Letztes Update am Sa, 13.07.2019 07:24

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Blick von Außen

Polarisierte Republik: Spurensuche mit Erklärungsversuch

Während die neue ÖVP besonders auf dem Land triumphiert, legen Linksparteien in den Städten zu. Was ist der Grund dafür? Eine Spurensuche mit einem Erklärungsversuch.

Es gibt einen wachsenden Zusammenhang zwischen Wohnort, Alter sowie Bildungsstand und Wahlverhalten inÖsterreich.

© iStockEs gibt einen wachsenden Zusammenhang zwischen Wohnort, Alter sowie Bildungsstand und Wahlverhalten inÖsterreich.



Von Johannes Huber

Auch bei der EU-Wahl Ende Mai hat die Volkspartei von Sebastian Kurz triumphiert. Natürlich war er nicht selbst angetreten. Der 32-Jährige hatte sich jedoch plakatieren lassen. Außerdem hatte er die Losung ausgegeben, dass es bei dem Urnengang darum gehe, seinen Kurs auf europäischer Ebene zu stärken. Das Ergebnis ist daher maßgeblich mit ihm verbunden: Die ÖVP legte um fast acht Prozentpunkte zu und kam mit 34,6 Prozent ganz klar auf Platz eins.

Studiert man die Wahlergebnisse sowie die Analysen, die das Wiener Sozialforschungsinstitut SORA erstellt hat, stellt man etwas fest, was den Erfolg nicht schmälert, aber bemerkenswert ist: Besonders stark war die ÖVP auf dem Land und bei den Älteren. Konkret: Erreichte sie in den Städten und in deren Umgebung 30,9 Prozent, so schaffte sie in ländlichen Regionen um die Hälfte mehr (45,1 Prozent). Außerdem: Musste sie sich bei den Wählerinnen und Wählern unter 30 Jahren mit 16 Prozent begnügen, so brachte sie es bei den ab 60-Jährigen auf drei Mal mehr (48 Prozent). Außerordentlich gepunktet hat sie im Übrigen beim Mittelstand nach formaler Bildung. Dazu gehören Leute mit Lehrabschluss oder Absolventinnen und Absolventen einer berufsbildenden mittleren Schule, wie einer Handelsschule. Bei ihnen kam sie laut SORA auf bis zu 49 Prozent.

Damit kein Missverständnis entsteht: Unterschiede hat es immer gegeben. Nicht nur bei der ÖVP, sondern etwa auch bei der SPÖ. Zum einen Teil haben sie sich jedoch verschoben. Arbeiterinnen und Arbeiter sind zum Beispiel schon lange nicht mehr nur „rot“. Zum anderen Teil sind die Unterschiede größer geworden.

Strukturproblem der SPÖ

Um das näher auszuführen, können wir gleich bei der SPÖ bleiben. Sie hat ein echtes Strukturproblem und tut sich nicht nur in der Arbeiterschaft, sondern auch auf dem Land extrem schwer. Dass sie sich bei der Nationalratswahl 2017 unter ihrem damaligen Parteivorsitzenden Christian Kern unterm Strich trotzdem bei 26,9 Prozent halten konnte, hat sie dem Umstand zu verdanken, dass sie in den Städten stärker geworden ist. In Wien hat sie um knapp drei Prozentpunkte auf 34,5 Prozent zugelegt und in Innsbruck die ÖVP sogar überholt bzw. mit 28,3 zu 26,7 Prozent knapp hinter sich gelassen.

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Zum Autor

Johannes Huber lebt in Wien, ist Autor und Journalist und betreibt die Internetseite dieSubstanz.at – Analysen und Hintergründe zur Politik.

johannes.huber@diesubstanz.at

Für die Nachfolgerin von Christian Kern, Pamela Rendi-Wagner, wird sich das kaum wiederholen lassen. Viel eher als die SPÖ entwickeln sich nämlich die Grünen zur Partei, die das Kontrastprogramm zur ÖVP von Sebastian Kurz verkörpert: Bei der EU-Wahl ist sie bei den Älteren verschwindend klein geblieben und gerade einmal auf vier Prozent gekommen. Bei den unter 30-Jährigen war sie laut SORA-Wahltagsbefragung mit 28 Prozent jedoch am erfolgreichsten. Dasselbe gilt für die Gruppe der Frauen und Männer mit dem höchsten formalen Bildungsabschluss: Auch bei den Akademikern ließ sie (mit 30 Prozent) alle anderen Parteien hinter sich. Ihr Gesamtergebnis von 14,1 Prozent ist wiederum darauf zurückzuführen, dass sie in den Städten einen fast doppelt so großen Stimmenanteil erreichte wie auf dem Land.

Machen wir also eine Zwischenbilanz: Es gibt einen wachsenden Zusammenhang zwischen Wohnort, Alter sowie Bildungsstand und Wahlverhalten. Die einen zieht es eher zu Mitte-rechts-Parteien wie der Neuen ÖVP, die anderen wandern eher nach links zu Sozialdemokraten und zunehmend mehr noch zu den Grünen.

