Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 04.05.2019


Blick von außen

Erinnerungen ans Ende der Nazi-Herrschaft: „Jetzt bin ich gerettet“

Am 8. Mai 1945 waren der Zweite Weltkrieg und die Nazi-Herrschaft zu Ende. Zeitzeugen haben sehr unterschiedliche Erinnerungen an diese Tage und Monate. Die Spannungsfelder wirken bis heute nach.

Anschluss, Totengedenken, Fest der Freude, Haus der Geschichte: Der Wiener Heldenplatz steht sinnbildlich für den Umgang der Republik mit ihrer NS-Vergangenheit.

© iStockphotoAnschluss, Totengedenken, Fest der Freude, Haus der Geschichte: Der Wiener Heldenplatz steht sinnbildlich für den Umgang der Republik mit ihrer NS-Vergangenheit.



Von Monika Sommer

Am 8. Mai findet auf dem Wiener Heldenplatz anlässlich des Jahrestages der Kapitulation von NS-Deutschland 1945 zum achten Mal das „Fest der Freude" mit einem Gratiskonzert der Wiener Symphoniker statt. Erstmals feiert das „Haus der Geschichte Österreich" mit. Das zeitgeschichtliche Museum ist ein Signal der Republik, sich einer kritischen Aufarbeitung der Zeitgeschichte offensiv zu stellen — und das konsequenterweise am Heldenplatz: dem Platz, an dem Adolf Hitler am 15. März 1938 unter dem Beifall einer jubelnden Menge den „Anschluss" Österreichs an das nationalsozialistische Deutsche Reich bekanntgab, dem Platz, an dem sich Österreich am Nationalfeiertag präsentiert; dem Platz, an dem das offizielle Österreich am 27. April der wieder erlangten Unabhängigkeit gedenkt; dem Platz, der spätestens seit dem Lichtermeer 2003 ein Ort der Protestkultur ist, dem Platz, der anlässlich des Wiener Akademikerballs weiträumig abgesperrt wird, dem Platz, dessen Vielschichtigkeit Thomas Bernhard ein literarisches Denkmal gesetzt hat — und dem Platz, der seit der Errichtung der Pavillons des Parlaments zum Demokratiequartier geworden ist.

Das „Haus der Geschichte Österreich" hat im November 2018 eröffnet, zuvor jahrelang umkämpft, verworfen und schließlich doch umgesetzt. Ein zentrales Thema ist Österreichs ambivalenter Umgang mit der Erinnerung an die Opfer des nationalsozialistischen Terrorsystems. Sowohl das „Fest der Freude" als auch das „Haus der Geschichte Österreich" verdanken sich der Auseinandersetzung mit der Rolle der Österreicherinnen und Österreicher im Dritten Reich und der Mitverantwortung Österreichs. Sie sind Zeugen der Veränderung der Erinnerungskultur nach dem „turning point" der Jahre 1986/88 mit der Präsidentschaftskandidatur von Kurt Waldheim und dem „Bedenkjahr". Auch das Kriegsende 1945, konkret der 8. Mai, ist im kollektiven Gedächtnis ein ambivalenter Erinnerungsort.

Monika Sommer ist seit 2017 Gründungsdirektorin des „Hauses der Geschichte Österreich“. Zuvor war sie u. a. an der Akademie der Wissenschaften u. am Wien Museum tätig. Ab 2014 betreute sie das Kulturprogramm des Forum Alpbach.
monika.sommer@hdgo.at
Monika Sommer ist seit 2017 Gründungsdirektorin des „Hauses der Geschichte Österreich“. Zuvor war sie u. a. an der Akademie der Wissenschaften u. am Wien Museum tätig. Ab 2014 betreute sie das Kulturprogramm des Forum Alpbach. monika.sommer@hdgo.at
- APA/Punz

