Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 21.08.2019


Gesundheitsgespräche beim Forum Alpbach

24,6 Milliarden Euro: Spitalskosten dürften sich bis 2030 verdoppeln

Die Gesundheitspolitik will Patienten von den Spitalsambulanzen in den niedergelassenen Bereich verlagern. Nun warnen Experten, dass sich die Spitalskosten auf 24,6 Milliarden Euro verdoppeln könnten.

Der Patientenstrom soll sich Richtung niedergelassener Bereich verschieben. Dort sind Kassenärzte systemerhaltend. Wahlärzte sind laut Hauptverband wenig versorgungsrelevant und behandeln unter zehn Prozent der Fälle.

© KeystoneDer Patientenstrom soll sich Richtung niedergelassener Bereich verschieben. Dort sind Kassenärzte systemerhaltend. Wahlärzte sind laut Hauptverband wenig versorgungsrelevant und behandeln unter zehn Prozent der Fälle.



Alpbach – Die Gesundheitsgespräche gestern in Alpbach waren teils starker Tobak. Am Vormittag stellten die Wiener Gesundheitsökonomen Maria Hofmarcher und Christopher Singhuber in einem neuen Projektbericht mit Unterstützung von Philips Austria fest, dass sich die Spitalsausgaben in Österreich bis 2030 verdoppeln dürften. Die Aufwendungen pro Kopf würden von 1452 Euro heute auf 2780 Euro pro Kopf steigen, meinten die beiden Experten.

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In Summe ergibt das einen Anstieg von 12,8 Milliarden Euro auf 24,6 Milliarden im Jahr 2030. Österreich hat im europäischen Vergleich zu viele Spitalsbetten. In Schweden kommen auf 1000 Einwohner 2,3 Spitalsbetten, in Österreich sind es 7,4 Betten. Die Politik versucht, Betten abzubauen, scheitert aber oft vor allem auf kommunaler Ebene und auch auf Landesebene am Protest der Bevölkerung.

Die Studienautoren Hofmarcher und Singhuber machen für die Kostenexplosion im Spitalsbereich die fehlenden politischen Strategien und wenig öffentlich zugängliche Informationen als Mitursachen aus. „Versorgung, Verantwortlichkeiten und Finanzierung müssen dringend bundesländerübergreifend aufeinander abgestimmt werden.“ Insgesamt sei in der Gesundheitspolitik der Umbau der Finanzierung mit mehr Transparenz wichtiger als der Umbau der „Kassenlandschaft“.

In Österreich wird der niedergelassene Bereich von der Sozialversicherung bezahlt, die Spitäler mehrheitlich von den Ländern. Das führt dazu, dass Patienten zwischen den Finanziers Bund und Länder hin und her geschoben werden. Seit Langem fordern Experten eine Finanzierung des Gesundheitssystems aus einer Hand.

Zu Mittag in Alpbach trafen sich der Chef des Hauptverbandes der Sozialversicherungsträger, Alexander Biach, der Wiener Gesundheitslandesrat Peter Hacker (SPÖ) und sein steirisches Pendant, Christopher Drexler (ÖVP), bei einer Pressekonferenz. Die Finanzierung aus einer Hand sehen Biach und Drexler gar nicht so sehr als Allheilmittel. „Ich möchte dem Mythos widersprechen, dass durch eine Finanzierung aus einer Hand im Gesundheitssystem alles gut wäre“, meinte Drexler. Die Hauptsache sei, dass die handelnden Akteure sich gut abstimmen würden. „Da haben wir viel verbessert und wir ziehen da an einem Strang.“ Diese Einschätzung teile er 1:1, meinte Biach. „Es geht nicht um die Machtfrage, wer von den Finanziers sich durchsetzt. Das ist vollkommen egal.“ Es gehöre gemeinsam gemacht, geplant und gesteuert, sagte Biach. „Das macht die Bundeszielsteuerungskommission.“ Weder Biach noch Drexler gehen davon aus, dass es in zehn Jahren eine Finanzierung des Gesundheitssystems aus einer Hand geben werde.

