Letztes Update am Sa, 07.09.2019 07:31

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Wahl 2019

Noch drei Wochen: Der Wahltag, ein Risikoprojekt

Noch drei Wochen Buhlen um jede Wählerstimme. Eine Risikoanalyse der Spitzenkandidaten.

Symbolfoto.

© Robert PariggerSymbolfoto.



Wien – Österreich wählt am 29. September ein neues Parlament. Noch drei Wochen Buhlen um jede Wählerstimme. Doch was passiert, wenn die Wähler anders als erhofft agieren? Eine Risikoanalyse der Spitzenkandidaten.

Kurz liegt mit großem Vorsprung voran.
Kurz liegt mit großem Vorsprung voran.
- APA

Favorit für das Kanzleramt

Die Umfragen sprechen eine klare Sprache. Die ÖVP wird sich als große Wahlsiegerin feiern lassen können. Sebastian Kurz steht vor der Rückkehr ins Kanzleramt. Er kann damit rechnen, dass er für die Regierungsbildung mehrere Optionen zur Verfügung hat. Seine Wunschkoalition, ein Zweierbündnis mit den NEOS, wird sich aber wohl nicht ausgehen. Also bleibt als Zweierkoalition ein Bündnis mit der FPÖ oder der SPÖ – oder Kurz versucht es mit den NEOS und den Grünen. Gefahr droht lediglich bei einer Mehrheit Rot-Grün-NEOS. Dann allerdings wäre die ÖVP im Jammertal – und Kurz vielleicht Geschichte. Doch die Umfragen sprechen eine klare Sprache.

Rendi-Wagner stemmt sich gegen Umfragetief.
Rendi-Wagner stemmt sich gegen Umfragetief.
- APA

Wenn ein historisches Minus droht

Die Zeiten der Kanzlerpartei SPÖ scheinen vorbei zu sein. Auch wenn Pamela Rendi-Wagner das Unmögliche für möglich hält. Sie kann nur hoffen, mit Grünen und NEOS eine Parlamentsmehrheit zu erzielen. Nur so kann sie Kanzlerin werden. Gelingt ihr das, was nach derzeitigem Stand als Riesenüberraschung bezeichnet werden müsste, dann braucht die SPÖ-Vorsitzende nichts zu befürchten. Doch die Meinungsforscher gehen davon aus, dass die SPÖ ihr historisch schlechtestes Ergebnis einfahren könnte. Dann droht also die harte Oppositionsbank oder die ungeliebte Rolle des ÖVP-Juniorpartners. Beides könnte einen Machtkampf in der Partei auslösen.

Hofer will mit der ÖVP weiterregieren.
Hofer will mit der ÖVP weiterregieren.
- APA

Ibiza und die vielen Einzelfälle

Nach herkömmlichen politischen Kriterien wäre alles einfach zu erklären. Nach dem Ibiza-Video und nach den zahlreichen (antisemitischen und rassistischen) Einzelfällen müsste die FPÖ nach dieser vorgezogenen Nationalratswahl eine schmerzhafte Landung hinlegen. Aber schon die Europawahl zeigte, dass die Blauen eine Stammwählerschaft besitzt, die hart im Nehmen ist. Parteichef Norbert Hofer wirbt offen für die Fortsetzung der Koalition mit der ÖVP. Und Türkis-Blau II ist durchaus realistisch. Denn einerseits werden der FPÖ zwar Verluste vorhergesagt, aber eine Mehrheit mit der ÖVP gilt als sicher. Gefahr droht Hofer höchstens parteiintern.

Meinl-Reisinger bringt die Pinken voran.
Meinl-Reisinger bringt die Pinken voran.
- APA

Pinke Alternative zu Türkis

Zwischen dem erstmaligen Parlaments- einzug 2013 (5 Prozent) und der Wahl 2017 (5.3 Prozent) machte sich Stagnation breit. Dann auch noch der Rückzug von Parteigründer Matthias Strolz. Doch mit der neuen Chefin Beate Meinl-Reisinger haben die Pinken Fahrt aufgenommen, sie können auf ein kräftiges Plus hoffen. Sie profitieren vor allem von Bürgerlichen, die mit der neuen ÖVP-Politik nichts mehr anfangen können. Gesellschaftspolitisch und wirtschaftspolitisch bieten sich die Pinken als Alternative zu den Türkisen an. Eine Regierungsbeteiligung spielt sich aber wohl nur bei einer Dreierkoalition. Intern ist und bleibt Meinl-Reisinger jedenfalls unumstritten.

Pilz hofft bis zuletzt auf den Wiedereinzug.
Pilz hofft bis zuletzt auf den Wiedereinzug.
- APA

Pilz oder JETZT ist das Ende nah

Bei der Nationalratswahl 2017 konnte sich Parteigründer Peter Pilz feiern lassen. Ohne Budget, ohne Plakate schaffte er den Einzug ins Hohe Haus. Seine langjährigen Weggefährten verfielen zeitgleich in Agonie. Die Grünen flogen aus dem Parlament. Doch heute, nach einem mehr als nur holprigen Ankommen im Parlament, steht Pilz mit seiner Liste JETZT mit dem Rücken zur Wand. Nach dem Aderlass der Parlamentsmannschaft musste er neue Mitstreiter finden. Die Umfragen bescheinigen ihm ein klares Scheitern an der Vier-Prozent-Hürde. Wenn das passiert, dann wird aus dem Aufdecker ein Pensionist, und die Partei, die anfangs seinen Namen trug, wird sich auflösen.

Kogler übernahm die Grünen am Tiefpunkt.
Kogler übernahm die Grünen am Tiefpunkt.
- Thomas Boehm / TT

Rückkehr ins Parlament

Nach dem Absturz der Grünen war er der Masseverwalter. Jetzt ist Werner Kogler drauf und dran – nach einer erfolgreichen Europawahl –, den Grünen eine triumphale Rückkehr ins Parlament zu ermöglichen. Alles, was den Grünen 2017 fehlte, haben sie jetzt: Vor zwei Jahren kam ihnen mit Eva Glawischnig die Parteichefin abhanden, in der Partei gab es Zank, Peter Pilz spaltete die Partei und die Themenlage (Asyl, Flüchtlinge) spielte der FPÖ und der ÖVP in die Hände. Jetzt können die Grünen auf Geschlossenheit setzen, Pilz ist keine Bedrohung mehr – und vor allem haben die Grünen mit dem Klimawandel ein zentrales Wahlkampf­thema auf ihrer Seite. (misp)