Letztes Update am Mi, 12.06.2019 10:38

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Reigerungserklärung

Bierlein im Parlament: „Herz der Demokratie schlägt kräftig“

Die neue österreichische Bundeskanzlerin Brigitte Bierlein präsentierte im Nationalrat ihre Vorstellungen für die Periode bis zur Neuwahl. Die Regierung sei weder direkt noch indirekt gewählt und werde die Aufgaben entsprechend interpretieren. Durchblicken ließ die Kanzlerin, dass sie sich einen früheren Wahltermin gewünscht hätte.

Brigitte Bierlein stand als erste Bundeskanzlerin Österreichs vor den Abgeordneten.

© APABrigitte Bierlein stand als erste Bundeskanzlerin Österreichs vor den Abgeordneten.



Wien – Die Anfang Juni angelobte Übergangsregierung hat sich am Mittwoch dem Parlament vorgestellt. In ihrer Regierungserklärung gelobte Bundeskanzlerin Brigitte Bierlein, für Verlässlichkeit stehen und um Vertrauen werben zu wollen. Sie betonte die Menschlichkeit und das Miteinander als „gute österreichische Tradition“. Leise Kritik äußerte sie am Wahltermin erst Ende September.

„In diesem Hohen Haus schlägt das Herz der österreichischen Demokratie, und, meine sehr geehrten Damen und Herren, dieses Herz schlägt lebendig und kräftig“, lobte die erste Bundeskanzlerin der Republik die Abgeordneten. Die Bundesregierung sei im Gegensatz zu diesen weder direkt noch indirekt gewählt. Entsprechend anders als die bisherigen Regierungen definierte sie ihre Aufgaben.

Man habe kein Programm abzuarbeiten, keine Wahlversprechen zu erfüllen oder auf tagespolitische Ereignisse zu reagieren, aber Stabilität und Sicherheit zu gewährleisten. Es gehe um Handlungsfähigkeit und die Garantie aller Dienstleistungen für die Bürger, so die neue Bundeskanzlerin. Initiativen werde man nur einbringen, wenn es darum gehe, Schaden von der Republik abzuhalten.

Bierlein hätte sich frühere Wahl gewünscht

„Wir dienen in erster Linie den Menschen in diesem Land und respektieren die besondere Verantwortung von Ihnen als gewählte Abgeordnete“, sagte Bierlein. Als Exekutive werde die Regierung die Beschlüsse der Angeordneten nach bestem Wissen und Gewissen vollziehen.

Bezüglich der Beendigung der Gesetzgebungsperiode bat die Bundeskanzlerin die Abgeordneten, alle Vorkehrungen „rasch und gemeinschaftlich“ zu treffen, um einen Wahltermin festlegen zu können. Wie der Bundespräsident hätte sie sich einen früheren Wahltermin gewünscht, sagte sie angesichts des mit der Mehrheit von SPÖ und FPÖ angestrebten 29. September, „aber wir respektieren natürlich die Entscheidungen der Abgeordneten“.

Um Einigkeit bat Bierlein auch bei der Auswahl eines österreichischen Kandidaten für die EU-Kommission. Für eine gemeinsame gute Entscheidung im Interesse Österreichs zeigte sie sich auch hier zuversichtlich.

Van der Bellen „umsichtig“ und „ruhig“

Mit Dank für sein „umsichtiges, ruhiges und vertrauensvolles Vorgehen“ bedachte sie Bundespräsident Alexander Van der Bellen. Wie dieser erinnerte sie bei allen Unterschieden der politischen Einstellung, der Herkunft, der Religion, der Geschlechter oder der sexuellen Orientierung an das verbindende Element der Menschlichkeit. Man solle Feindbilder erst gar nicht entstehen lassen und das Gemeinsame vor das Trennende stellen.

Nach Bierlein ergriff Vizekanzler und Justizminister Clemens Jabloner das Wort. Er sprach von einer zuletzt „heiklen Zeit“, von einer Verfassungs- oder Staatskrise habe allerdings nie die Rede sein können. Die Übergangsregierung sei über den vom Volk gewählten Bundespräsidenten demokratisch legitimiert, ihre Handlungsmöglichkeiten seien aber beschränkt. „Das halte ich auch für richtig und angebracht“.

Die Regierung habe sich das Vertrauen des Nationalrats täglich zu erwerben, daher sei ihm der Austausch mit dem Parlament ein besonderes Anliegen, so Jabloner. Ansonsten stellte er sich vorbehaltlos hinter Bierlein: „Ich identifiziere mich mit jedem Wort, dass die Frau Bundeskanzlerin vor mir gesagt hat.“ (APA)