Letztes Update am Mo, 24.06.2019 14:59

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Innenpolitik

Österreichs Wählerströme der vergangenen 100 Jahre rekonstruiert

Bei der Nationalratswahl 2002 gab es den bisherigen Wählerstrom-Rekord, bei den Nicht- und Wechselwählern gibt es einen kontinuierlichen Anstieg. Dies zeigt eine umfangreiche Analyse von SORA und Haus der Geschichte.

Das Parlamentsgebäude in Wien.

© Thomas BöhmDas Parlamentsgebäude in Wien.



Wien – Das Institut SORA hat die Wählerströme der vergangenen 100 Jahre rekonstruiert. Zu sehen ist das interaktive Modul ab sofort im Haus der Geschichte Österreich (hdgö). Im Herbst soll es auch online zur Verfügung gestellt werden. Die Analyse zeigt unter anderem, dass der Anteil der Stammwähler seit den 1970ern zurückging, während Wechsel- und Nichtwähler einen Aufstieg erlebten.

Das Projekt wurde anlässlich des 100-jährigen Jubiläums der ersten Nationalratswahl am 16. Februar 1919 durchgeführt. Die aufbereiteten Daten werden über ein digitales Modul den Besuchern der Ausstellung „Aufbruch ins Ungewisse – Österreich seit 1918“ im Haus der Geschichte zugänglich gemacht. Nicht nur das Wahlverhalten, auch andere Daten zu den jeweiligen Wahlen wie die Spitzenkandidaten sowie Bild- und Videomaterial rund um den Wahlabend können eingesehen werden.

„Es ist diesem Forschungsprojekt gelungen, eine Lücke zu schließen, indem die Wählerstromanalysen der Ersten und Zweiten Republik rückgerechnet wurden“, stellte hdgö-Direktorin Monika Sommer bei der Präsentation des Projekts am Montag fest. Denn die Wählerströme, also die Wanderungen der Wähler von einer Wahl zur nächsten, lagen bisher nur für die jüngeren Wahlen vor.

Noch bis in die 1970er Jahre weisen die Wählerstromanalysen rund 80 bis 90 Prozent aller Wähler als „konstante Parteiwähler“ aus. Bis zur Nationalratswahl 2017 ging dieser Anteil auf 56 Prozent zurück. Parallel dazu ging auch der Stimmenanteil der seit 1945 dominanten Parteien ÖVP und SPÖ zurück. 1994 erreichten sie erstmals seit Beginn der Zweiten Republik keine Zweidrittelmehrheit.

Wechselwähler-Anteil kontinuierlich gestiegen

In den vergangenen Jahrzehnten gab es dementsprechend einen Anstieg der Wechselwähler. Zwischen den 1950er und den 1980er Jahren lag ihr Anteil relativ niedrig (rund 15 Prozent der Wahlberechtigten). Seither stieg er kontinuierlich an, der Höchststand wurde 2017 mit 37 Prozent erreicht.

Gleichzeitig ist der Anteil der Nichtwähler gestiegen. Gab es 1949 nur fünf Prozent Nichtwähler, bildete diese Gruppe 2013 mit 26 Prozent noch vor den Wählern der stärksten Partei die größte Gruppe.

Der größte Wählerstrom in der Zweiten Republik

Auffallend in Bezug auf die Wählerströme war die Nationalratswahl 2002 nach dem Zerbrechen der ÖVP-FPÖ-Koalition. 630.000 Stimmberechtigte, also die Hälfte der FPÖ-Wähler von 1999, wechselten damals zur ÖVP – der mit Abstand größte Wählerstrom in der Zweiten Republik, wie Corinna Mayerl vom SORA-Institut betonte.

Seit der Wahl zur Konstituierenden Nationalversammlung im Jahr 1919 wurde 26 Mal ein Nationalrat gewählt. Seither haben sich die Wahlberechtigungen fast verdoppelt, von rund 3,5 Mio. 1919 hin zu rund 6,4 Mio. bei der Nationalratswahl 2017. Grund dafür waren sowohl das Bevölkerungswachstum als auch die schrittweise Senkung des Wahlalters.

Projekt soll fortgeführt werden

Das aufwendige Projekt wurde vom Bundeskanzleramt und dem Bildungsministerium gefördert. Der ORF und das Parlament unterstützten das Projekt mit Bild- und Videomaterial aus ihren Archiven.

Es habe sich um ein „nicht geringes Unterfangen“ gehandelt, erzählte SORA-Geschäftsführer Günther Ogris, da die Daten nicht nur eingelesen, sondern auch vergleichbar gemacht werden mussten. Das Projekt soll fortgeführt und mit den Ergebnissen zukünftiger Nationalratwahlen befüllt werden. (APA)

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