichl

Anlässlich des Tags gegen den Lärm am 24. April übt der international gefragte Tiroler Umweltmediziner Peter Lercher Kritik am Umgang mit der zu hohen Belastung.
Anlässlich des Tags gegen den Lärm am 24. April übt der international gefragte Tiroler Umweltmediziner Peter Lercher Kritik am Umgang mit der zu hohen Belastung.
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