Daran festhalten und daran glauben will hingegen Wiens Gesundheitslandesrat Peter Hacker. Der Fortschritt der Medizin, in der heute viel mehr ambulant gemacht werden könne, erfordere ohnehin ein Umdenken. „Bombenwurf“ brauche es keinen. „Es kann nicht mehr angehen, dass sich der eine Systempartner ins Fäustchen lacht, weil der andere Systempartner mehr zahlen muss.“

Nachmittags wurde in Alp-bach noch über Künstliche Intelligenz und deren Einfluss in der Medizin diskutiert. Die Digitalisierung sei bereits in der Medizin verankert, dass jedoch Ärzte zur Gänze ersetzt werden könnten, glaubte in Alpbach keiner. Daten seien kein Wissen und keine Erfahrung, aber eine Unterstützung, so der Tenor. Abends in Alpbach ließ man die Gesundheitsgespräche gemütlich ausklingen. (aheu, APA)

Arzt am Telefon soll überweisen

Wer trotzdem in der Spitalsambulanz landet, müsse selber zahlen, meint Hauptverbands-Chef Alexander Biach.

Wenn sich die Spitalskosten tatsächlich bis 2030 verdoppeln, was bedeutet das für die Sozialversicherung?

Alexander Biach: Die Spitäler werden zu 60 Prozent über Steuer- und zu 40 Prozent über Sozialversicherungsbeiträge finanziert. Der niedergelassene Bereich wird komplett durch die Sozialversicherung finanziert. Wir zahlen einen Pauschalbetrag an die Spitäler, der valorisiert und dem Beitragswachstum angeglichen wird. Diese Deckelung stellt sicher, dass der niedergelassene Bereich dauerfinanziert ist. Trotzdem hat mich die Studie alarmiert.

Weil sie zeigt, dass die Gesundheitspolitik zwar die Spitalsambulanzen entlasten will, es aber nicht funktioniert.

Biach: Ein Spitalstag kostet 850 Euro, ein Behandlungsfall beim niedergelassenen Arzt 58 Euro. Wenn die Verlagerung der Patienten gelingt, dann muss man den niedergelassenen Bereich finanziell besser ausstatten und dann will ich auch nicht mehr so viel Geld in den Spitalsbereich stecken.

Wären Sie dafür, eine neue Form der Ambulanzgebühr einzuführen?

Biach: Wir haben heute andere technische Mittel. Wir haben dieses Gesundheitstelefon mit der Nummer 1450, das jetzt auf ganz Österreich ausgerollt wird. Dann kann ich mir vorstellen, wenn man ein bisschen Mut hat, mehr in die Richtung der Schweiz zu gehen. Dort muss man am Gesundheitstelefon anrufen und dort sitzt ein Arzt und sagt dem Patienten, was am besten zu tun ist, zu welchem Arzt er am besten geht. Wenn der dann trotzdem ins Spital geht, obwohl er telefonisch eine andere Überweisung bekommen hat, dann muss man dem Patienten sagen, dass er zahlen muss.

Der soll dann eine Ambulanzgebühr oder die gesamte Behandlung zahlen.

Biach: Eine Ambulanzgebühr wird politisch nicht machbar sein. Wir sollten das nutzen, was wir per Telefon zugewiesen bekommen, und wenn jemand dieses Angebot nicht nutzt, muss klar sein, dass das kostet.

Die Zahl der Kassenärzte ist in den letzten Jahren mit 7500 fast gleich geblieben, die der Wahlärzte auf mehr als 10.000 gestiegen. Wie wollen Sie gegensteuern?

Biach: Zuerst muss man sich anschauen, wie viele Fälle die Wahlärzte abarbeiten. Im Spital und außerhalb sind das gerade einmal fünf Prozent der Fälle. Die Versorgungsrelevanz der Wahlärzte ist also gering. Das liegt an den sehr begrenzten Öffnungszeiten der Ordinationen. Viele Wahlärzte arbeiten hauptsächlich im Spital und nebenbei in ihrer Ordination. Wir haben genug Ärzte. Wir müssen nur versuchen, sie für Kassenstellen zu interessieren.

Wie wollen Sie das schaffen?

Biach: Durch bessere Arbeitszeitmodelle, und künftig können Ärzte Ärzte anstellen. Das ist endlich gelungen. Der Verdienst der Kassenärzte ist besser als der der Wahlärzte.

Das Gespräch führte Anita Heubacher


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