Letztes Update am Fr, 26.07.2019 07:08

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


NR-Wahl

NEOS-Kandidat Brandstätter als Lockangebot für Bürgerliche

Die NEOS versuchen, mit Helmut Brandstätter Christlich-Soziale für sich zu gewinnen. Trotz heftiger Kritik an der ÖVP wird eine Koalition mit ihr nicht ausgeschlossen.

Brandstätter wurde am Donnerstag offiziell als NEOS-Kandidat präsentiert.

© APABrandstätter wurde am Donnerstag offiziell als NEOS-Kandidat präsentiert.



Von Karin Leitner

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Wien – Helmut Brand­stätter steht neben Beate Meinl-Reisinger – nicht um sie zu interviewen. Er hat die Rolle gewechselt. Brandstätter ist nicht mehr Journalist, er ist Wahlkämpfer. Wie von der TT berichtet, tritt er für die NEOS bei der Nationalratswahl an.

In einem Hotel der Caritas, in dem auch Flüchtlinge arbeiten und ausgebildet werden, präsentiert ihn die Obfrau der Pinken. „Das ist ein bewusstes Zeichen“, sagt sie. Sie wolle nicht in einem Land leben, in dem Hilfsorganisationen diffamiert werden.

„Zukunftspartnerschaft“ nennt sie das, was ihre Partei und Brandstätter nun verbindet. Platz 2 auf der Bundesliste für die Wahl ist an den einstigen ORF-Mann, Unternehmer und Kurier-Herausgeber vergeben worden – via „Wild Card“, die die Pinken für Polit-Quereinstiger vorgesehen haben. Ein Mandat im Hohen Haus ist dem 64-Jährigen damit sicher.

Als idealer Mitstreiter wird Brandstätter von Meinl-Reisinge­r qualifiziert. „Von A bis Z“ sei er das. „Von Anstand bis Zukunft.“ Einen Individualisten, „der Ecken und Kanten hat“, nennt sie ihn – wohl wissend, dass es Brandstätter an Selbstbewusstsein nicht mangelt. Er trete „leidenschaftlich für die Grundpfeiler der liberalen Demokratie ein – Pressefreiheit, Meinungsfreiheit. Und für Menschlichkeit“, sagt sie – auch auf das Buch verweisend, das er tags davor vorgestellt hat („Kurz & Kickl – ihr Spiel mit Macht und Angst“). Brandstätters Befund über die vormaligen Regierenden – ÖVP und FPÖ – decke sich mit dem der NEOS.

Dass mit dem Bürgerlichen Brandstätter auf Wähler gezielt wird, die enttäuscht sind von Sebastian Kurz und den Seinen, sagt Meinl-Reisinger nicht direkt. Sie formuliert es so: Es gebe viele Menschen „in der politischen Mitte“, die sich „verlassen, verraten“ fühlten, auch „angewidert“ seien, „die sich Besseres von der Politik erwarten“.

Jetzt ist Brandstätter am Wort. Er singt erwartungsgemäß ein Loblied auf seine neuen beruflichen Weggefährten. Bei der Sitzung des erweiterten NEOS-Vorstands, am Abend zuvor sei er gewesen. „Wir haben zwei Stunden lang über Sachthemen geredet.“ Das habe ihn davon überzeugt, dass es richtig sei, sich zu den Pinken zu gesellen. „Nicht Show und Spin“ gebe es bei diesen.

Den NEOS zugetan ist er seit Längerem. Ende Februa­r habe der damalige FPÖ-Innenminister Herbert Kickl darauf gedrängt, potenziell gefährliche Asylwerber in Sicherungshaft zu nehmen – „nach dem Motto ,Einer gefällt uns nicht, den sperren wir ein‘“, sagt Brandstätter. „Die ÖVP hat – wie so oft – abgenickt, die SPÖ hat diskutiert, was sie machen soll. Von den NEOS habe ich in der Sekund­e gehört: Das widerspricht dem Rechtsstaat. Das hat mir Hoffnung gemacht.“

Immer wieder kommen von Brandstätter derlei verbale Spitzen gegen Kurz’ Partei. Wie Meinl-Reisinger befindet er: „Ich möchte nicht in einem Land sein, in dem großartige Einrichtungen wie die Caritas, das Rote Kreuz und die Diakonie heruntergemacht werden von der einen politischen Seite – und die andere nickt zustimmend. Noch dazu eine, die sich früher als christlich-sozial bezeichnet hat.“

Schließt er ob seiner harschen Kritik an der ÖVP diese als Regierungspartner der NEOS aus? Oder kann er sich einen Pakt mit ihr vorstellen? Wenn ja, wäre er in einer solchen gerne Kultur- und Medienminister? Auf diese Fragen reagiert Brandstätter wie viele, die schon lang in der Politik zugange sind. Er weicht beredt aus. „Natürlich stärker werden“ sollten die NEOS; auch das Parlament gehöre gestärkt. Nur auf eines – und das ist Parteilinie – legt er sich fest: Eine Koalition mit der FPÖ sei „­ausgeschlossen“.

Inhaltlich will sich Brandstätter vor allem den Belangen Wissenschaft und Forschung widmen. Nach der Wahl werde entschieden, wofür er formal zuständig sein werde, sagt Meinl-Reisinger. Eines stellt sie aber klar: Die Medienagenden seien Chefinnen-Sache, also ihre; und das würden sie bleiben.

Hat Brandstätter vor, eine gesamte Legislaturperiode, also fünf Jahre, im Hohen Haus zu bleiben? Sofern dem nichts Persönliches entgegenstehe, ja. „Ich war vor Kurzem wieder bei einer Gesundenuntersuchung. Die Ärzte waren begeistert. Ich habe Werte wie ein junger Bursch.“