Bombenkrieg und Kriegsende

Dies hat nicht zuletzt zwei Gründe: Erstens nahmen sich die Menschen auch als Opfer der alliierten Mächte wahr. Denn ab 1943 — mit dem Vorrücken der Amerikaner nach Italien — rückte das Gebiet des heutigen Österreich verstärkt in den Fokus des alliierten Luftkrieges. Wiener Neustadt wurde am 13. August 1943 bombardiert — und so war ab Sommer 1943 die österreichische Bevölkerung selbst vom Krieg unmittelbar betroffen und verstand sich daher als Opfer desselben. Der durch Funkenflug in Brand gesteckte Stephansdom in der Wiener Innenstadt wurde zum Symbol für dieses Selbstverständnis, weshalb der Wiederaufbau des Domes in der Zweiten Republik ein gesamt­österreichisches Projekt und Anliegen wurde. Zweitens war das Kriegsende in Österreich ein komplexer Prozess, den die Menschen nicht unmittelbar mit einem einzigen Tag oder Ereignis verbanden. Zwar verkündete die provisorische Regierung schon am 27. April 1945 die Unabhängigkeit Österreichs und entband alle Soldaten von ihrem Schwur auf das Deutsche Reich. Doch der Krieg ging in weiten Teilen Österreichs noch weiter. Bis zum allerletzten Tag versuchte das NS-System, den Terror aufrechtzuerhalten. Hunderte Menschen wurden noch ermordet und in den Tod getrieben.

Die Parallelität der Ereignisse ist frappierend: Am 28. April 1945 wurden in der Gaskammer des Konzentrationslagers Mauthausen auf Befehl des Gauleiters von Oberdonau, August Eigruber, noch 41 Menschen ermordet — unter ihnen Mitglieder von Widerstandsgruppen. In Wien aber tanzten die Menschen nur einen Tag später vor dem Parlament Walzer, begleitet von sowjetischer Militärmusik. Und Staatskanzler Karl Renner appellierte im Parlament an seine Mitbürger: „Nehme also jeder auf seinem Besitztum, in seiner Werkstatt, in seinem Büro unbesorgt die Arbeit wieder auf."

Während Wien also schon befreit war, rückten amerikanische und französische Verbände zwischen 28. April und 1. Mai nach Vorarlberg und Tirol vor und erreichten kurz darauf Salzburg und Oberösterreich. Dann ging es Zug um Zug: Innsbruck wurde am 3. Mai, Salzburg am 4. Mai, Linz sowie das Konzentrationslager Mauthausen am 5. Mai befreit.

Große Teile Österreichs blieben allerdings bis zum 8. Mai unter nationalsozialistischer Kontrolle. Einrichtungen, die am 7. Mai noch das Hakenkreuz trugen, wurden über Nacht österreichisch.

Andernorts wurde ausgelassen gefeiert. Die Journalistin Hilde Spiel erlebte das Kriegsende im Exil: „Gemeinsam feierten wir am siebenten Mai mit vielen anderen Gästen die deutsche Kapitulation am Charing Cross ? und gemeinsam taumelten wir mit Hunderttausenden von Londonern am nächsten Abend durch die Stadt, deren Lichter nach fünfeinhalb Jahren wieder aufflammen durften ? nie zuvor, nie nachher ein solch kollektiver Glücksrausch."

In Wien herrschten vor allem Hunger und Mangel. Der spätere Bundespräsident Adolf Schärf hielt sich in den letzten Kriegstagen im Wiener Allgemeinen Krankenhaus versteckt und wartete dort die Befreiung durch sow­jetische Truppen ab: „Die Bevölkerung der Umgebung plünderte nicht nur Esswaren, nicht nur Kleidungs- und Wäschestücke, selbst Einrichtungsgegenstände wurden davongetragen, davongetragen noch im Kugelregen, und die Leute, sie sich daran beteiligten, waren beileibe nicht das, was man verbrecherische Unterwelt zu nennen gewohnt ist! Unter den Plünderern gab es angesehene Leute vom Grund, Leute, die sich in ihrem Alltagsleben auf Adelstitel etwas zugutehalten. Aus einer Likörfabrik bei der Breitenfelder Kirche wurden tagelang Schnäpse und Liköre selbst in Wasserkübeln davongetragen, nicht nur von russischen Soldaten, sondern überwiegend von Bodenständigen. Überall, wohin ich an diesem Tage kam: Plünderung."

