Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 17.07.2019


Innenpolitik

Ärztemangel: „Zahnarzt soll für Kinder gratis sein“

Für Andreas Huss, Vizeobmann der Österreichischen Gesundheitskasse, ist Schweden in der Sache Vorbild.

Flächendeckendes Kinderzahnprogramm und höhere Honorare sollen Mediziner-Mangel abfedern.

© dpa-ZentralbildFlächendeckendes Kinderzahnprogramm und höhere Honorare sollen Mediziner-Mangel abfedern.



Von Serdar Sahin

Wien – Gesundheitsexperten warnen: Der bereits bestehende Ärztemangel wird sich aufgrund der bevorstehenden Pensionierungswelle der „Baby Boomer“-Generation in den kommenden Jahren dramatisch zuspitzen. Schon heute sind laut Angaben der Österreichischen Ärztekammer 68 Kassenstellen für Allgemeinmedizin nicht besetzt.

„Wir haben erst vergangenes Jahr neue regionale Strukturpläne für die niedergelassene Arztversorgung beschlossen – das werden wir in den nächsten Monaten umsetzen“, sagt der Arbeitnehmervertreter und Vizeobmann der Österreichischen Gesundheitskasse (ÖGK) Andreas Huss. Dann sei zu eruieren, wo Stellen besetzt bzw. unbesetzt seien, um auf Versorgungslücken speziell in den Regionen zu reagieren, erklärt er im TT-Gespräch.

Bereits jetzt hat Huss konkrete Vorstellungen, wie man dem Mangel an Zahnärzten begegnen könnte. Es sei nicht sinnvoll, nur höhere Honorare zu zahlen – das würde an der Zahngesundheit der Kinder nichts ändern. Sein Vorbild ist das schwedische Modell. Dort seien Prävention und Behandlung bis zum Alter von 23 Jahren kostenlos, sagt Huss. „Das könnten wir uns auch in Österreich vorstellen – wir würden das gern mit der Zahnärztekammer verhandeln“, sagt der ÖGK-Vizeobmann. „Durch regelmäßige Untersuchungen kann eine frühzeitige Erkennung und anschließende Behandlung bei Komplikationen mit den Zähnen erfolgen, wodurch Behandlungskosten infolge einer späten Diagnose abgefedert werden.“

Den Mehraufwand bei kompletter Kostenübernahme im Bereich der Zahnmedizin bei Kindern und Jugendlichen beziffert Huss mit 85 bis 125 Millionen Euro – je nachdem, ob bis 18 oder 23 Jahren behandelt wird. In Schweden hätten weniger als zehn Prozent der unter 23-Jährigen Karies, in Österreich seien 45 Prozent der Kinder davon betroffen, sagt Huss. „Wir müssten in die Kinderzähne mehr investieren, um uns bei den Erwachsenen das Geld zu sparen.“

Und wie soll damit der Mangel an Kassenzahnärzten behoben werden? Vor allem auf dem Tiroler Land ist das ein drängendes Problem. Huss sieht hier ein Zusammenspiel von höheren Honoraren und einem „flächendeckenden Kinderzahnprogramm“. Nur wenige Eltern würden dann zum Wahlarzt gehen, wenn die Behandlung beim Kassenarzt kostenlos sei. „Dann werden mehr Zahnärzte Interesse daran haben, einen Kassenvertrag einzugehen.“