Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 30.09.2019


Wahl 2019

Kurz triumphiert und wartet ab: Der Gewinner lässt sich alles offen

Sebastian Kurz ist vom Ergebnis der ÖVP „überwältigt“. Mit welchem Partner er eine nächste Regierung bilden will, sagt er noch nicht. Im Umfeld der ÖVP ist eine Präferenz für die Grünen auszumachen.

Vier Monate nach der Abwahl der türkisen Bundesregierung steht Sebastian Kurz vor der Rückkehr ins Kanzleramt. „Ein Riesentraum“, meinte er.

© APAVier Monate nach der Abwahl der türkisen Bundesregierung steht Sebastian Kurz vor der Rückkehr ins Kanzleramt. „Ein Riesentraum“, meinte er.



Von Wolfgang Sablatnig

Wien — „Kanzler Kurz! Kanzler Kurz!" Moderator Peter L. Eppinger gab bei der Wahlparty der Türkisen den Einpeitscher. Das Publikum stieg dankbar ein. Die Ex-Minister der vor vier Monaten abgewählten Regierung, dahinter die einfachen Funktionäre und Fans, mit handgeschriebenen „Kurz"-Tafeln, teilweise mit Kindern auf den Schultern, jedenfalls begeistert. Bei der ersten Hochrechnung gab es dann kein Halten mehr. Aber eine Frage blieb im Kursalon Hübner am Rand des Wiener Stadtparks unbeantwortet: die nach einer künftigen Koalition.

Jubel der türkisen Promis (v. l.): August Wöginger, Hartwig Löger, Margarete Schramböck, Elisabeth Köstinger.
Jubel der türkisen Promis (v. l.): August Wöginger, Hartwig Löger, Margarete Schramböck, Elisabeth Köstinger.
- APA

Der Stimmung tat dies keinen Abbruch. Schon gar nicht, als über eine Stunde später Sebastian Kurz auf der Bühne stand. Er sei fast sprachlos, sagte er. „Dieses Ergebnis ist ein Riesentraum. Es ist eine große Verantwortung. Wir nehmen diese Verantwortung demütig und respektvoll an."

Aber die Frage nach einer künftigen Koalition? Kurz ließ sie offen, so wie auch in TV-Diskussionen und Interviews, denen er sich im Anschluss stellte. Er kündigte nur an, mit allen Parteien Gespräche führen zu wollen. Eine Ansage für einen Lieblingspartner war ihm nicht zu entlocken — FPÖ-Generalsekretär Harald Vilimsky hatte da schon längst angekündigt, dass die FPÖ ihr Glück in der Opposition versuchen wolle.

Keine Festlegung war auch das Motto vieler Gäste. „Heute wird gefeiert", war der bei der Party am häufigsten gehörte Satz. Und welche Regierung? Noch wisse man ja gar nicht, wie sich die anderen Parteien personell und inhaltlich für die Zukunft aufstellen.

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Die ÖVP als große Gewinnerin braucht sich die Fragen nach der künftigen Aufstellung nicht zu stellen. Nur einmal in den vergangenen 30 Jahren hatte die Volkspartei bei einer Nationalratswahl besser abgeschnitten, und zwar 2002 unter Wolfgang Schüssel. Und überhaupt noch nie seit 1945 war der Abstand der erst- zur zweitplatzierten Partei größer als dieses Mal. 1990 hatte die SPÖ unter Franz Vranitzy die damals noch schwarze Volkspartei um knapp elf Prozent abgehängt. Gestern lag Türkis um 15 Punkte vor Rot.

Kurz hat sein Ziel einer Rückkehr ins Kanzleramt damit so gut wie erreicht. Noch einmal bemühte er den Slogan aus dem Wahlkampf, dass nämlich das Parlament ihn abgewählt habe, letztlich aber das Volk entscheiden werde. Er sei „irrsinnig dankbar", nun „zurückgewählt" worden zu sein.

Wie deutlich diese „Rückwahl" erfolgte, zeigt ein Blick auf die Einzelergebnisse. Außer Wien sind alle Bundesländer türkis eingefärbt. Und außerhalb von Wien gibt es nur drei Städte mit roter Mehrheit, Linz, Wels und Steyr.

Diesem Ergebnis entsprechend fielen die Kommentare am Rand der Party aus. Johannes Hahn, EU-Kommissar: „Das ist ein klarer Auftrag der Wähler und gibt Kurz alle Möglichkeiten." Harald Mahrer, Präsident der Wirtschaftskammer: „Das ist ein historisches Ergebnis und eine klare Bestätigung des Kurses von Sebastian Kurz."

Margarete Schramböck, Ex-Wirtschaftsministerin und Spitzenkandidatin der Tiroler ÖVP: „Ich freue mich über dieses großartige Ergebnis. Die, die uns abgewählt haben, haben die Rechnung dafür bekommen."

Und welche Koalition soll Kurz nun anstreben? „Ich erteile keine Muppets-Ratschläge vom Balkon", sagte — stellvertretend für viele — die frühere Ministerin und Generalsekretärin Maria Rauch-Kallat. Auch die niederösterreichische Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner wollte Kurz „von außen keine Empfehlung geben".

Hinter vorgehaltener Hand steuerten dennoch viele ihre Ansichten und Erlebnisse bei. „In Tirol sind die Funktionäre eher für die Grünen. Aber je weiter du nach Osten kommst, umso mehr sind es noch die Blauen", war da etwa zu hören. Die SPÖ kam in dieser Erzählung nicht vor.

„Kurz kann sich von den Blauen befreien. Das hilft ihm international", hieß es an anderer Stelle. „Bei den Blauen werden die Hackeln jetzt tief fliegen", erwartet ein Dritter.

Nur wenige gaben Einblick in ihre Präferenzen. So wie der frühere Nationalratspräsident Andreas Khol: Türkis-Grün wäre eine „glaubwürdige Möglichkeit" — ausschließen wolle er aber auch eine Koalition mit der SPÖ oder der FPÖ nicht. Oder Christoph Neumayer, der Generalsekretär der Industriellenvereinigung: „Das gute Abschneiden der Grünen könnte man als Auftrag verstehen", meinte er