Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 02.05.2019


Mitterlehner-Buch

Lesung im Mühlviertel: Das Heimspiel des Reinhold Mitterlehner

Sein Buch präsentiert der Ex-Vizekanzler vielerorts. So auch in seinem Stammwirtshaus in seiner Mühlviertler Geburtsgemeinde.

In urigem Ambiente, dort, wo er seit vielen Jahren tarockiert, liest Reinhold Mitterlehner Passagen aus seinem Buch vor.

© LeitnerIn urigem Ambiente, dort, wo er seit vielen Jahren tarockiert, liest Reinhold Mitterlehner Passagen aus seinem Buch vor.



Von Karin Leitner

Wien – Reinhold Mitterlehner ist in der Gaststube seines Stammwirtshauses. In ungewohnter Rolle. Hinter einem kleinen Tisch auf einem Podium hat er sich platziert. Eigenartig sei das, sagt er. „Meistens sitze ich ja am Ecktisch beim Kartenspielen.“

Nun macht der Tarockierer und Ex-Vizekanzler etwas, das ihm nicht vertraut ist. Etwas, das Autoren tun.

Er liest vor – aus dem Buch, das er geschrieben und mit „Haltung“ betitelt hat. Das hat der Schwarze seit der Präsentation des Werks, das Türkisen wegen der kritischen Töne zu Sebastian Kurz und dessen Regierung missfällt, schon mehrfach getan. Dennoch ist der jetzige Auftritt ein besonderer. In seiner Heimatgemeinde, dem oberösterreichischen Helfenberg, geht er vonstatten; dort, wo die ÖVP bei der vergangenen Nationalratswahl acht Prozentpunkte verloren hat – ein Signal des Protests gegen Mitterlehners politische Demontage.

Wird die Lesung, zu der „Django-Burger“ und Bier kredenzt werden, zu einer Solidaritätskundgebung für ihn? Oder bleiben die bisherigen lokalen ÖVP-Gefährten ob der nunmehrigen Loyalität zu Mitterlehners Nachfolger als Parteichef fern?

SPÖ-Funktionäre, Gewerkschafter und Grüne – auch aus Nachbarorten – sind zugegen, um zu hören, was Mitterlehner zu sagen hat. Die Anzahl der ÖVPler in der ÖVP-dominierten Kommune ist überschaubar. Ein paar Gemeinderäte sind da, Bürgermeister Josef Hintenberger ist ebenfalls gekommen. Der hat vorab wissen lassen, dass er Mitterlehner „voll“ unterstütze – und dass „eine persönliche Meinung auch in einer Partei Platz haben“ dürfe.

Von seiner Jugend im Mühlviertel erzählt Mitterlehner, von „der toten Grenze“ zur damaligen Tschechoslowakei, an der „die Welt zu Ende war“, von „eingeschränkten Entwicklungschancen“, aber auch vom „Bildungsangebot“, das es dann gegeben habe. Im Buch heißt es dazu: „Binnen einer Generation konnte sich meine Familie aus eher einfachen Verhältnissen emporarbeiten und etablieren. Vieles davon verdanken wir, im Nachhinein betrachtet, auch der Politik jenes Mannes, den mein Onkel für seine beruflichen Sorgen verantwortlich machte: Bruno Kreisky.“

Über sein Wirken in der hohen Politik spricht Mitterlehner auch – während der Wirtschaftskrise; und zu der Zeit, als Flüchtlinge in einem „Marsch der Hoffnung“ von Ungarn nach Österreich kamen: „Ich dachte, das sei ein organisatorisches Problem. Es wurde dann auch ein ideologisches. Von der ,Willkommenskultur‘, vom Öffnen, hat das Pendel auf die andere Seite ausgeschlagen.“ In Richtung Kurz und dessen Funktion in der rot-schwarzen Koalition befindet er: „Jener, der als Erster wusste, dass man mit dem Flüchtlingsthema punkten kann, war der Außenminister.“

Damit ist Mitterlehner in der Gegenwart, bei den Freiheitlichen. Auf deren EU-Wahlplakat mit dem Slogan „FPÖ voten gegen Asylchaoten“ verweist er, auf das „Rattengedicht“ des – mittlerweile vormaligen – FPÖ-Vizebürgermeisters von Braunau, darauf, dass die Burschenschaft Arminia Graz zu einem Vortrag mit dem identitären Vordenker Martin Semlitsch bittet – am 8. Mai, dem Tag der Befreiung Österreichs vom Nationalsozialismus.

All das kommt an beim Publikum. Widerspruch gibt es in diesem Kreise nicht, allerdings auch nicht viele Fragen, zumindest nicht beim offiziellen Teil. Eine Frau sagt: „Danke, Reinhold, dafür, dass du deine Stimme erhebst – gerade derzeit ist das sehr notwendig.“ Ein Mann will wissen, ob Mitterlehner von den Koalitionären zu einem Vortrag geladen ist. „Nicht direkt von der Regierung“, antwortet dieser. „Ich könnte aber zur nächsten Regierungsklausur kommen.“

Vorerst kommen Leute an Mitterlehners Lesetisch. 75 Bücher hat er mitgebracht. Um eine Widmung ersuchen ihn die meisten, die es kaufen. Der Erlös wird gespendet – einem Mädchen, das schwer behindert ist.