Das ist kein Phänomen, das auf Österreich begrenzt ist. Im Gegenteil, in der Schweiz scheint es noch stärker zu sein: „Städte driften nach links“, hat die Neue Zürcher Zeitung (NZZ) vor wenigen Wochen festgestellt. Aufgefallen ist das dem Blatt schon länger, jüngster Anlass war aber eine Volksabstimmung über eine kantonale Sozialhilfe-Kürzung: In den Landgemeinden von Bern votierte eine knappe Mehrheit dafür. Die gleichnamige Hauptstadt gab jedoch den Ausschlag: Hier stimmten gleich drei Viertel dagegen. Gesamtergebnis: Eine Mehrheit verhinderte die Kürzung.

Anziehungskraft der Städte

Die NZZ sieht einen tiefgreifenden soziostrukturellen Wandel, der Städte linksliberaler werden lässt: Sie sind in den letzten Jahren sehr attraktiv geworden, ziehen Leute aus nah und fern an. Auch in Österreich geht das Bevölkerungswachstum vor allem von den prosperierenden Städten aus. Allein Wien hat seit 2010 rund 200.000 Einwohner dazubekommen. Das ist das eine. Das andere ist etwas, was zu einer Vereinheitlichung der Lebensentwürfe und damit auch der politischen Einstellungen führt: In den Städten ist der Anteil der Jungen und der Hochschulabsolventen weit überdurchschnittlich. Da und dort sind das von der Größe her sogar schon bestimmende Bevölkerungsgruppen. In Wien ist das zum Beispiel in Bezirken innerhalb des Gürtels der Fall. Auch in weiten Teilen von Innsbruck ist das so. Die politischen Folgen kann man daraus ablesen, dass es im ersten Fall grüne Bezirksvorsteher gibt und im zweiten Fall einen grünen Bürgermeister (Georg Willi). Beides kommt nicht von irgendwo.

Umgekehrt herrscht im ländlichen Österreich kaum Wachstum, sondern oft sogar Bevölkerungsrückgang. Konsequenz: Weniger Junge bleiben in einem Umfeld zurück, in dem es ohne Fachhochschulen und Universitäten von vornherein schlechtere Aussichten gibt, auf der Ausbildungsleiter über Lehre oder Matura hinauszukommen. Wobei an dieser Stelle eines betont werden muss: Das sagt nichts darüber aus, dass das schlechtere oder bessere Menschen wären. Der Punkt, um den es hier geht, ist vielmehr, dass es einen gewissen Zusammenhang gibt zwischen dem Bildungsstand nach formalen Kriterien und der politischen Orientierung. Genauso wie ein solcher Zusammenhang zwischen Alter und Wohnort existiert. Das ist alles.

Warum aber ist das so? Der Sozialforscher Christoph Hofinger (SORA) sieht unterschiedliche Weltbilder und erinnert dazu an die Klassifizierung, die der amerikanische Sprachforscher David Lakoff vorgenommen hat. Lakoff ist aufgefallen, dass Rechte und Linke häufig aneinander vorbeireden. Sprich: Sie verstehen einander nicht, wenn es politisch wird. Dann ist jede Debatte von vornherein zum Scheitern verurteilt. Die Rechten sind laut Lakoff vom Erziehungsmodell des „strengen Vaters“ geprägt, die Linken von dem der „fürsorglichen Eltern“. „Strenger Vater“ steht etwa für Unterordnung und Gehorsam, „fürsorgliche Eltern“ für Bestärkung sowie Förderung des Selbstwertgefühls.

Streng kontra fürsorglich

Aus der praktischen Politik lassen sich viele Beispiele herausgreifen, die zeigen, dass Parteien entweder das eine oder das andere Weltbild ansprechen. Wenn es um Zuwanderung geht, verfolgte die ÖVP mit ihrem Koalitionspartner in den vergangenen eineinhalb Jahren nicht nur einen restriktiven Kurs, sie unterstrich das auch dadurch, dass sie Linken unterstellte, eine Willkommenskultur zu propagieren. Oder bei der Mindestsicherung: Schwarz-Blau ortete „Zuwanderung ins Sozialsystem“ und antwortete mit Kürzungen darauf, während Sozialdemokraten und Grüne eine Beibehaltung der Leistungen verlangten. Oder bei den Schulschwänzern: Die einen griffen zu Sanktionen, während die anderen forderten, mit den Betroffenen zu reden und zu schauen, wie man die Probleme gemeinsam lösen könnte.

Die Flüchtlingskrise hat dazu geführt, dass in der österreichischen Politik verstärkt mit diesen Weltbildern gearbeitet wird. Anders ausgedrückt: Die bisherigen Wahlerfolge von Sebastian Kurz lassen sich nicht ohne die Strenge erklären, die er gegenüber Fremden demonstriert, und den enormen Zuspruch, den er dafür bei Wählern erhält, die älter sind und oft auf dem Land leben; dort ist dieser Zugang ganz offensichtlich verbreiteter. Genauso wie es kaum ein Zufall ist, dass die Grünen, die inhaltlich das größte Kontrastprogramm verkörpern und für die „fürsorglichen Eltern“ stehen, besonders in den Städten punkten, wo viel mehr Junge und Akademiker leben; sie teilen dieses Weltbild eher.


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