Letztes Update am Sa, 24.08.2019 10:20

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


TT-Interview

Barbara Neßler (Grüne) im Interview: „Vielleicht waren wir zu abgehoben“

Barbara Neßler (28) ist Spitzenkandidatin der Tiroler Grünen für die Nationalratswahl. Über ihren „Wow“-Moment, fehlende Fantasie für Türkis-Grün und das Oberlehrer-Image.

Die Tiroler Grünen-Spitzenkandidatin Barbara Neßler  im TT-Chat.

© Foto TT/Rudy De MoorDie Tiroler Grünen-Spitzenkandidatin Barbara Neßler im TT-Chat.



Sie sind erst seit 2018 Gemeinderätin in Innsbruck. Nach etwas mehr als 15 Sitzungen haben Sie bereits genug von der Kommunalpolitik?

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Barbara Neßler: Ich mag die kommunale Ebene schon sehr. Weil es eben einen direkten Kontakt zu den Menschen gibt. Aber für mich ist der Nationalrat spannender, weil es inhaltlich ganz andere Themen sind. Der Spielraum in Bildungs- oder Jugendfragen ist im Gemeinderat sehr begrenzt. Im Nationalrat kann man mehr bewirken.

Kritiker Ihrer Person – auch parteiintern – haben bereits vor Ihrer Kandidatur zum Gemeinderat gemutmaßt, dass es Sie in Wahrheit nur nach Wien zieht.

Neßler: Das stimmt doch nicht. Ich konnte doch nicht wissen, dass Türkis-Blau sich in die Luft sprengt.

Das parteiinterne Duell um diese Spitzenkandidatur haben Sie nur mit drei Stimmen Überhang gewonnen. Nach einem großen Vertrauensvorschuss schaute das nicht aus.

Neßler: Bei uns gibt es keine Hinterzimmerdeals, keine Absprachen vorab oder Vorstandsbeschlüsse. Bei uns wird gewählt und da kann alles passieren. Ich bin 28 Jahre alt und darf Spitzenkandidatin sein – das ist für mich schon: Wow!

Der Wiedereinzug der Grünen dürfte Umfragen zufolge mehr als fix sein und somit wohl auch zumindest ein Mandat für die Tiroler Grünen, also Sie. Werden Sie trotzdem im Innsbrucker Gemeinderat bleiben?

Neßler: Sicher ist der Wiedereinzug nicht. Wir starten bei 3,8 Prozent. Auch 2017 hätten wir laut den Umfragen nicht aus dem Parlament fliegen dürfen. Ich werde aber mein Gemeinderatsmandat abgeben. Beides wird sich nicht ausgehen. Ich kann mir aber schon vorstellen, weiter Bezirkssprecherin zu bleiben. Ich möchte den Bezug zu Tirol halten. Ich werde pendeln.

Gerade die fehlende Tirol-Nähe hat man Ihrer Vorgängerin Berivan Aslan vorgehalten. Werden Sie sich mehr für Tiroler Anliegen in Wien einsetzen?

Neßler: Ich bin eine Team­playerin. Die gute Verbindung nach Tirol ist mir wichtig.

Mit welchen Zielen gehen Sie in den Nationalrat?

Neßler: Im Klimaschutz muss etwas weitergehen. Bei der Klimabilanz ist Österreich Schlusslicht. Auch leistbares Wohnen ist gerade für Tirol sehr wichtig. Man muss die jungen Leute in vielen Bereichen mehr miteinbinden. Im Bildungsbereich ist unter Türkis-Blau vieles zurückgeworfen worden. Es braucht politische Bildung bereits ab der fünften Schulstufe.

Würde die politische Landschaft anders aussehen, wenn es mehr politische Bildung gäbe?

Neßler: Es ist kein Geheimnis, dass gerade die FPÖ im Bildungsbereich nicht bemüht ist, dass viel weitergeht.

Gerade beim Klimaschutz wurde den Grünen vorgeworfen, noch vor Jahren zu sehr als Oberlehrer aufgetreten zu sein. Grünen-Landeschefin Ingrid Felipe hat sogar davor gewarnt, wieder in dieses Muster zurückzufallen. Wie wollen Sie das sicherstellen?

Neßler: Ich verstehe diesen Vorwurf. Wir waren vielleicht zu abgehoben. Ich mag generell nicht, wenn moralisiert wird. Ich bin nicht in die Politik gekommen, um irgendwem die Welt zu erklären. Ich bin in einem Dorf mit 350 Einwohnern aufgewachsen. Da lernt man, am Stammtisch zu diskutieren und läuft nicht Gefahr, abgehoben zu sein. Man läuft aber in der Politik Gefahr, zu verhärten. Das soll nicht passieren.

Sie fordern einen kompromisslosen Einsatz für den Klimaschutz, Felipe sagt, Klimaschutz braucht auch Kompromisse. Was jetzt?