Zwiespältige Erinnerungen

Für manche war das Eintreffen der Russen tatsächlich eine Befreiung im wahrsten Sinn des Wortes — so etwa für Leopold Figl, der seit Jänner 1945 im Gefängnis des Wiener Landesgerichts saß und auf den Prozess wegen Hochverrats wartete; er wurde knapp vor dem Eintreffen der Roten Armee in Wien entlassen.

Doch der Mehrheit der Österreicher blieb das Kriegsende nicht nur als Befreiung vom NS-Terrorsystem im Gedächtnis. Hunger, Bombenkrieg und die Angst vor den Alliierten schrieben sich tief in die Erinnerungen ein. Ingeborg Bachmann erlebte die Bombenangriffe der Alliierten und die Befreiung durch britische Truppen in Klagenfurt. „Mein liebes Tagebuch, jetzt bin ich gerettet ? die Russen sind in Wien und wahrscheinlich auch schon irgendwo in der Steiermark ? ich will ja nicht alles glauben, was geredet wird, aber niemand kann ja voraussehen, was sie mit uns machen werden, ob sie uns hierlassen oder nach Sibirien bringen. Rechnen darf man nur mit dem Schlimmsten", vertraute sie ihrem Tagebuch an.

1985 sprach der deutsche Bundespräsident Richard Weizsäcker erstmals von der Ambivalenz der individuellen Erfahrungen mit dem Kriegsende und stellte gleichzeitig klar, dass der 8. Mai trotz allem der Tag der Befreiung von einem menschenverachtenden System war. Er forderte alle Deutschen auf, das schwere Erbe anzunehmen. In Österreich räumte Bundeskanzler Franz Vranitzky 1991 die Mitverantwortung an den NS-Gräueln ein.

Die Erinnerung blieb und bleibt ein Spannungsfeld: Auf dem Wiener Heldenplatz wurde der 8. Mai in den 2000er-Jahren zu einem umkämpften Erinnerungsort, als der Wiener Korporationsring, eine Vereinigung deutschnationaler, schlagender Burschenschafter, in der Krypta des Heldendenkmals Ehrungen für die gefallenen Soldaten hielt. Das seit 2013 ausgerichtete „Fest der Freude", das von Olaf Nicolai 2014 gestaltete Denkmal für die Verfolgten der NS-Militärjustiz auf dem Heldenplatz und das 2018 eröffnete „Haus der Geschichte Österreich" erzählen eine andere Geschichte. Sie sind zentrale Symbole für einen neuen Umgang mit der NS-Vergangenheit, der Vergangenheit nicht mehr leugnet, sondern Verantwortung dafür übernimmt.


Geschichtsmuseum

Das Haus der Geschichte Österreich wurde im November 2018 anlässlich der 100. Wiederkehr der Ausrufung der demokratischen Republik eröffnet. Mit seiner Eröffnungsausstellung „Aufbruch ins Ungewisse — Österreich seit 1918" (bis 17. Mai 2020) bietet es einen Überblick über die jüngsten hundert Jahre österreichischer Geschichte.

Fest der Freude. Das Mauthausen Komitee und die Wiener Symphoniker laden alljährlich am 8. Mai zum Gedenken an die Befreiung Österreichs vom Nationalsozialismus zu einem Gratiskonzert.

Zeitzeugen. Am 7. Mai (19 Uhr)lädt das Haus der Geschichte zu einer Diskussion mit den Zeitzeugen Amnon Berthold Klein und Eva Umlauf, die 1945 nicht mehr nach Österreich zurückgekehrt sind.


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