Letztes Update am Sa, 10.08.2019 10:36

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Ibiza-Affäre

Erster TV-Auftritt nach Rücktritt: Strache wirft Kurz Wortbruch vor

Nach dem Rücktritt kommt nun der Kampf um die Deutungshoheit: In seinem ersten TV-Interview seit seinem Rücktritt äußert sich der ehemalige Vizekanzler Strache in einem russlandnahen Sender kritisch gegenüber seinem Ex-Regierungspartner. Kurz habe ihn hintergangen und ein Versprechen gebrochen.

Fühlt sich von seinem ehemaligen Koalitionspartner im Stich gelassen: Heinz-Christian Strache.

© YouTube/ScreenshotFühlt sich von seinem ehemaligen Koalitionspartner im Stich gelassen: Heinz-Christian Strache.



Wien – Der ehemalige FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache hat in seinem ersten TV-Interview seit der Veröffentlichung des Ibiza-Videos Ex-Kanzler Sebastian Kurz Wortbruch und Kalkül vorgeworfen. Kurz habe ihm „zugesichert und das Wort gegeben“, dass er die rechtskonservative Regierung fortsetzen werde, sollte Strache als Vizekanzler zurücktreten. Das sagte Strache dem deutschen Ableger von Russia Today.

Strache trat am 18. Mai mittags zurück. Erst danach habe Kurz die Forderung aufgestellt, dass nun auch FPÖ-Innenminister Herbert Kickl, während der Entstehung des Ibiza-Videos Generalsekretär der Partei, sein Amt abgeben müsse.

„Das zeigt durchaus auch, dass hier auch jemand versucht hat strategisch Kapital aus dem Video zu schlagen“, sagt Strache in Richtung ÖVP.

„Habe mit illegalen Drogen nichts zu tun“

In dem fast einstündigen Interview machte Strache zudem deutlich, dass er in der folgenreichen Nacht auf Ibiza keine Drogen konsumiert habe, wie dies von einigen Medien spekuliert wurde. „Ich habe zeit meines Lebens mit illegalen Drogen nichts zu tun gehabt“, sagte Strache dem Sender. Auch von anderen seien bei dem Treffen auf Ibiza keine Drogen konsumiert worden. „Hätte ich das gesehen, wäre ich aufgestanden und gegangen, spätestens dann.“

Strache: Unternehmer bot 2015 eine Million für meinen politischen Kopf

Er selbst vermutet hinter dem Video einen größeren Investor, der als Auftraggeber für die bereits bekannten mutmaßlichen Hintermänner fungierte. Zusätzlich deutete er auch ein großes politisches Interesse an. Man habe dadurch versucht ihn zu Fall zu bringen, was letztendlich auch gelang.

Weiters deutete Strache an, dass ein „prominenter österreichischer Unternehmer“ bereits 2015 eine Million Euro auf seinen „politischen Kopf“ geboten habe. „Er hat gute Kontakte zu den NEOS, zur ÖVP und er hat den Präsidenten zu Treffen mit iranischen Politikern begleitet. Das ist also jemand, der Einfluss hat“, spekuliert Strache.

Politisches Comeback nach Aufklärung wahrscheinlich

Ein politisches Comeback schließt der Ex-FPÖ-Chef weiterhin nicht aus. Allerdings betont Strache, dass dies erst nach der Aufklärung des Ibiza-Videos erfolgen soll. Von diesen schleppend laufenden Ermittlungen zeigte er sich allerdings enttäuscht: Ich glaube das solche Vorgehensweisen (das heimlich gefilmte Ibiza-Video, Anm. d. Red.) in einem Rechtsstaat zutiefst abzulehnen sind und auch schon aus diesen rechtsstaatlichen Kriterien heraus ein Interesse daran bestehen sollte, alles restlos aufzuklären. Die politischen Verantwortungsträger würden den Eindruck vermitteln, dass sie „die Aufklärung nicht interessiert“.

Bereits im Juni hatte Strache ein knapp zehn Minuten dauerndes Video auf seiner Facebookseite veröffentlicht, in dem er seine Ablehnung des errungenen Mandats für das Europaparlament erklärt. In dem Video sagte er auch: „Ich werde mich nicht zurückziehen, mich auch nicht verstecken.“ Im Nationalratswahlkampf unterstützt Strache seine Frau Philippa, die auf dem dritten Platz der Wiener FPÖ-Landesliste kandidiert. Zu den Terminen will ihr Gatte sie begleiten und sie promoten. Laut Medienberichten nutzte Strache sogar seine Kontakte und bot Journalisten per SMS Interview-Termine mit Philippa an.

Schredder-Affäre: Kurz nicht unwissend

Auch zur Schredder-Affäre der ÖVP nahm Strache gegenüber Russia Today Stellung. So glaube er nicht, dass Kurz nichts über die geschredderten Festplatten gewusst habe. In den letzten Jahren der Zusammenarbeit habe er mitbekommen, dass nichts ohne dem Wissen des Ex-Kanzlers geschah.

Auslöser der Regierungskrise war das von Spiegel und Süddeutscher Zeitung am 17. Mai veröffentlichte Ibiza-Video. Die Aufnahmen zeigen, wie sich der damalige FPÖ-Chef Strache auf der Baleareninsel mit einer vermeintlichen russischen Oligarchen-Nichte über möglicherweise illegale Parteispenden und Formen der politischen Einflussnahme unterhält.

Straches Rücktritt hatte eine politische Kettenreaktion zur Folge. Letztlich musste auch Innenminister Kickl sein Amt verlassen, sämtliche FPÖ-Minister traten dann aus Solidarität zurück. ÖVP-Bundeskanzler Kurz und die anderen Minister der Partei wurden per Misstrauensvotum des Parlaments aus ihren Ämtern gedrängt. Am 29. September finden Neuwahlen statt, bis dahin führt ein Expertenkabinett rund um Kanzlerin Brigitte Bierlein die Regierungsgeschäfte. (TT.com, dpa)