Neßler: Man kann kompromisslos für eine Sache eintreten, aber genauso andere mitnehmen. Das schließt sich nicht aus.

Eine ökosoziale Steuerreform ist derzeit in vieler Munde.

Neßler: Eine sozial-ökologische Steuerreform muss kommen. Denn derzeit wird belohnt, wer in Klimafragen möglichst rücksichtslos agiert. Das wollen wir ändern. Mit den acht Milliarden aus einer CO2-Steuer kann ein Ökobonus – 500 Euro pro Person – wieder den Haushalten zurückgegeben werden. So wird klimafreundliches Handeln belohnt.

Mit der Forderung nach einer Alpentransitbörse wurden die Grünen in der Vergangenheit belächelt. Jetzt fordert das sogar Wirtschaftskammerchef Walser, also die ÖVP. Schmerzt das oder freut das einen?

Neßler: Aus Sicht eines Wählers: Hole ich mir einen Handwerker ins Haus, der bereits 30 Jahre Erfahrung hat, oder einen, der erst heute draufgekommen ist, Handwerker zu sein? Die Grünen wissen sicher nicht immer alles besser, aber im Klimaschutz macht uns niemand etwas vor.

Walser will die Transitbörse bis 2027 haben. Ist das realistisch?

Neßler: Alles, was mit Klimaschutz zu tun hat, muss rasch umgesetzt werden.

Geradlinigkeit haben Sie von den Grünen gefordert – wo bleibt diese bei Themen wie Seilbahngrundsätze, Busparkplatz oder Gletscher-Ehe? Überall da haben die (Landes-)Grünen Kompromisse gemacht.

Neßler: Ich möchte jetzt nicht Stellung zu kommunalen oder Landesthemen beziehen. Mir geht es um Anstand und Transparenz: Da waren wir immer geradlinig. Ibiza, Großspenden – da geht es schon um die Frage, inwieweit man sich noch auf Demokratie und Rechtsstaatlichkeit verlassen kann. Bei Sebastian Kurz ist für mich der Lack ab. Darunter kommt weder Anstand noch Ehrlichkeit zum Vorschein.

Was spricht denn generell gegen Spenden an Parteien, unter der Voraussetzung, diese werden gemeldet und sind transparent?

Neßler: Ich kann mir als Bürger nicht sicher sein, ob mit Großspenden Gegenleistungen verbunden sind. Das macht immer ein schlechtes Bild.

Lieber Opposition oder Regierung?

Neßler: Spannend. Diese Frage habe ich mir noch nicht gestellt.

Die TT-Chat-Nachlese mit Barbara Neßler:

Einstieg in die Politik

Es gab einen Moment in meinem Leben, da habe ich sehr viel reflektiert. Was ist mir im Leben wichtig? Und für mich war klar: Ich will die Welt besser verlassen, als ich sie vorgefunden habe. Darum habe ich mich für die Politik entschieden. Die Politik gibt einem dazu einen Handlungsspielraum, genau das zu tun.

Fridays for Future

Ich bewundere diese jungen Menschen, die sich jeden Freitag auf die Straße stellen und für ihre Zukunft kämpfen — und da wir für die gleiche Sache kämpfen, freut mich das umso mehr.

Leistbares Wohnen

Die Wohnsituation ist mittlerweile ein Wahnsinn. Ich wohne selber mit meinem Bruder zusammen, weil ich mir die Miete sonst auch nicht leisten könnte. Ich will, dass leistbares Wohnen in der Verfassung verankert wird. Es kann nicht sein, dass vor allem auch junge Menschen sich das Wohnen nicht mehr leisten können. Ein Dach über dem Kopf zu haben, ist kein Luxus, sondern ein Grundrecht.

Feuer-Inferno im Amazonas

Die Lunge der Welt wird gerade zerstört! Die Profitgier muss gestoppt werden. Es kann nicht sein, dass wir die Natur zerstören, die Menschen ihre Lebensgrundlage verlieren und Tausende Tiere sterben. Ganz klar: Das geht uns alle etwas an! Die EU muss hier ganz klar Druck machen.

CO2-Steuer

Es geht nicht nur um eine CO2-Steuer, sondern es geht um eine CO2-Steuer, die eingebettet in einem Gesamtkonzept ist, die sich öko-soziale Steuerreform nennt.

Grundeinkommen

Derzeit tendiere ich in Richtung bedingungsloser Grundsicherung, weil das nicht nur Gelder enthält, sondern auch Jobsicherheit und Pflege.


Würden Sie die Grünen davor warnen, mit der ÖVP von Sebastian Kurz eine Koalition zu bilden?

Neßler: Solange die Kurz-ÖVP Kinderarmut fördert, den Klimaschutz ignoriert und es nur um Inszenierung geht – solange fehlt mir die Fantasie, dass sich das ausgehen könnte.

Ihr Wahlziel?

Neßler: Zwei Mandate für die Grünen in Tirol.

Das Interview führte Manfred Mitterwachauer


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