Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 02.06.2019


Innenpolitik

Omas, die auch einmal sehr laut werden können

Sie singen ihr eigenes Protestlied und steigen in der Pension auf Barrikaden: Die Omas gegen Rechts haben keine Lust, ruhig zu sein.

In Tirol gehen die „Omas gegen Rechts“ meist am Sonntag auf die Straße.

© Omas gegen RechtsIn Tirol gehen die „Omas gegen Rechts“ meist am Sonntag auf die Straße.



Carmen Baumgartner-Pötz

Wien – Das Café Dommayer im gutbürgerlichen Hietzing ist gut besucht. Schauspieler sitzen neben Business-Menschen, die in ihre Laptops tippen, Studentinnen vor ihren Büchern – es ist ein bunter Querschnitt durch den Bezirk. Monika Salzer erkennt man gleich am Button auf dem Sakko. „Omas gegen Rechts“ steht schwarz auf weiß darauf. Den Treffpunkt für das Gespräch mit der TT hat Salzer bewusst gewählt: Wie jede Woche muss sie auch an diesem Donnerstagnachmittag einen ihrer Enkel in der Nähe betreuen – typisch Oma halt. Und doch ist Salzer eine ganz besondere Oma: Sie hat im November 2017 auf Facebook eine Gruppe namens „Omas gegen Rechts“ gegründet. Die Geschichte kurz zusammengefasst: Aus einer Handvoll interessierter Frauen im fortgeschrittenen Alter wurde innerhalb von eineinhalb Jahren eine zivilgesellschaftliche Plattform mit enormer Breitenwirkung, über die schon die New York Times und der Sydney Morning Herald berichteten. Auch in Deutschland gibt es mittlerweile Dutzende Oma-Regionalgruppen. Der Terminkalender von Monika Salzer – sie steht neben der ehemaligen ORF-Korrespondentin Susanne Scholl an der Spitze des Vereins – ist dicht vollgekritzelt. Gerade erst ist sie aus Berlin zurückgekommen, wo sie die feministische Plattform Edition F als eine von 25 Frauen, die dieses Jahr die Gesellschaft besonders bewegt haben, ausgezeichnet hat. Regelmäßig nimmt Salzer an Podiumsdiskussionen teil, gibt Interviews – und geht zur Donnerstagsdemo, bei der die Omas mit ihren Strickmützen und einem eigens komponierten Lied einen auffälligen, bunten Block bilden.

„Und jetzt arbeite ich gerade an einem Buch über die Omas gegen Rechts“, erzählt die Psychotherapeutin und ehemalige evangelische Pfarrerin mit einem breiten Lächeln im Gesicht. Die 71-Jährige ist überzeugt: „Das jetzt ist der Job, der mich am glücklichsten macht. Ich bin genau am richtigen Platz, weil ich etwas bewirken kann. Wir sind ein Sprachrohr für Grundrechte und Humanismus.“ Warum sich Salzer in der Pension nicht gemütlich zurücklehnt, sondern viel Zeit und Energie in die „Omas“ steckt? „Ich war immer politisch interessiert, aber nie bei einer Partei. Ich halte zivilgesellschaftliches Engagement für sehr wichtig, weil es das kritische Gegenüber von staatlichen Institutionen ist“, erklärt sie ihre Beweggründe, zu zivilem Ungehorsam gegen Rassismus, Entrechtung und Sozialabbau (Selbstbeschreibung auf Twitter) aufzurufen.

Von ihrer Familie erfährt sie viel Rückhalt. Ihr Mann, ein pensionierter Orthopäde, engagiert sich selbst in der „Fridays for Future“-Bewegung, die sich für den Klimaschutz einsetzt. „So hängt alles zusammen: Rechte Regierungen tun nichts für die Umwelt, siehe Klimawandelleugner Donald Trump“, sagt Salzer. Auch ihre Enkelkinder, drei an der Zahl, sind stolz auf ihre Oma und, wie diese meint, „ziemlich sicher politisiert und sie haben eine gewisse Einschätzungsfähigkeit“. Die Omas gegen Rechts sieht Salzer als Bindeglied zwischen den Generationen: „Wir haben einerseits den Auftrag unserer Eltern, die den Krieg noch erlebt haben. Das darf sich niemals wiederholen“, erklärt sie. „Und unsere Enkelkinder sollen in einer prosperierenden, positiven Welt leben. Was wir wollen, ist der Ausgleich.“

Mit Zuschreibungen wie links und rechts ist Salzer eigentlich nicht besonders glücklich. „Die Realität lautet: für oder gegen Humanismus. Wir sind für ein liberales, demokratisches Miteinander.“ Gegen Konservative habe man überhaupt nichts, die Omas treten dezidiert überparteilich auf. Mit ÖVP-Chef Sebastian Kurz hat Salzer dennoch keine große Freude: „Er hat zu den Ausfällen der Rechten immer geschwiegen, das ist sein Verbrechen. Kurz hätte viel früher die Reißleine ziehen sollen.“ Für den bevorstehenden Wahlkampf befürchtet Salzer, „dass die Rechten grauenhaft auftreten werden“. Sicher ist jedenfalls, dass die Omas gegen Rechts dabei nicht die stummen Zuschauer geben werden.

„Man kann uns nicht wie dumme kleine Mädchen behandeln“ – Monika Salzer hat „Omas gegen Rechts“ gegründet.
„Man kann uns nicht wie dumme kleine Mädchen behandeln“ – Monika Salzer hat „Omas gegen Rechts“ gegründet.
- Glanzl